Psychische Anamnese
Synonym: psychiatrische Anamnese
Englisch: psychiatric history, mental health history
Definition
Die psychische Anamnese ist eine strukturierte Erhebung psychischer Beschwerden, subjektiver Erlebensweisen und psychischer Belastungsfaktoren aus der Perspektive des Patienten. Sie ist ein zentraler Bestandteil der psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Diagnostik und ergänzt die allgemeine Anamnese.
Abgrenzung
Die psychische Anamnese ist von der psychopathologischen Befunderhebung abzugrenzen. Während die Anamnese primär die subjektive Symptomschilderung und deren zeitlichen Verlauf fokussiert, beschreibt der psychopathologische Befund den aktuellen psychischen Zustand anhand definierter psychopathologischer Kategorien.
Hintergrund
Psychische Symptome sind häufig komplex, dynamisch und eng mit individuellen Lebensumständen sowie biologischen, somatischen und sozialen Faktoren verknüpft. Die psychische Anamnese dient dazu, diese Symptome in ihrem zeitlichen Verlauf, ihrem subjektiven Bedeutungsgehalt sowie ihren funktionellen Auswirkungen auf Alltag, Leistungsfähigkeit und soziale Interaktion einzuordnen.
Zielsetzung
Ziel der psychischen Anamnese ist es, Art, Schweregrad und Verlauf psychischer Symptome systematisch zu erfassen, relevante Belastungs-, Risiko- und Schutzfaktoren zu identifizieren und eine erste diagnostische Einordnung zu ermöglichen. Außerdem bildet sie die Grundlage für die Indikationsstellung weiterführender Diagnostik sowie für die Planung und Priorisierung therapeutischer Maßnahmen.
Inhalte
Die Inhalte der psychischen Anamnese orientieren sich an der klinischen Fragestellung und werden individuell gewichtet. Typische Aspekte sind:
Aktuelle psychische Symptomatik
- Stimmungslage, Affektivität, Antrieb
- Angst, innere Unruhe, Zwangssymptome
- Denk- und Wahrnehmungsstörungen
Von besonderer Bedeutung sind Beginn, Dauer, Verlauf, situative Auslöser, tageszeitliche Schwankungen sowie der subjektive Leidensdruck.
Suizidalität und Selbstgefährdung
- Suizidgedanken, -impulse, -versuche, passive Todeswünsche
- Selbstverletzendes Verhalten
- Protektive Faktoren (z.B. soziale Bindungen)
- Substanzgebrauch
Frühere psychische Erkrankungen
- Frühere Diagnosen, Krisen und Behandlungen (ambulant/stationär)
- Verlauf und Wirksamkeit von früheren psychotherapeutischen Interventionen
Medikamentöse Behandlung
Erfasst werden aktuelle und frühere psychopharmakologische Medikation, einschließlich Dosierung, Wirksamkeit, Verträglichkeit und relevanter Nebenwirkungen.
Biographische und psychosoziale Aspekte
Lebensgeschichtliche Faktoren, prägende Beziehungserfahrungen, aktuelle Lebensumstände sowie psychosoziale Belastungen und Ressourcen werden berücksichtigt, sofern sie für die psychische Symptomatik relevant sind. Zur ausführlichen Diagnostik kann eine ergänzende biographische Anamnese erfolgen. Weitere Aspekte wie Familien-, Sozial- oder Suchtanamnese können ebenfalls exploriert werden.
Durchführung
Die psychische Anamnese erfolgt üblicherweise im Rahmen eines ärztlichen oder psychologischen Gesprächs. Sie kann offen-explorativ, halbstrukturiert oder anhand standardisierter Interviewinstrumente (z.B. SCID) erfolgen. Ergänzend können Fremdanamnesen, standardisierte Fragebögen oder Verlaufsbeobachtungen herangezogen werden.
Klinische Bedeutung
Eine sorgfältig erhobene psychische Anamnese ist entscheidend für die diagnostische Sicherheit und die Auswahl geeigneter therapeutischer Maßnahmen. Sie ist nicht nur in der Psychiatrie und Psychotherapie relevant, sondern auch in anderen medizinischen Fachgebieten, da psychische Faktoren den Krankheitsverlauf, die Therapieadhärenz und die Prognose wesentlich beeinflussen können.
Literatur
- Laux et al., Anamnese und Befund bei psychischen Erkrankungen, Thieme Verlag, 2017.