Psychosomatik
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LoslegenSynonym: psychosomatische Medizin
Englisch: psychosomatic medicine, psychosomatics
Definition
Die Psychosomatik beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen somatischen (körperlichen) Störungen, Symptomen oder Krankheitsbildern und der Psyche. Sie bezeichnet sowohl eine fachübergreifende Betrachtungsweise als auch ein medizinisches Fachgebiet. In Deutschland besteht das eigenständige Fachgebiet "Psychosomatische Medizin und Psychotherapie".[1]
Hintergrund
Grundlage der Psychosomatik ist das biopsychosoziale Modell: Biologische Faktoren, psychisches Erleben, Verhalten und das soziale Umfeld tragen gemeinsam zur Entstehung, Aufrechterhaltung und Überwindung von Erkrankungen bei.
Die Betrachtung umfasst sowohl Einflüsse der Psyche auf Körperfunktionen als auch Auswirkungen körperlicher Erkrankungen auf die Psyche. Letzteres wird auch als Somatopsychik bezeichnet. Die Psychosomatik hat also keinen einseitigen Fokus auf psychische Krankheitsursachen.[1]
Psychosomatose ist ein historisch geprägter Begriff für körperliche Erkrankungen mit angenommenen psychischen Entstehungsbedingungen. Die Vorstellung fest umrissener, primär psychogen verursachter Organerkrankungen bildet die differenziertere biopsychosoziale Betrachtung nur noch unzureichend ab.[1]
Klinische Arbeitsfelder
Zu den Arbeitsfeldern der Psychosomatik gehören unter anderem:
- funktionelle Störungen und Syndrome, beispielsweise das Reizdarmsyndrom
- somatoforme Störungen bzw. körperliche Belastungsstörungen
- Essstörungen, beispielsweise Anorexia nervosa und Bulimia nervosa
- psychische und verhaltensbezogene Einflussfaktoren bei körperlichen Erkrankungen
- Krankheitsverarbeitung sowie psychische Folgen und Begleiterkrankungen bei körperlichen Erkrankungen, etwa Depression oder Angststörungen
Funktionelle Beschwerden sind nicht automatisch Ausdruck einer psychischen Störung.[1][2]
Mechanismen
Je nach Krankheitsbild können unterschiedliche Mechanismen zusammenwirken:
- Veränderungen der autonomen und neuroendokrinen Stressregulation
- veränderte Verarbeitung körperlicher Signale, insbesondere bei der Interozeption und Schmerzwahrnehmung
- Wechselwirkungen zwischen Aufmerksamkeit, Erwartungen, Emotionen und körperlichen Empfindungen
- Verhaltensmuster wie Vermeidung oder anhaltende Überlastung
- soziale Belastungen und verfügbare Unterstützung
Diese Prozesse können Beschwerden beeinflussen, erklären jedoch nicht jeden Einzelfall. Sie sind kein Beleg für eine ausschließlich psychische Verursachung.[3]
Diagnostik
Der Fokus der Untersuchungen richtet sich nach dem Beschwerdebild. Körperliche und psychosoziale Faktoren werden möglichst gleichzeitig erhoben. Die Diagnostik berücksichtigt Symptome, Verlauf, Funktionsbeeinträchtigungen, Vorbefunde und mögliche Warnzeichen.
Die Beschwerden sollten vom Behandler ohne Bias als real und behandlungsbedürftig eingeordnet werden. Ein gemeinsam entwickeltes Erklärungsmodell unterstützt die Behandlung. Bei neuen oder veränderten Symptomen ist eine erneute somatische Bewertung erforderlich.[2]
Aus dem Fehlen eines erklärenden Organbefundes lässt sich keine psychische Ursache ableiten.[4]
Klassifikation
Die ICD-10 fasst somatoforme Störungen unter dem Code F45 zusammen. Die ICD-11 führt den Begriff der somatischen Belastungsstörung (bodily distress disorder, 6C20) ein, der einen großen Teil der früheren somatoformen Störungen konzeptionell neu ordnet. Diese neue Terminologie orientiert sich an der Störungskategorie Somatische Belastungsstörung und verwandte Störungen des DSM-5.
Kennzeichnend sind belastende körperliche Symptome und eine anhaltend übermäßige Aufmerksamkeit für diese Symptome mit relevanten Beeinträchtigungen. Eine körperliche Erkrankung kann gleichzeitig vorliegen. In diesem Fall muss die symptombezogene Aufmerksamkeit im Verhältnis zu Art und Schwere der Erkrankung deutlich übermäßig sein. Fehlende organische Erklärbarkeit ist kein notwendiges Diagnosekriterium. Unauffällige Untersuchungsbefunde oder wiederholte Arztkontakte allein rechtfertigen die Diagnose nicht.[5]
Für die Morbiditätskodierung in Deutschland ist weiterhin die ICD-10-GM maßgeblich (Stand: 2026).[6]
Die ICD-10-GM-Kategorie F54 erfasst psychische Faktoren und Verhaltenseinflüsse, die eine wesentliche Rolle bei körperlichen Erkrankungen spielen, ohne selbst eine anderweitig klassifizierbare psychische Störung darzustellen. Die körperliche Erkrankung wird zusätzlich kodiert. F54 ist keine Sammeldiagnose für sämtliche psychosomatischen Krankheitsbilder.[7]
Therapie
Die Behandlung ist abhängig von der genauen Diagnose und dem Schweregrad der Erkrankung. Sie erfolgt je nach Indikation ambulant, teilstationär, stationär oder rehabilitativ. Dabei stehen folgende Maßnahmen zur Verfügung:
- Aufklärung und gemeinsame Therapieplanung
- Behandlung körperlicher Erkrankungen und psychischer Begleiterkrankungen
- Förderung von Selbstmanagement und alltagsbezogener Funktionsfähigkeit
- Bewegungstherapie und sozialmedizinische Maßnahmen
- Psychotherapie
- Pharmakotherapie
Bei schweren Verläufen ist dabei ein multimodales Vorgehen empfehlenswert. Nicht jede funktionelle Beschwerde erfordert eine Psychotherapie.[4][3] Die Pharmakotherapie richtet sich nach der jeweiligen Diagnose. Antidepressiva können bei ausgewählten psychosomatischen Störungen auch ohne begleitende Depression eingesetzt werden.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Deter HC, Kruse J, Zipfel S. History, aims and present structure of psychosomatic medicine in Germany. Biopsychosoc Med. 2018;12:1.
- ↑ 2,0 2,1 Roenneberg C et al. Functional Somatic Symptoms. Dtsch Arztebl Int. 2019;116(33–34):553–560.
- ↑ 3,0 3,1 Löwe B et al. Persistent physical symptoms: definition, genesis, and management. Lancet. 2024;403(10444):2649–2662.
- ↑ 4,0 4,1 Henningsen P. Management of somatic symptom disorder. Dialogues Clin Neurosci. 2018;20(1):23–31.
- ↑ World Health Organization. Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders. Geneva: WHO; 2024.
- ↑ BfArM. ICD-11: BfArM veröffentlicht Testversion der deutschen ICD-11-Übersetzung. 23.02.2026.
- ↑ BfArM. ICD-10-GM 2026: F54 – Psychologische Faktoren oder Verhaltensfaktoren bei anderenorts klassifizierten Krankheiten.