McDonald-Kriterien
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Loslegennach dem neuseeländischen Neurologen William Ian McDonald (1933–2006)
Englisch: McDonald criteria
Definition
Die McDonald-Kriterien dienen der Diagnosestellung einer Multiplen Sklerose.
Hintergrund
Die McDonald-Kriterien werden durch das International Advisory Committee on Clinical Trials in Multiple Sclerosis (IACCTMS) regelmäßig überarbeitet, um neue Forschungsergebnisse zu berücksichtigen. Die 2024 revidierte Version ersetzt die Fassung von 2017. Sie soll die Diagnosestellung bei unverändert hoher Spezifität beschleunigen.[1]
In geeigneten Situationen kann die diagnostische Sensitivität steigen, etwa durch die Aufnahme des Sehnervs als fünfte Lokalisation sowie durch Zusatzmarker wie zentrales Venenzeichen, paramagnetische Randläsionen und kappa-Freie-Leichtketten (κFLC) im Liquor bzw. κ-FLC-Index.
Die aktualisierten Kriterien schaffen einen einheitlichen Rahmen für alle Verlaufsformen (schubförmig und progredient) und Altersgruppen (pädiatrisch bis Spätbeginn).
Indikation
Die McDonald-Kriterien werden angewendet bei:
- Verdacht auf Multiple Sklerose nach einem ersten demyelinisierenden Ereignis (klinisch isoliertes Syndrom)
- unklaren neurologischen Symptomen mit Verdacht auf entzündlich-demyelinisierende Genese
- Zufallsbefunden MS-typischer Läsionen in der Bildgebung (radiologisch isoliertes Syndrom)
Kriterien
Für die Diagnose einer Multiplen Sklerose ist in den meisten Fällen eine typische Schubsymptomatik erforderlich. Ergänzend müssen bildgebende Befunde die räumliche Dissemination belegen. Der Nachweis einer zeitlichen Dissemination bleibt in den Kriterien von 2024 als Option möglich. Er ist aber nicht mehr in allen Konstellationen zwingend erforderlich. Alternativ können auch Liquorbefunde wie oligoklonale Banden (OKB) oder κFLC die Diagnose stützen. Ebenso können spezifische radiologische Marker wie das zentrale Venenzeichen oder paramagnetische Randläsionen herangezogen werden.
Die Diagnose einer Multiplen Sklerose basiert auf einem regionsbasierten Algorithmus. Die folgende Übersicht gilt für Patienten mit typischem Schubbeginn oder objektiv dokumentierter klinischer Progression.
| Anzahl betroffener Regionen | Zusätzliche Kriterien erforderlich |
|---|---|
| 4–5 Regionen | Keine weiteren Kriterien erforderlich. Die Diagnose kann allein aufgrund der räumlichen Dissemination gestellt werden. |
| 2–3 Regionen | Zusätzlich erforderlich ist mindestens eines der folgenden Kriterien:
|
| 1 Region | Zusätzlich erforderlich sind zwei Kriterien in Kombination:
|
Bei klinischer Progression über mindestens 12 Monate (primär progrediente MS) gelten dieselben Kriterien.
Bei asymptomatischen Personen mit inzidentellen, MS-typischen MRT-Läsionen ist bei Läsionen in ≥ 2 Regionen zusätzlich eines der folgenden Kriterien erforderlich:
- zeitliche Dissemination
- Nachweis einer intrathekalen Immunglobulinsynthese durch oligoklonale IgG-Banden oder κ-FLC-Index.
- zentrales Venenzeichen positiv*
* Das zentrale Venenzeichen wird nach der Select-6-Regel beurteilt: Es gilt als positiv, wenn mindestens 6 Marklagerläsionen eine zentrale Vene aufweisen. Bei weniger als 10 Läsionen muss die Mehrzahl eine zentrale Vene zeigen. Die Beurteilung erfolgt in SWI- oder T2*-gewichteten Sequenzen, idealerweise mit 3 Tesla. Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ist CVS-Positivität nur anzunehmen, wenn mehr als 50 Prozent der T2-Läsionen ein zentrales Venenzeichen aufweisen; die Select-6-Regel ist hierfür nicht validiert.
Räumliche Dissemination
Die räumliche Dissemination im MRT ist erfüllt, wenn MS-typische Herde an mindestens zwei der folgenden Lokalisationen sichtbar sind:
| Ort | Erklärung |
|---|---|
| kortikal/juxtakortikal | Im Kortex gelegen/den Kortex direkt berührend, ohne dass weiße Substanz zwischen Kortex und der Läsion zu sehen ist |
| periventrikulär | Die Seitenventrikel direkt berührend, ohne dass weiße Substanz zwischen Ventrikel und der Läsion zu sehen ist |
| infratentoriell | Typische Läsionen im Hirnstamm oder Kleinhirn |
| spinal | Intramedulläre Läsion im Rückenmark |
| Sehnerv | Nachweis einer demyelinisierenden Sehnervbeteiligung. Auch eine subklinische (asymptomatische) Sehnervbeteiligung kann zur Erfüllung der räumlichen Dissemination herangezogen werden.
Möglich über MRT, OCT oder VEP, bei Ausschluss besserer Erklärungen: MRT: eine oder mehrere Läsionen des Sehnervs, sofern kein Befund vorliegt, der eher auf eine andere Ursache hinweist, etwa eine ausgeprägte Chiasmabeteiligung, Optikus-Perineuritis oder langstreckige, extensive Läsion. OCT: pathologisch bei interokulärer Differenz der peripapillären retinalen Nervenfaserschicht (RNFL) ≥ 6 µm oder der Ganglienzellschicht/inneren plexiformen Schicht (GCIPL) ≥ 4 µm. Die Messung sollte qualitätsgesichert sein (OSCAR-IB-Kriterien), möglichst ab 3 Monaten nach einseitiger akuter Optikusneuritis.[2] [3] Anmerkung: Bei bilateraler Sehnervbeteiligung sind interokuläre OCT-Differenzen weniger sensitiv. VEP: pathologisch bei verzögerter P100-Latenz oder asymmetrischer interokulärer Latenz, jeweils ≥ 2,5 Standardabweichungen über dem laborbezogenen Referenzwert. Durchführung nach ISCEV-Standards mit zentrumeigenen Normdaten.[2][4] |
Bei klinischer Progression über mindestens zwölf Monate genügen zwei spinale Läsionen für die räumliche Dissemination.
Zeitliche Dissemination
Die zeitliche Dissemination ist weiterhin definiert durch:
- mindestens eine neue T2-Läsion in einer Verlaufs-MRT
- mindestens eine Gadolinium-aufnehmende Läsion
- das gleichzeitige Auftreten von Gadolinium-aufnehmenden und nicht-aufnehmenden Läsionen in einer Untersuchung
- einen weiteren klinischen Schub
Mit der Revision 2024 ist die zeitliche Dissemination in spezifischen Situationen für die Diagnosestellung nicht mehr zwingend erforderlich. Für einen Nachweis der zeitlichen Dissemination anhand einer Sehnervläsion mittels longitudinaler OCT oder VEP besteht derzeit keine gesicherte Evidenz.
Technik
Die praktische Anwendung der McDonald-Kriterien erfolgt schrittweise:
- Klinische Evaluation: Anamnese und neurologische Untersuchung zur Identifikation MS-typischer Symptome
- MRT-Bildgebung: Gehirn-MRT mit Kontrastmittel als Basisuntersuchung, ergänzt durch spinale MRT
- Liquordiagnostik: Bestimmung von oligoklonalen Banden und κFLC-Index
- Zusatzuntersuchungen: OCT oder VEP bei Sehnervbeteiligung, suszeptibilitätsgewichtete Sequenzen für zentrale Venenzeichen
- Synthese: Zusammenführung aller Befunde gemäß dem regionsbasierten Algorithmus
Asymptomatische Läsionen und radiologisch isoliertes Syndrom
Das radiologisch isolierte Syndrom wird als asymptomatische Konstellation nach den in der Tabelle dargestellten Kriterien beurteilt.
Vorteile
Die aktualisierten Kriterien bieten folgende Vorteile:
- Frühere Diagnosestellung bei hoher Spezifität ermöglicht frühzeitigen Therapiebeginn.
- Einheitliche Kriterien für alle MS-Verlaufsformen und Altersgruppen.
- Integration moderner bildgebender Marker wie zentrales Venenzeichen und paramagnetische Randläsionen.
- Berücksichtigung des Sehnervs als fünfte topographische Region.
- Flexiblerer Algorithmus durch regionsbasierten Ansatz.
Nachteile
Die Anwendung der Kriterien weist folgende Limitationen auf:
- Die Komplexität der Kriterien erfordert spezialisierte Expertise.
- Nicht alle erforderlichen Untersuchungen sind flächendeckend verfügbar, beispielsweise 3-Tesla-MRT und suszeptibilitätsgewichtete Sequenzen.
- Die neuen Marker sind bei pädiatrischen Patienten nur begrenzt validiert.
- Bei asymptomatischen Läsionen besteht ein Potenzial für Überdiagnosen.
- Bei atypischen oder unspezifischen Präsentationen besteht trotz zusätzlicher diagnostischer Anforderungen ein erhöhtes Risiko für Fehl- und Überdiagnosen.
Anmerkungen
Eine rein klinische Diagnose ohne paraklinische Nachweise wird nicht empfohlen. Bei jeder Erstdiagnose einer Multiplen Sklerose soll eine Liquordiagnostik erfolgen, auch wenn die Diagnose bereits anhand von MRT sowie OCT oder VEP gestellt werden kann. Zur Erstabklärung erfolgt ein Gehirn-MRT mit Kontrastmittel. Bei Diagnosestellung sollte routinemäßig zusätzlich eine MRT des Rückenmarks erfolgen. Suszeptibilitätsgewichtete Sequenzen sind für das zentrale Venenzeichen und paramagnetische Randläsionen sinnvoll, wenn verfügbar.
Bei Erstmanifestation ab dem 50. Lebensjahr, bei relevanten vaskulären Risikofaktoren oder bei Migräne sollten zur Bestätigung der Diagnose zusätzlich mindestens eines der folgenden Merkmale nachgewiesen werden: positiver Liquorbefund, zentrales Venenzeichen oder paramagnetische Randläsionen.
Der routinemäßige Einsatz serologischer Antikörpertests auf MOG-IgG und AQP4-IgG ist nicht sinnvoll. Bei Kindern unter 12 Jahren wird eine MOG-IgG-Testung beim ersten demyelinisierenden Ereignis empfohlen. Bei Jugendlichen ab 12 Jahren und Erwachsenen erfolgt die Bestimmung von MOG-IgG beziehungsweise AQP4-IgG gezielt, wenn die Konstellation untypisch ist oder MOGAD beziehungsweise NMOSD vermutet wird. Bleibt die Diagnose unsicher, sollte eine engmaschige klinische Reevaluation mit Verlaufs-MRT erfolgen, zum Beispiel nach 6 bis 12 Monaten.
Quellen
- ↑ Montalban et al. Diagnosis of multiple sclerosis: 2024 revisions of the McDonald criteria. Lancet Neurol. 2025.
- ↑ 2,0 2,1 Saidha et al., The use of optical coherence tomography and visual evoked potentials in the 2024 McDonald diagnostic criteria for multiple sclerosis, The Lancet Neurology, 2025
- ↑ Tewarie et al., The OSCAR-IB Consensus Criteria for Retinal OCT Quality Assessment, PLoS ONE, 2012
- ↑ Odom et al., ISCEV standard for clinical visual evoked potentials (2016 update), Documenta Ophthalmologica, 2016