Schocktherapie (Notfallmedizin)
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LoslegenSynonyme: Schockbehandlung, Schockbekämpfung
Englisch: shock management, treatment of shock
Definition
Die Schocktherapie umfasst alle notfall- und intensivmedizinischen Maßnahmen, um einem Schock im Notfall entgegenzuwirken oder ihn ganz zu verhindern. Ziel ist die Wiederherstellung einer ausreichenden Gewebeperfusion und Sauerstoffversorgung.
Hintergrund
Die verschiedenen Schockformen werden nicht einheitlich behandelt. Während beim hypovolämischen und teils beim distributiven Schock eine zügige Volumentherapie im Vordergrund steht, ist diese beim kardiogenen Schock eher zurückhaltend zu dosieren, da eine Volumenüberladung das vorgeschädigte Herz zusätzlich belastet. Beim obstruktiven Schock ist die Beseitigung der mechanischen Ursache (z.B. Entlastungspunktion, Perikardiozentese, Lysetherapie) die wichtigste wirksame Maßnahme. Die frühzeitige Identifikation der Schockursache ist daher Voraussetzung für eine zielgerichtete Therapie.
Maßnahmen
Erstversorgung
Die Erstversorgung erfolgt strukturiert nach dem ABCDE-Schema. Parallel werden mindestens zwei großlumige periphervenöse Zugänge etabliert. Bei frustraner Punktion ist ein intraossärer Zugang eine gleichwertige Alternative. Ein kontinuierliches Basismonitoring (EKG, Pulsoxymetrie, nichtinvasive Blutdruckmessung) wird umgehend angelegt, bei anhaltender Instabilität ergänzt um eine invasive arterielle Druckmessung und einen zentralen Venenkatheter. Wärmeerhalt ist obligat.
Die ERC-Leitlinien 2025 empfehlen für Patienten im Schock ohne Trauma primär die Rückenlage.[1] Passives Beinheben kann eine nur transiente (< 7 Minuten) Verbesserung von Herzfrequenz, mittlerem arteriellen Druck oder Schlagvolumen bewirken und im Einzelfall eingesetzt werden, wenn kein Anhalt für ein Trauma besteht.[1] Bei Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma, Beckentrauma oder Bauchaortenaneurysma ist die vorgefundene Position beizubehalten. Beim kardiogenen Schock mit Lungenstauung ist eine sitzende oder leicht erhöhte Oberkörperposition vorzuziehen.
Sauerstoff und Atemwegsmanagement
Die Sauerstoffgabe wird anhand der pulsoxymetrisch gemessenen Sättigung titriert. Bei kritisch kranken, nicht vorbeatmeten Patienten ohne Hyperkapnierisiko liegt der Zielbereich bei 92–96 %, bei Risiko für eine Hyperkapnie (z.B. COPD) bei 88–92 %.[2] Eine Hyperoxämie ist zu vermeiden. Je nach respiratorischer Erschöpfung kommen Nasensonde, Maske, High-Flow-Sauerstofftherapie oder eine invasive Beatmung mit Intubation zum Einsatz.
Volumentherapie
Bei den meisten Schockformen ist eine zügige intravasale Volumengabe essenziell, um Vorlast und Herzzeitvolumen zu stabilisieren. Mittel der ersten Wahl sind balancierte kristalloide Lösungen, appliziert als repetitive Boli mit anschließender Reevaluation von Blutdruck, Herzfrequenz, Laktatverlauf und klinischen Zeichen der Volumenreagibilität.
Hydroxyethylstärke und andere kolloidale Lösungen sind bei Sepsis, kritisch kranken Patienten und vorbestehender Nierenschädigung kontraindiziert.[3] Bei hämorrhagischem Schock werden Blutprodukte (Erythrozytenkonzentrate, Fresh Frozen Plasma, Thrombozytenkonzentrate) frühzeitig im Sinne einer Damage-Control-Resuscitation eingesetzt. Bei kardiogenem und obstruktivem Schock wird die Volumengabe zurückhaltend und engmaschig überwacht dosiert, um eine Verschlechterung der kardialen Stauung zu vermeiden.
Katecholamintherapie
Bleibt der Blutdruck trotz adäquater Volumengabe erniedrigt, ist eine Katecholamintherapie indiziert. Noradrenalin ist bei den meisten distributiven und gemischten Schockformen Mittel der ersten Wahl. Es wird initial auch periphervenös eingesetzt, bis ein zentraler Zugang etabliert ist. Bei anhaltender Hypotonie trotz hochdosierter Noradrenalingabe kann Vasopressin ergänzt werden.
Bei kardiogenem Schock mit reduzierter Auswurfleistung wird zusätzlich ein Inotropikum wie Dobutamin eingesetzt. Zielgröße ist in der Regel ein mittlerer arterieller Druck von 65 mmHg.[4]
Beim septischen Schock wird bei fortbestehender Kreislaufinsuffizienz trotz adäquater Volumen- und Vasopressortherapie eine Glukokortikoidgabe erwogen.
Beim anaphylaktischen Schock ist Adrenalin intramuskulär die Erstmaßnahme; bei ausbleibender Besserung wird die Gabe nach 3–5 Minuten wiederholt.[5]
Formspezifische Therapie
Die tatsächliche Therapie richtet sich im Einzelfall maßgeblich nach der jeweils zugrunde liegenden Ursache. Beispiele sind:
| Schockform | Erstmaßnahme | Volumen | Medikamentös | Kausaltherapie |
|---|---|---|---|---|
| Hypovolämischer Schock | Blutstillung, Zugänge | zügig, ggf. Blutprodukte | bei anhaltender Hypotonie Noradrenalin | chirurgische/interventionelle Blutungskontrolle |
| Septischer Schock | frühzeitige Antiinfektiva | zügig, kristalloid | Noradrenalin, ggf. Hydrocortison | Fokussanierung |
| Anaphylaktischer Schock | Allergenexposition beenden | zügig, kristalloid | Adrenalin i.m. | Allergenkarenz |
| Neurogener Schock | Immobilisation, Ausschluss Begleitblutung | zurückhaltend | Noradrenalin, bei Bradykardie ggf. Atropin | Stabilisierung/Dekompression der Wirbelsäule |
| Kardiogener Schock | O2-/Atemwegsmanagement | zurückhaltend | Dobutamin/Noradrenalin | Revaskularisation, ggf. mechanische Kreislaufunterstützung |
| Rhythmogener Schock | 12-Kanal-EKG, Rhythmusanalyse | zurückhaltend | bei Bradykardie Atropin, bei Tachyarrhythmie Antiarrhythmika | elektrische Kardioversion, Defibrillation oder Schrittmacherstimulation |
| Obstruktiver Schock | Ursache identifizieren | zurückhaltend | situationsabhängig | Entlastungspunktion, Perikardiozentese, Lysetherapie |
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 European Resuscitation Council Guidelines 2025: First Aid. Resuscitation. 2025.
- ↑ AWMF. S3-Leitlinie: Sauerstoff in der Akuttherapie beim Erwachsenen. AWMF-Registernummer 020-021. 2021. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Sauerstoff in der Akuttherapie beim Erwachsenen.
- ↑ BfArM. Rote-Hand-Brief: Hydroxyethylstärke (HES)-haltige Infusionslösungen. 2022/2023.
- ↑ Prescott HC, Antonelli M, Alhazzani W et al. Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock 2026. Crit Care Med. 2026;54:725-812.
- ↑ Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI). S2k-Leitlinie: Akuttherapie und Management der Anaphylaxie – Update 2021. AWMF-Registernummer 061-025, Version 3.0. Verfügbar unter: S2k-Leitlinie Anaphylaxie.