Atogepant
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LoslegenHandelsnamen: Aquipta® (EU), Qulipta® (USA)
Synonyme: Atogepantum, AGN-241689, MK-8031
Englisch: atogepant
Definition
Atogepant ist ein oral verfügbarer Arzneistoff aus der Gruppe der Gepante. Der CGRP-Rezeptor-Antagonist wird bei Erwachsenen zur Prophylaxe und in der EU auch zur Akuttherapie der Migräne eingesetzt.
Chemie
Atogepant ist ein Piperidin-Derivat mit der Summenformel C29H23F6N5O3. Der chemische Name (IUPAC) lautet (3S)-N-[(3S,5S,6R)-6-Methyl-2-oxo-1-(2,2,2-trifluorethyl)-5-(2,3,6-trifluorphenyl)piperidin-3-yl]-2-oxospiro[1H-pyrrolo[2,3-b]pyridin-3,6'-5,7-dihydrocyclopenta[b]pyridin]-3'-carboxamid. Die molare Masse beträgt 603,5 g/mol, die CAS-Nummer 1374248-81-3. Die Substanz ist ein weißes Pulver und in Wasser praktisch unlöslich.[1]
Wirkmechanismus
Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) ist ein Neuropeptid aus 37 Aminosäuren. Es wird bei einer Migräneattacke aus Nervenendigungen des trigeminovaskulären Systems freigesetzt und ist an der Schmerzweiterleitung, der Sensibilisierung nozizeptiver Neurone und der neurogenen Entzündung beteiligt. Patienten weisen während einer Migräneattacke erhöhte CGRP-Spiegel auf, eine CGRP-Infusion kann bei Migränepatienten Attacken auslösen. Die durch CGRP vermittelte Vasodilatation gilt heute eher als Begleitphänomen als als primäre Ursache des Migränekopfschmerzes.
Atogepant bindet mit hoher Affinität an den CGRP-Rezeptor und blockiert diesen. Im Unterschied zu den monoklonalen CGRP-Antikörpern (Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Eptinezumab) handelt es sich um ein kleines Molekül, das oral eingenommen wird.
Pharmakokinetik
Atogepant wird nach oraler Gabe rasch resorbiert und erreicht maximale Plasmaspiegel nach 1 bis 2 Stunden. Die Plasmaproteinbindung beträgt 95 %, das Verteilungsvolumen etwa 292 Liter. Atogepant wird überwiegend über CYP3A4 metabolisiert. Der Hauptmetabolit im Plasma ist das Glucuronid M23. Die Ausscheidung erfolgt überwiegend über die Fäzes (42 % der Dosis unverändert), nur etwa 5 % werden unverändert über den Urin ausgeschieden. Bei schwerer Niereninsuffizienz ist die Exposition dennoch erhöht. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt etwa 11 Stunden.[1]
Indikationen
Atogepant ist in der EU zugelassen zur:[2]
- Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat
- Akuttherapie der Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen (seit 2026)
Darreichungsformen
Dosierung
Die empfohlene Dosierung beträgt zur Migräneprophylaxe 60 mg einmal täglich und zur Akuttherapie 60 mg bei Bedarf. Die Tagesmaximaldosis beträgt 60 mg. Unter einer laufenden Prophylaxe darf Atogepant nicht zusätzlich zur Behandlung einer Attacke eingenommen werden. Bei gleichzeitiger Anwendung starker CYP3A4- oder OATP-Inhibitoren sowie bei schwerer oder terminaler Niereninsuffizienz beträgt die empfohlene Dosis 10 mg einmal täglich.[3]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen zählen:[3]
- Übelkeit
- Obstipation
- Fatigue bzw. Somnolenz
- verminderter Appetit und Gewichtsabnahme
Schwerwiegende Überempfindlichkeitsreaktionen einschließlich Anaphylaxie können auch verzögert auftreten und erfordern das Absetzen sowie eine geeignete Behandlung. Die US-Fachinformation warnt außerdem vor neu auftretender oder verschlechterter Hypertonie und einem Raynaud-Phänomen. Der Blutdruck soll überwacht werden. Bei unzureichender Kontrolle ohne andere erkennbare Ursache ist ein Absetzen zu erwägen, bei Zeichen eines Raynaud-Phänomens soll Atogepant abgesetzt werden.[1]
Wechselwirkungen
Starke Inhibitoren von CYP3A4 und Inhibitoren organischer Anionentransportpolypeptide (OATP) erhöhen die Exposition gegenüber Atogepant. Starke CYP3A4-Induktoren können sie vermindern.[3]
Kontraindikationen
Atogepant ist bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile kontraindiziert.[3]
Schwangerschaft und Stillzeit
Tierexperimentelle Untersuchungen haben Hinweise auf fetotoxische Wirkungen ergeben. Die Anwendung während der Schwangerschaft sowie bei Frauen im gebärfähigen Alter ohne Verhütung wird nicht empfohlen. Beim Menschen wurde nach einmaliger Gabe ein geringer Übergang in die Muttermilch nachgewiesen. Daten zu Auswirkungen auf das gestillte Kind und die Milchproduktion fehlen. Die Anwendung in der Stillzeit erfordert eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung.[3]
Toxizität
In einer Phase-1-Studie wurde eine orale Einzeldosis von 300 mg, also das Fünffache der empfohlenen Höchstdosis, gut vertragen. Dabei traten keine Störungen der kardialen Repolarisation auf.[4] Ein spezifisches Antidot steht nicht zur Verfügung. Eine Überdosierung wird symptomatisch behandelt.
Zulassung
Atogepant wurde 2021 von der FDA zur Prophylaxe der episodischen Migräne zugelassen. 2023 folgte die Erweiterung auf die chronische Migräne.[5] In der EU ist Atogepant seit 2023 zur Migräneprophylaxe und seit 2026 zusätzlich zur Akuttherapie zugelassen.[2]
Der ATC-Code lautet N02CD07 (Migränemittel, CGRP-Antagonisten).
Klinische Studien
Die Wirksamkeit in der Prophylaxe wurde unter anderem in den Phase-3-Studien ADVANCE (episodische Migräne), PROGRESS (chronische Migräne) und ELEVATE (nach Versagen konventioneller Prophylaktika) gezeigt.[6][7] Die S1-Leitlinie von DGN und DMKG empfiehlt Atogepant zur Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne, auch bei gleichzeitigem Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln.[8] Die Erweiterung um die Akuttherapie im Juni 2026 beruht auf der Phase-3-Studie ECLIPSE und ist in dieser Leitlinienversion noch nicht berücksichtigt.[9]
Nutzenbewertung
In der frühen Nutzenbewertung nach § 35a SGB V stellte der G-BA am 21.08.2025 für die Migräneprophylaxe fest, dass ein Zusatznutzen gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie nicht belegt ist. Das gilt sowohl für Patienten, für die konventionelle Migräneprophylaktika infrage kommen, als auch für Patienten, die auf diese nicht ansprechen oder für die sie nicht geeignet sind.[7]
Für das neue Anwendungsgebiet der Akuttherapie wurde die Nutzenbewertung am 01.10.2026 veröffentlicht; ein Beschluss des G-BA steht noch aus.[10]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 AbbVie Inc. QULIPTA (atogepant): Prescribing Information, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ 2,0 2,1 Europäische Arzneimittel-Agentur. Aquipta: EPAR, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 AbbVie Deutschland. Fachinformation Aquipta® 10 mg/60 mg Tabletten, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ Boinpally R, et al. A Single Supratherapeutic Dose of Atogepant Does Not Affect Cardiac Repolarization in Healthy Adults: Results From a Randomized, Single-Dose, Phase 1 Crossover Trial. Clin Pharmacol Drug Dev. 2021.
- ↑ Deeks ED. Atogepant: First Approval. Drugs. 2022;82(1):65-70.
- ↑ Ailani J, Lipton RB, Goadsby PJ, et al. Atogepant for the Preventive Treatment of Migraine. N Engl J Med. 2021;385(8):695-706.
- ↑ 7,0 7,1 Gemeinsamer Bundesausschuss. Nutzenbewertungsverfahren zum Wirkstoff Atogepant (Migräne-Prophylaxe). Beschluss vom 21.08.2025, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ DGN, DMKG. S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. AWMF-Registernummer 030-057. 2025.
- ↑ AbbVie. AbbVie Announces European Commission Approval of AQUIPTA (atogepant) for the Acute Treatment of Migraine in Adults. Pressemitteilung vom 02.06.2026, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ Gemeinsamer Bundesausschuss. Nutzenbewertungsverfahren zum Wirkstoff Atogepant (Neues Anwendungsgebiet: Migräne Akutbehandlung), abgerufen am 19.10.2026