Vestibuläre Rehabilitation
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LoslegenSynonyme: vestibuläre Physiotherapie, vestibuläre Rehabilitationstherapie, Schwindeltherapie, Vestibulartraining
Englisch: vestibular rehabilitation therapy, VRT
Definition
Die vestibuläre Rehabilitation ist ein übungsbasiertes Therapiekonzept bei Erkrankungen des vestibulären Systems. Sie zielt auf die Reduktion von Schwindel, die Verbesserung der Blickstabilisierung und die Wiederherstellung der posturalen Kontrolle ab.[1]
Indikationen
Die vestibuläre Rehabilitation ist vor allem bei folgenden Erkrankungen indiziert:
- unilaterale periphere vestibuläre Hypofunktion (z.B. Neuritis vestibularis, Zustand nach vestibularisschädigenden Operationen)
- bilaterale vestibuläre Hypofunktion
- zentrale vestibuläre Störungen, u.a. nach Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt (Cave: Die Evidenzlage ist hier deutlich schwächer als bei peripherer Hypofunktion; die Empfehlungen der Leitlinie der Academy of Neurologic Physical Therapy (ANPT) beziehen sich primär auf periphere vestibuläre Hypofunktion)[1]
- chronischer funktioneller Schwindel (persistent postural-perceptual dizziness, PPPD) nach den Bárány-Konsensuskriterien, als Bestandteil eines multimodalen Behandlungskonzepts neben psychotherapeutischen und ggf. pharmakologischen Maßnahmen.[2]
Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPPV) beruht auf einer Kanalolithiasis und wird kausal durch Repositionsmanöver (z.B. Epley-Manöver) behandelt. Diese Manöver sind keine vestibuläre Rehabilitation im engeren Sinn, da sie primär auf der mechanischen Reposition der Otokonien in den Utrikulus und nicht auf einer zentralnervösen Kompensation beruhen. Bei persistierenden Gleichgewichtsdefiziten nach erfolgreicher Reposition kann ergänzend vestibuläre Rehabilitation indiziert sein.
Wirkprinzip
Die Wirkung der vestibulären Rehabilitation beruht auf drei zentralnervösen Prozessen, die gemeinsam als vestibuläre Kompensation bezeichnet werden.
- Adaptation bezeichnet die Anpassung der Verstärkung des vestibulookulären Reflexes (VOR) durch wiederholte, kombinierte Kopf- und Augenbewegungen bei fixiertem Blickziel. Sie ist der zentrale Mechanismus der Blickstabilisierungsübungen.
- Habituation bezeichnet die Abnahme einer pathologischen Schwindelreaktion durch wiederholte Exposition gegenüber dem auslösenden Bewegungsreiz. Sie kommt vor allem bei bewegungsinduziertem Schwindel zum Einsatz.
- Substitution bezeichnet die Kompensation des Funktionsverlusts durch verstärkte Nutzung alternativer sensorischer Strategien, insbesondere der visuellen und somatosensorischen Afferenzen, zur Aufrechterhaltung von Blick- und Haltungsstabilität.
Die Einteilung in Adaptation, Habituation und Substitution ist eine etablierte, vereinfachte Darstellung der zugrunde liegenden Kompensationsmechanismen.[3]
Bestandteile
Die vestibuläre Rehabilitation umfasst insbesondere folgende Übungsbausteine:
- Blickstabilisierungsübungen (VORx1, VORx2) zur Förderung der Adaptation
- Habituationsübungen, die historisch u.a. auf dem Prinzip der Cawthorne-Cooksey-Übungen beruhen und standardisierte Kopf-, Augen- und Körperbewegungen umfassen
- Gleichgewichts- und Gangtraining zur Verbesserung der posturalen Kontrolle unter zunehmend erschwerten sensorischen Bedingungen
Isolierte sakkadische oder Blickfolgeübungen ohne begleitende Kopfbewegung sollen gemäß Leitlinie nicht eingesetzt werden.[1]
Risiken
Die vestibuläre Rehabilitation gilt als sicheres Verfahren. Mögliche, meist vorübergehende Nebenwirkungen sind:
- Vorübergehende Verstärkung des Schwindels (v.a. bei Habituationsübungen)
- Übelkeit bei intensiven Übungen
- Ermüdung nach dem Training
- Kurzzeitige Zunahme der Gangunsicherheit
Schwerwiegende Komplikationen sind nicht beschrieben.
Kontraindikationen
Absolute Kontraindikationen sind selten. Relative Kontraindikationen umfassen:
- Akute Labyrinthitis oder Meningitis mit noch bestehender Infektion
- Instabile kardiovaskuläre Erkrankungen
- Schwere orthopädische Einschränkungen, die Übungen unmöglich machen
- Akute Migräneattacken
Die Therapie sollte bei diesen Zuständen verschoben oder angepasst werden.
Evidenz
Ein Cochrane-Review bewertet die Evidenz für Sicherheit und Wirksamkeit der vestibulären Rehabilitation bei unilateraler peripherer vestibulärer Dysfunktion als moderat bis stark.[4] Auch bei unilateraler Hypofunktion (akut, subakut und chronisch) sowie bilateraler Hypofunktion wird die Anwendung laut ANPT-Leitlinie empfohlen.[1] Durch einen Arzt begleitetes Training wird gegenüber Übungen, die alleine zu Hause durchgeführt werden, mit starker Evidenz bevorzugt.[1]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Hall et al. Vestibular Rehabilitation for Peripheral Vestibular Hypofunction: An Updated Clinical Practice Guideline From the Academy of Neurologic Physical Therapy of the American Physical Therapy Association. J Neurol Phys Ther, 2022
- ↑ Staab et al., Diagnostic criteria for persistent postural-perceptual dizziness (PPPD): Consensus document of the committee for the Classification of Vestibular Disorders of the Bárány Society, J Vestib Res, 2017
- ↑ Herdman, Vestibular Rehabilitation, 4. Auflage, F. A. Davis Company, 2013
- ↑ McDonnell und Hillier, Vestibular rehabilitation for unilateral peripheral vestibular dysfunction, Cochrane Database Syst Rev, 2015