Biographische Anamnese
Definition
Die biographische Anamnese umfasst die systematische Erhebung der Lebensgeschichte (Biographie) eines Patienten im Hinblick auf die Entstehung, den Verlauf und die Bewältigung einer Erkrankung.
Abgrenzung
Von der biographischen Anamnese abzugrenzen sind die Sozialanamnese, die aktuelle soziale und ökonomische Bedingungen einbezieht, sowie die Eigen- und Familienanamnese im engeren medizinischen Sinne, die insbesondere Vor- und Begleiterkrankungen erfasst.
Hintergrund
Der biographische Ansatz berücksichtigt Erkrankungen im Kontext der individuellen Lebensgeschichte und psychosozialer Rahmenbedingungen. In der Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie sowie in der Allgemeinmedizin, Neurologie und Geriatrie liefert die biographische Anamnese Hinweise auf Faktoren, die für eine Erkrankung prädisponieren oder sie aufrechterhalten. Theoretische Grundlagen finden sich in entwicklungspsychologischen, psychodynamischen und biopsychosozialen Modellen.
Inhalte
Die biographische Anamnese orientiert sich am zeitlichen Verlauf der individuellen Entwicklung und erfasst in verschiedenen Lebensphasen psychosoziale, somatische und relationale Aspekte. Wichtige Bereiche der biographischen Anamnese sind:
- Herkunftsfamilie: Familiäre Struktur, Beziehungsmuster, sozioökonomischer Hintergrund, psychische oder somatische Erkrankungen in der Familie sowie Wert- und Rollenvorstellungen
- Schwangerschaft und Geburt: Schwangerschaftsverlauf, Geburtskomplikationen, frühe Trennungserfahrungen oder neonatalmedizinische Besonderheiten
- Frühe Kindheit und Vorschulalter: Bindungserfahrungen, primäre Bezugspersonen, emotionale Entwicklung, frühe Erkrankungen, Betreuungssituationen sowie erste Trennungs- oder Verlusterlebnisse
- Schulische Entwicklung: Lern- und Leistungsentwicklung, soziale Integration, Konflikterfahrungen, Mobbing oder besondere Förderbedarfe
- Pubertät und Adoleszenz: Identitätsentwicklung, Ablösungsprozesse, familiäre und soziale Konflikte, Risikoverhalten, erste Partnerschaften oder psychische Auffälligkeiten
- Ausbildung und Beruf: Bildungswege, berufliche Stabilität und mögliche Diskontinuitäten, Arbeitsbelastungen und berufliche Zufriedenheit
- Beziehungsanamnese: Partnerschaften, Trennungen, familiäre Rollen, soziale Netzwerke und wiederkehrende Beziehungsmuster
- Prägende Lebensereignisse: Verluste, Traumata, schwere Erkrankungen, Migration oder Gewalt- und Missbrauchserfahrungen
- Aktuelle Lebenssituation: Wohn- und Arbeitssituation, soziale Einbindung, Belastungsfaktoren, Bewältigungsstrategien und Ressourcen
Die Gewichtung einzelner Aspekte richtet sich nach klinischer Fragestellung, Fachdisziplin und Behandlungskontext.
Durchführung
Die biographische Anamnese wird in der Regel im Gespräch erhoben und setzt eine tragfähige Therapeut-Patient- bzw. Arzt-Patient-Beziehung voraus. Sie kann leitfadengestützt oder offen explorativ erfolgen und wird häufig über mehrere Sitzungen ergänzt.
Bedeutung
Die biographische Anamnese ermöglicht ein vertieftes Verständnis individueller Krankheitsdynamiken und unterstützt die differenzierte Diagnostik. Zudem kann sie therapeutisch wirksam sein, indem sie Selbstreflexion und die Erschließung von Ressourcen fördert.
Literatur
- Hoff P. Biographische und Krankheitsanamnese in der Psychiatrie, Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie. Springer Medizin, 2014
- Köhle et al., Psychosomatische Medizin: Theoretische Modelle und klinische Praxis (8. Auflage). Urban & Fischer/Elsevier