Retinopathia solaris
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LoslegenSynonym: Solarretinopathie
Englisch: solar retinopathy
Definition
Die Retinopathia solaris ist eine phototoxische Schädigung der Fovea centralis durch intensive, ungeschützte Sonnenexposition, etwa beim Betrachten einer Sonnenfinsternis oder bei direktem Blick in die Sonne.[1] Sie zählt zu den photischen Retinopathien – einer Gruppe von Netzhautschäden durch intensive Lichtexposition unterschiedlicher Quellen, zu der unter anderem auch die Laser-Makulopathie, die Schweißbogen-Makulopathie und die iatrogene photische Retinopathie (z.B. durch Operationsmikroskope) gezählt werden.[1][2][3]
Ätiologie
Die Retinopathia solaris entsteht durch ungeschütztes, klassischerweise direktes Blicken in die Sonne oder eine partielle Sonnenfinsternis, wobei intensives Licht auf die Fovea fokussiert wird. Vereinzelt sind auch Fälle ohne direkte Sonnenfixation beschrieben, etwa durch intensives, reflektiertes Sonnenlicht (z.B. von Schnee, Wasserflächen oder anderen stark reflektierenden Oberflächen).[4] Bereits eine sehr kurze Expositionsdauer kann für eine relevante Schädigung ausreichen, da die Fovea centralis besonders vulnerabel ist.[1] Beschriebene Expositionssituationen sind unter anderem:
- Sungazing im Rahmen religiöser oder spiritueller Praktiken
- das Beobachten einer partiellen Sonnenfinsternis ohne adäquaten Blendschutz
- ungeschütztes direktes Blicken in die Sonne, beispielsweise beim Sonnenbaden
- ungeschützter Blick in die Sonne unter Einfluss psychotroper Substanzen (z.B. LSD, Ecstasy) oder bei psychiatrischer Erkrankung[5]
Andere intensive Lichtquellen – etwa Laserpointer, Schweißlichtbogen ohne adäquaten Augenschutz oder das Operationsmikroskop bei Kataraktchirurgie beziehungsweise die Endoillumination während Pars-plana-Vitrektomien – verursachen keine Retinopathia solaris im engeren Sinne, sondern andere Formen der photischen Retinopathie (Laser-Makulopathie, Schweißbogen-Makulopathie, iatrogene photische Retinopathie), die klinisch und pathophysiologisch ähnlich, ätiologisch aber abzugrenzen sind. Ein Teil der Literatur verwendet den Begriff ''solar retinopathy" mitunter breiter und fasst weitere photische Retinopathien mit ein.[1]
Risikofaktoren
Neben Dauer und Intensität der Exposition begünstigen folgende Faktoren die Entstehung einer Retinopathia solaris:[1]
- junges Lebensalter
- klare, phake Augenmedien
- photosensibilisierende Arzneistoffe, etwa Tetracycline oder Psoralene
- psychiatrische Erkrankungen, kognitive Beeinträchtigung oder Einfluss halluzinogener Substanzen
- Mydriasis bzw. eine vergrößerte Pupillenweite, etwa medikamentös bedingt, da hierdurch die auf die Netzhaut auftreffende Strahlungsenergie zunimmt[6]
Emmetropie und geringe Hypermetropie sind mit einem erhöhten Risiko assoziiert, da Lichtstrahlen dabei besonders effektiv auf die Fovea fokussiert werden. Stärkere Refraktionsfehler können die retinale Bestrahlungsstärke verringern. Auch ein stark pigmentierter Augenhintergrund gilt als möglicher protektiver Faktor.[1]
Pathophysiologie
Der Schädigungsmechanismus umfasst photochemische und – insbesondere bei hoher Bestrahlungsintensität – photothermische Komponenten. Absorbierte Lichtenergie führt über intraretinale Chromophore zu photooxidativem Stress und zur Bildung reaktiver Sauerstoffspezies.[7]
Zielstrukturen sind bevorzugt das retinale Pigmentepithel sowie die Außensegmente der Photorezeptoren. Die Schädigung betrifft überwiegend die äußere Netzhaut. Die inneren Netzhautschichten bleiben meist ausgespart, können bei schwereren Verläufen jedoch ebenfalls betroffen sein.[8]
Symptome
Die Symptomatik tritt meist innerhalb weniger Stunden nach Exposition auf. Die Erkrankung kann ein- oder beidseitig auftreten und ist häufig asymmetrisch ausgeprägt.[8] Die Patienten berichten über:
- deutlich reduziertes Sehvermögen
- zentrales oder parazentrales Skotom
- Metamorphopsien
- Farbsehstörungen (Dyschromatopsie)
- Photophobie und Kopfschmerzen
Diagnostik
Die Diagnose wird primär anhand von Anamnese, Fundusbefund und multimodaler Bildgebung gestellt. Betroffene verschweigen die auslösende Sonnenexposition häufig, sodass eine gezielte Anamnese, insbesondere nach Sonnenfinsternissen, religiösen Ritualen oder Drogenkonsum, für die Diagnosestellung entscheidend ist. Bei akuter Visusminderung nach direkter Sonnenexposition sollte zeitnah eine augenärztliche Untersuchung einschließlich einer optischen Kohärenztomographie (OCT) erfolgen. Bei unklarer oder fehlender Sonnenexposition in der Vorgeschichte müssen andere Makulaerkrankungen differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden.
Klinische Untersuchung
In der frühen Phase kann ophthalmoskopisch eine kleine gelblich-weiße foveale Läsion auftreten, die sich im Verlauf typischerweise in einen rötlichen, scharf begrenzten Fleck mit umgebender Pigmentveränderung (Halo) umwandelt.[9]
Bildgebung
Die OCT ist die wichtigste bildgebende Untersuchungsmethode. Kurz nach der Exposition zeigt sie eine Hyperreflektivität der äußeren Netzhautschichten sowie Schäden an Membrana limitans externa, Ellipsoidzone und Interdigitationszone. Im weiteren Verlauf können persistierende Defekte der äußeren Netzhaut bzw. der Photorezeptorschichten und eine foveale Atrophie entstehen.[10][1][11]
Weitere Verfahren liefern ergänzende, aber weniger zentrale Informationen: Die OCT-Angiographie kann in Einzelfällen zusätzliche mikrovaskuläre Veränderungen an der Fovea zeigen, ist für die Routinediagnose aber nicht erforderlich.[5] Die Fundusautofluoreszenz zeigt je nach Stadium dunklere zentrale Areale. Die Fluoreszenzangiographie ist weniger empfindlich als die OCT und daher nur zweite Wahl.[10]
Differentialdiagnosen
Die klinischen und tomographischen Befunde können mit anderen Ursachen fovealer Außensegmentdefekte überlappen, weshalb differentialdiagnostisch insbesondere folgende Entitäten und alternative Ätiologien abzugrenzen sind:[12]
- Schleudertrauma-assoziierte Makulopathie
- Frühstadium des idiopathischen Makulaforamens
- photische Retinopathie nach Solariumsbenutzung
- stumpfes Bulbustrauma
- idiopathische parafoveale Teleangiektasie (Macular Telangiectasia Typ 2)
- solitäre Makulazyste
Therapie
Für die Retinopathia solaris ist keine standardisierte Therapiestrategie etabliert. In der Regel erfolgt eine konservative Behandlung mit Beobachtung und gegebenenfalls klinischer bzw. OCT-basierter Verlaufskontrolle. Systemische Kortikosteroide wurden in Einzelfällen und kleinen Fallserien in der Akutphase eingesetzt. Ein Vorteil gegenüber dem konservativen Vorgehen hinsichtlich des funktionellen Endergebnisses ist jedoch nicht belegt, sodass sie keine etablierte Standardtherapie sind und nicht routinemäßig eingesetzt werden sollten. Zudem sind die potenziellen Nebenwirkungen einer systemischen Steroidtherapie zu berücksichtigen.[1] Auch lokale Steroidgaben wurden in einzelnen Fallberichten bei akuter photischer Retinopathie beschrieben, ohne dass hieraus eine allgemeine Therapieempfehlung abgeleitet werden kann.[13]
Prävention
Die wichtigste Maßnahme ist die Primärprävention durch konsequenten Verzicht auf ungeschützten Blick in die Sonne beziehungsweise die Verwendung geeigneter, normgerechter Sonnenfinsternisbrillen bzw. zertifizierter Sonnenfilter. Normale Sonnenbrillen bieten für das direkte Betrachten der Sonne oder einer Sonnenfinsternis keinen ausreichenden Schutz.[1]
Prognose
Die Erholung erfolgt in der Regel spontan und überwiegend innerhalb weniger Wochen bis zu sechs Monaten. Im Einzelfall kann die Erholung jedoch deutlich länger dauern oder unvollständig bleiben.[1] Strukturelle Veränderungen der Ellipsoid- und Interdigitationszone im OCT können Hinweise auf die funktionelle Prognose geben.[14]
Auch bei insgesamt günstiger visueller Erholung können funktionelle Defizite wie Metamorphopsien und zentrale oder parazentrale Skotome sowie strukturelle Veränderungen der äußeren Netzhaut langfristig persistieren. Die alleinige Visusangabe kann daher das Ausmaß persistierender funktioneller Beeinträchtigungen unterschätzen.
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 Jourieh, Solar retinopathy: A literature review, Oman J Ophthalmol, 2024
- ↑ Kleinmann et al., Microscope-induced retinal phototoxicity in cataract surgery of short duration, Ophthalmology, 2002
- ↑ Michels et al., Macular phototoxicity caused by fiberoptic endoillumination during pars plana vitrectomy, Am J Ophthalmol, 1992
- ↑ Marticorena et al., Solar maculopathy secondary to sunlight exposure reflected from the screen of mobile devices: two case reports, J Med Case Rep, 2022
- ↑ 5,0 5,1 Demirtaş und Öncül, Solar retinopathy from sun gazing under the influence of ecstasy: A longitudinal analysis of OCT and OCTA findings, Photodiagnosis Photodyn Ther, 2021
- ↑ Cheon, Solar retinopathy related to antidepressant use in a patient with major depressive disorder: a case report, J Yeungnam Med Sci, 2024
- ↑ Youssef et al., Retinal light toxicity, Eye (Lond), 2011
- ↑ 8,0 8,1 Das et al., Solar retinopathy in India: Clinical presentation and demographic distribution in 253 patients (349 eyes), Indian J Ophthalmol, 2023
- ↑ Yannuzzi et al., Solar retinopathy: a photobiologic and geophysical analysis, Retina, 2012 (Original 1989)
- ↑ 10,0 10,1 Jain et al., Solar retinopathy: comparison of optical coherence tomography (OCT) and fluorescein angiography (FA), Retina, 2009
- ↑ Lodha et al., Rise and Set of Solar Retinopathy on OCT, Ophthalmol Retina, 2022
- ↑ Bruè et al., Solar retinopathy: a multimodal analysis, Case Rep Ophthalmol Med, 2013
- ↑ Timofte Zorila et al., Photic Retinopathy: Diagnosis and Management of This Phototoxic Maculopathy, Life (Basel), 2025
- ↑ Abdellah et al., Solar maculopathy: prognosis over one year follow up, BMC Ophthalmol, 2019