Skoliose
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Scoliosis, Wirbelsäulenverkrümmung
Englisch: scoliosis
Definition
Unter einer Skoliose versteht man eine fixierte seitliche Abweichung der Wirbelsäule von ihrer physiologischen Längsachse. Sie geht mit einer Rotation um die Längsachse und Torsion der Wirbelkörper einher – also einer Verschiebung der Deck- und Grundplatten gegeneinander – und wird von strukturellen Verformungen der Wirbelkörper begleitet. Es handelt sich somit um eine dreidimensionale Deformität. Radiologisch spricht man definitionsgemäß ab einem Cobb-Winkel von 10° von einer Skoliose.[1]
Epidemiologie
Die adoleszente idiopathische Skoliose betrifft Kinder und Jugendliche zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr mit einer Häufigkeit zwischen etwa 0,47 % und 5,2 %. Ausgeprägte, behandlungsbedürftige Krümmungen treten dabei deutlich häufiger bei Mädchen auf.[1]
Ätiologie
Idiopathische Skoliose
Etwa 90 % der Skoliosen im Wachstumsalter sind idiopathisch. Die Ätiopathogenese ist bisher (2026) nicht abschließend geklärt. Angenommen wird eine multifaktorielle Genese aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren. Diskutiert werden unter anderem das weibliche Geschlecht, endokrinologische Faktoren, ein vermehrtes Längenwachstum der ventralen Wirbelsäule sowie genetische Faktoren.[2] Nach dem Zeitpunkt der Manifestation wird die idiopathische Skoliose in infantile (bis 3. Lebensjahr), juvenile (4.–9. Lebensjahr) und adoleszente Form (ab 10. Lebensjahr) unterteilt.
Sekundäre Skoliose
Etwa 10 % der Skoliosen lassen sich auf andere Erkrankungen zurückführen. Die Hauptgruppen sind:
- osteopathische Skoliosen (z.B. bei Halbwirbeln, kongenitalen Fehlbildungen)
- myopathische Skoliosen (z.B. bei Muskeldystrophie)
- neuropathische Skoliosen, z.B. bei Poliomyelitis, Neurofibromatose, Zerebralparese oder posttraumatischen Lähmungen
Einteilung
Neben der ätiologischen Einteilung wird die Skoliose nach dem Ausmaß der Hauptkrümmung (Cobb-Winkel) sowie nach dem Krümmungsmuster (thorakal, thorakolumbal, lumbal, Doppelkrümmung) klassifiziert. Zur standardisierten Beschreibung operativer Krümmungen dienen die Klassifikationen nach Lenke bzw. King.[1]
Symptome
Subjektive Beschwerden bestehen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter eher selten. Ärztliche Konsultationen erfolgen häufig aufgrund eines Schulterschiefstandes oder eines Rippenbuckels. Erst bei stark ausgeprägter Skoliose kommt es zu Beschwerden durch eingeengte Brust- oder Bauchorgane (z.B. Dyspnoe). In besonders schweren Fällen können sich über die Zeit die typischen Beschwerden eines Cor pulmonale entwickeln.
Ab dem dritten oder vierten Lebensjahrzehnt kommt es auch bei leichteren Skoliosen oft zu Rückenschmerzen nach längerem Stehen oder Sitzen. Die Schmerzen sind typischerweise unterhalb der Hauptkrümmung lokalisiert und strahlen nach lateral aus. Darüber hinaus treten Muskelverspannungen und degenerative Veränderungen der Zwischenwirbelscheiben mit entsprechenden Folgebeschwerden auf. Durch Druck auf die Spinal- oder Interkostalnerven kann es auf Dauer zu Neuralgien sowie zu Sensibilitätsstörungen und Paresen kommen.
Diagnostik
Klinische Untersuchung
Die Seitabweichung der Wirbelsäule verursacht eine Rotation der Wirbelkörper. Die Dornfortsätze stehen nicht lotrecht. Auf der konvexen Seite kommt es zu einem Rippenbuckel nach dorsal, dem ventral eine Brustkorbabflachung entspricht. Im Bereich der konkaven Seite befindet sich die Abflachung dorsal und die Vorwölbung ventral. Der Rippenbuckel wird im Vorbeugetest nach Adams besonders deutlich.
Im Falle einer stark ausgeprägten Skoliose können die kompensatorischen Krümmungen den Körper nicht immer im Lot halten. Die Folge ist ein seitlicher Überhang. Lumbal ziehen die starken Processus transversi die paravertebrale Muskulatur mit sich, sodass im Bereich der Hauptkrümmung auf der konvexen Seite häufig ein Lendenwulst entsteht. Gemäß der Krümmung der Brustwirbelsäule kommt es zu einem Beckenschiefstand und zu einer Verlagerung des Schultergürtels. Bei ausgeprägter Skoliose können Kyphose und Lordose in ihrem Ausmaß deutlich verringert sein.
Ergänzend wird die Thoraxexkursion gemessen und die Vitalkapazität bestimmt, um Funktionsstörungen frühzeitig zu erfassen.
Bildgebung
Bei klinischem Verdacht wird eine Röntgenaufnahme der gesamten Wirbelsäule im Stand empfohlen. Das Ausmaß der Krümmung wird anhand des Cobb-Winkels quantifiziert. Der Messfehler liegt bei etwa 3°. Die Skelettreife wird über das Risser-Zeichen abgeschätzt, das prognostisch bedeutsam ist. Bei atypischen Befunden (z.B. linkskonvexe Thorakalkrümmung, neurologische Auffälligkeiten, sehr frühe Manifestation) ist eine Magnetresonanztomographie zum Ausschluss intraspinaler Pathologien indiziert.[1]
Therapie
Die Behandlung richtet sich nach Cobb-Winkel, Skelettreife und Progressionsrisiko.
Konservative Therapie
Bei geringen Krümmungen mit fortbestehendem Wachstum stehen regelmäßige Verlaufskontrollen und eine physiotherapeutische Skoliosetherapie (z.B. nach Schroth) im Vordergrund. Ab einem bestimmten Krümmungsausmaß und bei noch vorhandenem Wachstumspotenzial wird ergänzend ein Korsett (z.B. Chêneau-Korsett) eingesetzt, um eine weitere Progression zu verhindern.[1]
Operative Therapie
Eine operative Korrektur wird bei thorakalen Krümmungen ab etwa 40–50° Cobb erwogen. Standardverfahren beim Wachstumsabschluss ist die dorsale Korrekturspondylodese (Spondylodese). Bei jüngeren Kindern mit erheblichem Restwachstum kommen mitwachsende, wachstumslenkende Systeme zum Einsatz, etwa traditionelle oder magnetgesteuerte Wachstumsstäbe. Bei kongenitalen Skoliosen mit begleitender Thoraxdeformität kann eine VEPTR implantiert werden: Ein verlängerbarer, gebogener Titanstab wird zwischen zwei Rippen oder zwischen einer Rippe und dem Darmbeinkamm fixiert und schrittweise verlängert, um der Deformität während des Wachstums entgegenzuwirken. Merke: Wachstumslenkende konservative Maßnahmen sind an das Restwachstum gebunden. Symptomatische und operative Behandlungen sind jedoch auch nach Wachstumsabschluss und im Erwachsenenalter möglich.
Prognose
Das Progressionsrisiko ist bei großen Ausgangskrümmungen, geringer Skelettreife (niedriges Risser-Stadium), jungem Alter und prämenarchalem Status erhöht. Kleinere Krümmungen bleiben oft stabil, während große thorakale Krümmungen auch im Erwachsenenalter fortschreiten und in schweren Fällen zu einer relevanten kardiopulmonalen Einschränkung führen können.[2]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 AWMF. S2k-Leitlinie Adoleszente Idiopathische Skoliose. AWMF-Registernummer 151/002. 2023 (gültig bis 14.03.2028).
- ↑ 2,0 2,1 Mladenov K, Wiedenhöfer B, Schulte TL. Adoleszente Idiopathische Skoliose – Synopsis der S2k-Leitlinie. Z Orthop Unfall. 2026.