Metabolisches Syndrom
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Syndrom X, Insulinresistenzsyndrom, IRS, Reaven-Syndrom, "Wohlstandssyndrom", "tödliches Quartett"
Englisch: metabolic syndrome
Definition
Der Begriff Metabolisches Syndrom bezeichnet die Kombination von gestörtem Kohlenhydratstoffwechsel, Hypertonie, Dyslipoproteinämie und Adipositas.
Epidemiologie
Die Prävalenz des metabolischen Syndroms ist schwer zu bestimmen, da unterschiedliche Fachgesellschaften unterschiedliche Kriterien für die zentrale Adipositas heranziehen (siehe Diagnostik). Nach einer Studie von 2015 schwankte der Anteil in der arbeitenden, deutschen Bevölkerung zwischen 0,9 und 7,3 %. Die Prävalenz in der Gesamtbevölkerung in Deutschland wird auf über 20 % geschätzt.
Risikofaktoren
Pathophysiologie
Der dem metabolischen Syndrom wahrscheinlich zugrunde liegende Defekt ist eine periphere Insulinresistenz und die damit verbundene chronische Hyperinsulinämie. Das metabolische Syndrom wird als Vorstufe des Diabetes mellitus Typ 2 (Prädiabetes) angesehen.
Diagnostik
Seit der Erstbeschreibung existieren mehrere, historisch gewachsene Kriteriensysteme für das metabolische Syndrom, die sich vor allem in der Gewichtung der zentralen Adipositas unterscheiden.
WHO-Kriterien (1998)
Obligates Kriterium ist der Nachweis einer Insulinresistenz, z. B. durch:
- Diabetes mellitus Typ 2
- gestörte Glukosetoleranz
- gestörte Nüchternglukose
- verminderte Glukoseaufnahme im hyperinsulinämisch-euglykämischen Clamp-Test
Zusätzlich müssen mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllt sein:[1]
- Taille-Hüft-Quotient ≥ 0,90 (Männer) bzw. ≥ 0,85 (Frauen) oder BMI > 30 kg/m²
- Blutdruck ≥ 140/90 mmHg
- Triglyceride ≥ 150 mg/dl
- HDL-Cholesterin < 35 mg/dl (Männer) bzw. < 39 mg/dl (Frauen)
- Mikroalbuminurie
ATP-III-/AHA-NHLBI-Kriterien (2001, revidiert 2004)
Die Diagnose wird gestellt, wenn mindestens drei der folgenden fünf Kriterien vorliegen:[2]
- Taillenumfang > 102 cm (Männer) bzw. > 88 cm (Frauen)
- Nüchtern-Triglyceride ≥ 150 mg/dl
- HDL-Cholesterin < 40 mg/dl (Männer) bzw. < 50 mg/dl (Frauen)
- Blutdruck ≥ 130/85 mmHg
- Nüchternblutzucker ≥ 100 mg/dl (2004 von ursprünglich 110 mg/dl gesenkt)[2]
IDF-Kriterien (2005)
Obligat ist eine zentrale Adipositas mit ethnizitätsspezifischem Taillenumfang, für Menschen europäischer Abstammung ≥ 94 cm (Männer) bzw. ≥ 80 cm (Frauen), sowie zusätzlich zwei der folgenden vier Kriterien:[3]
- erhöhte Triglyceride ≥ 150 mg/dl (1,7 mmol/l)
- erniedrigtes HDL-Cholesterin: < 40 mg/dl (Männer) bzw. < 50 mg/dl (Frauen)
- erhöhter Blutdruck: systolisch ≥ 130 mmHg oder diastolisch ≥ 85 mmHg
- Nüchternblutzucker ≥ 100 mg/dl (5,6 mmol/l) oder Diabetes mellitus Typ 2
Harmonisierte Kriterien (2009)
2009 wurden die genannten Systeme im „Joint Interim Statement" der International Diabetes Federation, des NHLBI, der AHA, der World Heart Federation, der International Atherosclerosis Society und der International Association for the Study of Obesity vereinheitlicht.[4] Die Diagnose wird gestellt, wenn mindestens drei der folgenden fünf Kriterien erfüllt sind, wobei keines mehr obligat ist:
- erhöhter Taillenumfang (populationsspezifische Grenzwerte)
- Triglyceride ≥ 150 mg/dl
- HDL-Cholesterin < 40 mg/dl (Männer) bzw. < 50 mg/dl (Frauen)
- Blutdruck ≥ 130/85 mmHg
- Nüchternblutzucker ≥ 100 mg/dl
In der klinischen Praxis werden heute überwiegend die harmonisierten Kriterien von 2009 verwendet.
Merke: Seit 2023 wird das metabolische Syndrom von der American Heart Association zunehmend als Teilaspekt eines übergeordneten kardiorenal-metabolischen Syndroms verstanden, das kardiovaskuläre, renale und metabolische Risikofaktoren in einem gemeinsamen Stufenmodell (Stadium 0–4) zusammenfasst.[5]
Symptome
Das metabolische Syndrom selbst verläuft meist asymptomatisch und wird häufig als Zufallsbefund im Rahmen einer Routineuntersuchung festgestellt. Symptome ergeben sich in der Regel erst durch die einzelnen Komponenten (z. B. Kopfschmerzen bei Hypertonie) oder durch Folgeerkrankungen.
Komplikationen
Betroffene haben ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von arteriosklerotischen Gefäßerkrankungen. Zusätzlich ist das metabolische Syndrom mit einer höheren Inzidenz von Fettlebererkrankungen und Cholelithiasis vergesellschaftet.
Therapie
Im Vordergrund steht die Reduktion der Hyperinsulinämie und der Dyslipidämie. Eine erhebliche Besserung wird häufig bereits durch Lebensstilveränderungen erzielt. Wichtig sind ein regelmäßiges körperliches Training, eine Gewichtsreduktion und eine Ernährungsumstellung. Diese Maßnahmen können sowohl den Insulinhaushalt als auch die Cholesterinwerte beeinflussen. Zusätzlich sollten Risikofaktoren wie Nikotin und Alkohol gemieden werden. Eine Hypertonie sollte medikamentös eingestellt sein. Bei andauernder Dyslipidämie und/oder Hyperglykämie ist ebenfalls eine medikamentöse Therapie indiziert.
Bei begleitender Adipositas können GLP-1-Rezeptoragonisten (z. B. Semaglutid, Tirzepatid) zur medikamentösen Gewichtsreduktion genutzt werden und wirken sich zusätzlich günstig auf Blutzucker und kardiovaskuläres Risiko aus.
In individuellen Fällen und nach Versagen konservativer Therapiemaßnahmen kann ein operativer Magenbypass indiziert sein. Das am häufigsten durchgeführte Verfahren ist der Roux-en-Y-Magenbypass.
Prognose
Das metabolische Syndrom ist mit einer deutlich erhöhten kardiovaskulären Morbidität und Mortalität sowie einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 assoziiert. Frühzeitige Lebensstilinterventionen können das Fortschreiten zu manifesten Endorganschäden verlangsamen oder verhindern.
Virtuelle Patientin
Quellen
- ↑ Alberti KGMM, Zimmet PZ. Definition, diagnosis and classification of diabetes mellitus and its complications. Part 1: diagnostic criteria and classification of diabetes mellitus. Diabet Med. 1998;15(7):539-53.
- ↑ 2,0 2,1 Grundy SM et al. Definition of Metabolic Syndrome Report of the National Heart, Lung, and Blood Institute/American Heart Association Conference on Scientific Issues Related to Definition. Circulation. 2004.
- ↑ Alberti KGMM, Zimmet P, Shaw J. The metabolic syndrome—a new worldwide definition. Lancet. 2005;366(9491):1059-62.
- ↑ Alberti KGMM et al. Harmonizing the Metabolic Syndrome. Circulation. 2009;120(16):1640-5.
- ↑ Ndumele CE et al. Cardiovascular-Kidney-Metabolic Health: A Presidential Advisory From the American Heart Association. Circulation. 2023;148(20):1606-35.
Literatur
- Ladebeck et al. Prävalenz des metabolischen Syndroms bei Erwerbstätigen. Kritische Betrachtung verschiedener Definitionsmöglichkeiten. Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie, 2015
- Amihăesei, Chelaru. Metabolic syndrome a widespread threatening condition; risk factors, diagnostic criteria, therapeutic options, prevention and controversies: an overview, Rev Med Chir Soc Med Nat Iasi, 2014
- American Heart Association - What Is Metabolic Syndrome?, abgerufen am 25.10.2021