Harm Reduction
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LoslegenSynonyme: Schadensminimierung, Schadensminderung
Definition
Harm Reduction bezeichnet Konzepte, Programme und Maßnahmen, welche primär darauf abzielen, die gesundheitlichen, sozialen und rechtlichen Folgen des Konsums psychoaktiver Substanzen zu reduzieren, ohne den Substanzkonsum selbst oder die Abstinenz zwingend vorauszusetzen. Definierendes Merkmal ist die Fokussierung auf die Prävention von Schäden statt auf die Prävention des Konsums.
Der Ansatz adressiert insbesondere Personen, welche nicht abstinent leben können oder wollen.
Hintergrund und Geschichte
Harm Reduction Ansätze entwickelten sich in den frühen 1980er Jahren, maßgeblich getrieben durch die HIV-/AIDS-Epidemie unter injizierenden Drogenkonsumierenden. Das erste kommunal betriebene Spritzenaustauschprogramm wurde 1984 in Amsterdam eingerichtet, initiiert durch die Selbsthilfeorganisation "JunkieBond" - zunächst zur Prävention von Hepatitis B, bald jedoch mit dem vorrangigen Ziel der AIDS-Prävention. Die HIV-/AIDS-Epidemie trug ab Mitte der 1990er-Jahre zur breiteren internationalen Anerkennung der Wirksamkeit von Harm-Reduction-Maßnahmen bei. In Deutschland etablierte sich in diesem Zusammenhang das Konzept der "akzeptierenden Drogenarbeit". Die ersten Drogenkonsumräume nahmen dort ab 1994 unter landesbehördlicher Duldung ihren Betrieb auf.
Harm Reduction gilt heute neben Prävention, Therapie und Repression als eine Säule moderner Drogenpolitik.
Kernmaßnahmen
Reduktion von konsumassoziierten Infektionen und Überdosierungen
Zu den zentralen Interventionen der Harm Reduction bei illegalen Substanzen zählen Spritzen- und Nadeltauschprogramme, also die Bereitstellung steriler Injektionsutensilien zur Reduktion von HIV- und HCV-Übertragungen.
Drogenkonsumräume sind Räumlichkeiten für den hygienischen, überwachten Konsum mitgebrachter Substanzen mit sofort einsatzbereiter medizinischer Notfallausrüstung. Beim sogenannten "Take-Home-Naloxon" wird der Opioidagonist Naloxon - unter anderem als Nasenspray - an Konsumierende und Angehörige zur Laienhilfe bei Opioidüberdosierungen ausgegeben.
Zusätzliche gesundheitliche Aufklärung
Drug Checking umfasst die qualitative und quantitative chemische Analyse mitgeführter Substanzen mit anschließender Risikobewertung und gesundheitlicher Aufklärung.
Substitutionstherapie
Die Opioid-Substitutionstherapie, beziehungsweise Opioid-Agonisten-Therapie, erfolgt mit Methadon, Levomethadon oder Buprenorphin. Die heroingestützte Behandlung mit Diamorphin (Diacetylmorphin) stellt eine Sonderform für therapierefraktäre Fälle dar.
Situation in Deutschland
Rechtsgrundlage für Drogenkonsumräume ist § 10a BtMG, welches seit 01.04.2000 in Kraft ist. Der Betrieb bedarf einer Erlaubnis der obersten Landesbehörde auf Basis einer Landesrechtsverordnung. Im Datenjahr 2024 wurden 33 Drogenkonsumräume in acht Bundesländern betrieben. Dabei wurden mehrere hundertrausend Konsumvorgänge und mehrere hundert Notfälle - jedoch kein Todesfall - verzeichnet.
Naloxon-Nasenspray ist in Deutschland zugelassen und verordnungsfähig. Das bundesweite Modellprojekt "NALtrain" etablierte zwischen 2021 und 2024 qualitätsgesicherte Take-Home-Naloxon-Schulungen für Multiplikatoren aus der Drogen- und Aidshilfe.
Für Drug-Checking wurde im Juli 2023 mit § 10b BtMG eine bundeseinheitliche Rechtsgrundlage für Modellvorhaben geschaffen. Die Umsetzung obliegt den Ländern.
Die Substitutionstherapie ist ebenfalls im BtMG und in der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) geregelt. Zulässige Substitutionsmittel sind Methadon, Levomethadon, Buprenorphin und Diamorphin.
Schweiz und Österreich
In der Schweiz basiert die Drogenpolitik seit den 1990er-Jahren auf dem Viersäulenmodell (Prävention, Therapie, Schadensminimierung, Repression), welches 2008 per Volksabstimmung im Betäubungsmittelgesetz verankert wurde. Die heroingestützte Behandlung mit Diacetylmorphin wurde 1994 im Rahmen einer nationalen Studie eingeführt und später dauerhaft gesetzlich verankert.
In Österreich ist die Opioid-Substitutionstherapie breit etabliert und über das Suchtmittelgesetz, die Suchtgiftverordnung sowie den Substitutionserlass geregelt. Spritzenaustauschprogramme und niedrigschwellige Angebote bestehen - Drogenkonsumräume existieren jedoch nicht.
Kritik
Kritiker führen an, Harm Reduction fördere oder verlängere den Substanzkonsum - hierfür liegt jedoch keine belastbare Evidenz vor.
Kontrovers diskutiert werden zudem die uneinheitliche populationsbezogene Wirkung von Drogenkonsumräumen sowie die anhaltende Stigmatisierung von Konsumierenden als Barriere für die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten.
Quellen und Literatur
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- Bundeskriminalamt. (2024). Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität 2023.
- Harm Reduction International. (2022). What is harm reduction?
- MacArthur, G. J., van Velzen, E., Palmateer, N., Kimber, J., Pharris, A., Hope, V., Taylor, A., Roy, K., Aspinall, E., Goldberg, D., Rhodes, T., Hedrich, D., Salminen, M., Hickman, M., & Hutchinson, S. J. (2014). Interventions to prevent HIV and hepatitis C in people who inject drugs: A review of reviews to assess evidence of effectiveness. International Journal of Drug Policy, 25(1), 34–52.
- Moustaqim-Barrette, A., Dhillon, D., Ng, J., Sundvick, K., Ali, F., Elton-Marshall, T., Leece, P., Rittenbach, K., Ferguson, M., & Buxton, J. A. (2021). Take-home naloxone programs for suspected opioid overdose in community settings: A scoping umbrella review. BMC Public Health, 21, Article 597.
- Sordo, L., Barrio, G., Bravo, M. J., Indave, B. I., Degenhardt, L., Wiessing, L., Ferri, M., & Pastor-Barriuso, R. (2017). Mortality risk during and after opioid substitution treatment: Systematic review and meta-analysis of cohort studies. BMJ, 357, Article j1550.