Harm Reduction
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LoslegenSynonyme: Schadensminimierung, Schadensminderung
Englisch: harm reduction
Definition
Harm Reduction bezeichnet Konzepte und Maßnahmen, die primär darauf abzielen, die gesundheitlichen, sozialen und rechtlichen Folgen des Konsums psychoaktiver Substanzen zu reduzieren, ohne zwingend eine Beendigung des Konsums oder Abstinenz vorauszusetzen.[1] Definierendes Merkmal ist die Fokussierung auf die Prävention von Schäden statt auf die Prävention des Konsums.
Der Ansatz adressiert vor allem Personen, die nicht abstinent leben können oder wollen.
Hintergrund und Geschichte
Harm-Reduction-Ansätze entwickelten sich in den frühen 1980er Jahren, maßgeblich getrieben durch die HIV-/AIDS-Epidemie unter injizierenden Drogenkonsumierenden. Das erste öffentlich getragene Spritzenaustauschprogramm wurde 1984 in Amsterdam eingerichtet – initiiert durch die Selbsthilfeorganisation "Junkiebond", jedoch mit städtischer Unterstützung durchgeführt: Das Gesundheitsamt beschaffte sterile Spritzen und übernahm die fachgerechte Entsorgung. Zunächst diente es der Prävention von Hepatitis B, bald jedoch mit dem vorrangigen Ziel der AIDS-Prävention. Die HIV-/AIDS-Epidemie trug bereits seit den späten 1980er-Jahren wesentlich zur internationalen Anerkennung der Wirksamkeit von Harm-Reduction-Maßnahmen bei. In Deutschland etablierte sich in diesem Zusammenhang das Konzept der "akzeptierenden Drogenarbeit". Die ersten Drogenkonsumräume nahmen dort ab 1994 unter landesbehördlicher Duldung ihren Betrieb auf.
Harm Reduction gilt heute neben Prävention, Therapie und Repression als eine Säule moderner Drogenpolitik.
Kernmaßnahmen
Reduktion von konsumassoziierten Infektionen und Überdosierungen
Zu den zentralen Interventionen der Harm Reduction bei illegalen Substanzen zählen Programme zur Bereitstellung steriler Injektionsutensilien (Nadel- und Spritzenprogramme) zur Reduktion von HIV- und HCV-Übertragungen.[2][3]
Drogenkonsumräume sind Räumlichkeiten für den hygienischen, überwachten Konsum mitgebrachter Substanzen mit sofort einsatzbereiter medizinischer Notfallausrüstung. Beim sogenannten "Take-Home-Naloxon" wird der Opioidantagonist Naloxon – unter anderem als Nasenspray – an Konsumierende und Angehörige zur Laienhilfe bei Opioidüberdosierungen ausgegeben.[4]
Zusätzliche gesundheitliche Aufklärung
Drug-Checking umfasst die chemische Analyse mitgeführter Substanzen, gegebenenfalls einschließlich quantitativer Bestimmung, mit anschließender Risikobewertung und gesundheitlicher Aufklärung.
Substitutionstherapie
Die Opioid-Substitutionstherapie, beziehungsweise Opioid-Agonisten-Therapie, erfolgt mit Methadon, Levomethadon oder Buprenorphin.[5] Die heroingestützte Behandlung mit Diamorphin (Diacetylmorphin) stellt eine Sonderform für therapierefraktäre Fälle dar.
Situation in Deutschland
Rechtsgrundlage für Drogenkonsumräume ist § 10a BtMG, der seit 01.04.2000 in Kraft ist. Der Betrieb bedarf einer Erlaubnis der obersten Landesbehörde auf Basis einer Landesrechtsverordnung. Im Datenjahr 2024 wurden 33 Drogenkonsumräume in acht Bundesländern betrieben. Dabei wurden rund 850.000 Konsumvorgänge und etwa 750 Notfälle registriert. Ein Todesfall infolge eines Notfalls in einem Drogenkonsumraum trat dabei nicht auf.[6]
Naloxon-Nasenspray ist in Deutschland zugelassen und verordnungsfähig. Das bundesweite Modellprojekt "NALtrain" etablierte zwischen 2021 und 2024 qualitätsgesicherte Take-Home-Naloxon-Schulungen für Multiplikatoren aus der Drogen- und Aidshilfe.
Für Drug-Checking wurde im Juli 2023 mit § 10b BtMG eine bundeseinheitliche Rechtsgrundlage für Modellvorhaben geschaffen. Die Umsetzung obliegt den Ländern.
Die Substitutionstherapie ist ebenfalls im BtMG und in der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) geregelt. Zulässige Substitutionsmittel sind Methadon, Levomethadon, Buprenorphin und Diamorphin.
Schweiz und Österreich
In der Schweiz basiert die Drogenpolitik seit den 1990er-Jahren auf dem Viersäulenmodell (Prävention, Therapie, Schadensminimierung, Repression), welches 2008 per Volksabstimmung im Betäubungsmittelgesetz verankert wurde. Die heroingestützte Behandlung mit Diacetylmorphin wurde 1994 im Rahmen einer nationalen Studie eingeführt und später dauerhaft gesetzlich verankert.
In Österreich ist die Opioid-Substitutionstherapie breit etabliert und über das Suchtmittelgesetz, die Suchtgiftverordnung sowie den Substitutionserlass geregelt. Spritzenaustauschprogramme und niedrigschwellige Angebote bestehen – Drogenkonsumräume existieren jedoch nicht.
Kritik
Kritiker führen an, Harm Reduction fördere oder verlängere den Substanzkonsum. Die bisherige Evidenz zeigt hierfür jedoch keine überzeugenden Hinweise.
Kontrovers diskutiert werden zudem die uneinheitliche populationsbezogene Wirkung von Drogenkonsumräumen sowie die anhaltende Stigmatisierung von Konsumierenden als Barriere für die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten.
Quellen
- ↑ What is Harm Reduction?, abgerufen am 29.07.2026
- ↑ Aspinall et al., Are needle and syringe programmes associated with a reduction in HIV transmission among people who inject drugs: a systematic review and meta-analysis, Int J Epidemiol, 2014
- ↑ MacArthur et al., Interventions to prevent HIV and Hepatitis C in people who inject drugs: a review of reviews to assess evidence of effectiveness, Int J Drug Policy, 2014
- ↑ Moustaqim-Barrette et al., Take-home naloxone programs for suspected opioid overdose in community settings: a scoping umbrella review, BMC Public Health, 2021
- ↑ Sordo et al., Mortality risk during and after opioid substitution treatment: systematic review and meta-analysis of cohort studies, BMJ, 2017
- ↑ DKR final, abgerufen am 29.07.2026