Radioimmuntherapie
Synonyme: Radioimmunkonjugat-Therapie, Antikörper-Radionuklid-Therapie
Englisch: radioimmunotherapy, RIT
Definition
Die Radioimmuntherapie, kurz RIT, ist ein onkologisches Behandlungsverfahren, bei dem Radionuklide mithilfe spezifischer monoklonaler Antikörper gezielt an Tumorzellen transportiert werden. Die Radioimmunkonjugate binden an tumorassoziierte Antigene und liefern die ionisierende Strahlung selektiv in das Tumorgewebe, während umliegendes Normalgewebe weitgehend geschont wird.
Abgrenzung
Im weiteren Sinne wird der Begriff "Radioimmuntherapie" auch für die Kombination konventioneller externer Strahlentherapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren verwendet.
Hintergrund
Das Konzept der Radioimmuntherapie geht auf Arbeiten aus den 1950er und 1960er Jahren zurück. Erste klinische Studien mit radiomarkierten Antikörpern erfolgten in den 1970er und 1980er Jahren. Mit der Entwicklung hochspezifischer monoklonaler Antikörper erlebte die RIT einen entscheidenden Aufschwung.
Wirkmechanismus
Voraussetzung für den Einsatz der Radioimmuntherapie ist das Vorhandensein spezifischer tumorassoziierter Antigene wie CD20, CD37, HER2 oder PSMA. Der markierte Antikörper bindet an diese Antigene (z.B. CD20 auf B-Lymphozyten) und akkumuliert im Tumorgewebe.
Das gekoppelte Radionuklid entfaltet dort seine zytotoxische Wirkung durch direkte DNA-Schädigung mittels Einzel- und Doppelstrangbrüchen.
Zusätzlich wirken wahrscheinlich folgende Effekte:
- Crossfire-Effekt: Die Reichweite der emittierten Strahlung überbrückt mehrere Zelldurchmesser und trifft auch benachbarte Tumorzellen ohne Antigenexpression.
- Bystander-Effekt: Darunter versteht man die indirekte Zellschädigung durch reaktive Sauerstoffspezies und interzelluläre Signale.
- Immunogener Zelltod (ICD): Die Freisetzung von Tumorantigenen und Gefahrensignalen aktiviert das adaptive Immunsystem
Der Crossfire-Effekt ist besonders vorteilhaft bei Tumoren mit heterogener Antigenexpression, da er die Limitation unvollständiger Antikörperbindung teilweise kompensieren kann.
Radionuklide
Die verwendeten Radionuklide werden nach ihrer Strahlenart klassifiziert. α-Strahler befinden sich derzeit (2026) in klinischer Erprobung, da sie bei kürzerer Reichweite einen deutlich höheren LET aufweisen und damit potentiell weniger Strahlenschäden am Normalgewebe verursachen.[1] Derzeit sind im Rahmen der klassischen RIT nur β-Strahler wie Yttrium-90 im Einsatz.
| Strahlentyp | Beispiele | Gewebsreichweite | Linearer Energietransfer (LET) |
|---|---|---|---|
| α-Strahler | At-211, Bi-213, Ac-225 | 0,05–0,1 mm | Hoch |
| β-Strahler | Y-90, I-131, Lu-177 | 0,5–12 mm | Niedrig |
Arzneistoffe
Bislang erhielten nur zwei radiomarkierte Antikörper eine FDA-Zulassung.
| Wirkstoff | Handelsname | Radionuklid | Zulassung | Status |
|---|---|---|---|---|
| Ibritumomab-Tiuxetan | Zevalin® | Yttrium-90 (β-Strahler) | 2002 | Zugelassen (inkl. EMA 2004) |
| Tositumomab | Bexxar® | Iod-131 (β-/γ-Strahler) | 2003 | 2014 vom Markt genommen |
Trotz nachgewiesener Wirksamkeit sank die klinische Anwendung der RIT in den letzten Jahren aufgrund der Verfügbarkeit neuerer Therapieoptionen wie CAR-T-Zell-Therapie und bispezifischer Antikörper.[2] Ein Grund dafür ist das komplexe Handling radioaktiver Substanzen im klinischen Setting.
Indikationen
Die zugelassenen Indikationen umfassen:
- Rezidiviertes oder therapierefraktäres follikuläres Non-Hodgkin-Lymphom (CD20+) nach mindestens einer Vortherapie
- Konsolidierung nach Erstlinien-Chemotherapie beim follikulären Lymphom
- Transformiertes indolentes B-Zell-Lymphom
Experimentell und im Rahmen klinischer Studien wird die RIT auch in weiteren Indikationen untersucht.
Effekte
Bei rezidivierten/refraktären follikulären NHLs erreicht die RIT mit Ibritumomab-Tiuxetan Gesamtansprechraten von 70–80 % mit vollständigen Remissionsraten von ca. 20–30 %. Dauerhafte Remissionen sind möglich. In der Erstlinien-Konsolidierung nach Chemotherapie verlängert die RIT das progressionsfreie Überleben signifikant.
Limitationen
Typische Limitationen der RIT sind:
- schlechte Penetration großer, solider Tumoren
- hämatologische Toxizität
- logistischer Aufwand
- Strahlenschutzanforderungen
Nebenwirkungen
Die häufigsten Nebenwirkungen der RIT sind auf die Strahlenwirkung im Knochenmark zurückzuführen:
- Myelosuppression (Leukozytopenie, Thrombozytopenie, Anämie) – tritt typischerweise verzögert 4–8 Wochen nach Therapie auf und ist der dosislimitierende Faktor
- Infusionsbedingte Reaktionen (Fieber, Schüttelfrost, Hypotension) – meist durch Rituximab-Komponente
- Fatigue
- Übelkeit, Erbrechen (selten)
Aufgrund der verzögert auftretenden Myelosuppression ist ein engmaschiges Blutbild-Monitoring über mindestens 12 Wochen nach RIT obligat.
Seltene, aber relevante Spätnebenwirkungen umfassen sekundäre myelodysplastische Syndrome (MDS) oder akute myeloische Leukämie (AML) bei < 2 % der Patienten. Darüber hinaus können bei Verwendung muriner Antikörper auch HAMA-Reaktionen auftreten.
Quellen
- ↑ Goto H, Shiraishi Y, Okada S. Recent preclinical and clinical advances in radioimmunotherapy for non-Hodgkin's lymphoma. Explor Target Antitumor Ther. 2024;5(1):208-224.
- ↑ Cicone F et al. Radioimmunotherapy of Non-Hodgkin B-cell Lymphoma: An update. Semin Nucl Med. 2023;53(3):413-425.