Oraler Lichen planus
von altgriechisch: λειχήν ("leichén") - Flechte
Definition
Der orale Lichen planus, kurz OLP, ist eine relativ häufige, subakut bis chronisch verlaufende, nicht-kontagiöse Erkrankung der Mundschleimhaut. Es handelt sich um eine Variante des Lichen ruber planus, die als fakultative Präkanzerose gilt.
Abgrenzung
Ätiologisch muss der orale Lichen planus von der lichenoiden Reaktion abgegrenzt werden. Letztere präsentiert sich klinisch wie ein OLP kann aber im Gegensatz zu diesem einer klaren Ursache zugeordnet werden. Dazu zählen u.a. zahnärztliche Restaurationen oder Medikamenteneinnahme.[1]
Epidemiologie
Ein oraler Lichen planus kommt in Deutschland mit einer Prävalenz von etwa 0,1 bis 4 % vor.
Ätiologie
Ätiologie und Pathogenese sind derzeit (2026) nicht eindeutig geklärt. Man geht auf Grundlage histologischer Befunde davon aus, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der aktivierte T-Zellen gegen basale Keratinozyten gerichtet sind. Bei etwa 50% der Erkrankungen treten auch extraorale Hauterscheinungen auf.[2]
Es besteht eine genetische Prädisposition. Eine Induktion oder Verstärkung der Effloreszenzen sowie ein Übergang zu einer anderen Form kann z.B. durch Viren (z.B. HCV, HPV), Medikamente, Rauchen, zahnärztliche Restaurationen, Kontaktallergene, Traumata, Plaque oder Stress ausgelöst werden. Weiterhin können isomorphe Reize Effloreszenzen hervorrufen (Köbner-Phänomen).
Einteilung
Die Grundform des oralen Lichen planus ist der retikuläre Lichen planus. Er stellt sich als weißliche, nicht-abwischbare, netzförmige Epithelveränderung dar. Unter Umständen tritt ein diskreter erythematöser Randsaum auf. Die klinische Diagnose erfolgt anhand der Wickham-Streifen, die als leicht erhabene weiße Linien auftreten. Weitere Formen sind:
- Plaqueartiger oraler Lichen planus
- Erosiver Lichen planus
- Bullöser Lichen planus
- Atrophischer Lichen planus
Therapie
Die Behandlung des oralen Lichen planus richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. Eine kurative Therapie ist derzeit nicht möglich; die verfügbaren Behandlungsansätze zielen vielmehr darauf ab, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und Beschwerden zu lindern. Als Erstlinientherapie wird von den meisten Arbeitsgruppen die topische Applikation von Glukokortikoiden empfohlen.[3] Glukokortikoide unterdrücken die Expression inflammatorischer Gene, einschliesslich Zytokinen, Rezeptoren und Adhäsionsmolekülen. Dies führt zu einer verminderten Aktivierung und Proliferation von T-Lymphozyten und somit zu einer Suppression der T-zellvermittelten Immunantwort.[4]
Die topische Therapie mit Glukolortikoiden (Clobetasolpropionat 0,05 %, Triamcinolon, Betamethason, Fluocinonid, Fluticason, Dexamethason und Prednisolon) hat sich als sicher und wirksam erwiesen.[5] Die lokale Applikation in Form kortikosteroidhaltiger Gele oder Mundspüllösungen erfolgt üblicherweise zweimal täglich über einen Zeitraum von vier bis acht Wochen, gefolgt von einem schrittweisen Ausschleichen der Therapie.[6] Die systemische Gabe von täglich 50 mg Prednison zeigte keinen zusätzlichen therapeutischen Nutzen.[7]
Bei unzureichendem Ansprechen auf eine Steroidtherapie können Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus oder Pimecrolimus eingesetzt werden. Die topische Applikation von 0,03–0,1 % Tacrolimus oder 1 % Pimecrolimus erfolgt in der Regel zweimal täglich über vier bis acht Wochen.[8]
Zusätzlich zur medikamentösen Therapie werden beim oralen Lichen planus nicht-pharmakologische Massnahmen empfohlen, darunter Verbesserung der Mundhygiene[9], Eliminierung lokaler Reizfaktoren, Tabakkarenz[10] sowie Vermeidung scharfer und irritierender Speisen, da diese Faktoren Symptome aggravieren und den Krankheitsverlauf beeinflussen können.[11]
Der orale Lichen planus gilt als potenziell maligne Erkrankung. Die Malignentransformationsrate liegt bei ca. 1.14 bis 1.40 %.[12] Angesichts des potenziellen Malignitätsrisikos sollten betroffene Patienten routinemässig klinisch kontrolliert werden, um eine frühzeitige Erkennung maligner Veränderungen zu ermöglichen.[13]
Prognose
Der orale Lichen planus gilt als fakultative Präkanzerose für ein orales Plattenepithelkarzinom. Die Transformationsrate wird mit etwa 1 bis 3 % angegeben.[14] Bei bestehendem Alkohol- und/oder Nikotinkonsum sowie bei einer chronischen Hepatitis-C-Infektion ist das Risiko für eine Entartung erhöht.[15]
siehe Hauptartikel: Lichen ruber planus
Quellen
- ↑ Schlosser BJ. Lichen planus and lichenoid reactions of the oral mucosa. Dermatol Ther. 2010 May-Jun;23(3):251-67. doi: 10.1111/j.1529-8019.2010.01322.x. PMID: 20597944.
- ↑ Schwenzer, N., & Ehrenfeld, M. (Eds.). (2008). Chirurgische Grundlagen. Georg Thieme Verlag.
- ↑ Al-Hashimi, I., et al. (2007). Oral lichen planus and oral lichenoid lesions: diagnostic and therapeutic considerations. Oral Surgery, Oral Medicine, Oral Pathology, Oral Radiology, and Endodontics, 103 Suppl(SUPPL.), S25.e1-S25.e12. https://doi.org/10.1016/J.TRIPLEO.2006.11.001
- ↑ Barnes, P. J. (1998). Anti-inflammatory Actions of Glucocorticoids: Molecular Mechanisms. Clinical Science, 94(6), 557–572. https://doi.org/10.1042/CS0940557
- ↑ Solimani, F., Forchhammer, S., Schloegl, A., Ghoreschi, K., & Meier, K. (2021). Lichen planus – ein Klinikleitfaden. JDDG: Journal Der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 19(6), 864–883. https://doi.org/10.1111/DDG.14565_G
- ↑ Kang, K.-H., Kim, J.-R., Jung, J.-K., & Byun, J.-S. (2025). Pharmacological Treatment of Oral Lichen Planus: A Review of Evaluated Therapeutics. Journal of Oral Medicine and Pain, 50(1), 6–15. https://doi.org/10.14476/JOMP.2025.50.1.6
- ↑ Carbone, M., et al. (2003). Systemic and topical corticosteroid treatment of oral lichen planus: a comparative study with long-term follow-up. Journal of Oral Pathology & Medicine : Official Publication of the International Association of Oral Pathologists and the American Academy of Oral Pathology, 32(6), 323–329. https://doi.org/10.1034/J.1600-0714.2003.00173.X
- ↑ Sun, S. L., et al. (2019). Topical calcineurin inhibitors in the treatment of oral lichen planus: a systematic review and meta-analysis. The British Journal of Dermatology, 181(6), 1166–1176. https://doi.org/10.1111/BJD.17898
- ↑ Albaghli, F. et al. (2021). The effect of plaque control in the treatment of oral lichen Planus with gingival manifestations: A systematic review. Community Dental Health, 38(2), 112–118. https://doi.org/10.1922/CDH_00202ALBAGHLI07
- ↑ Gorsky, M., et al. (2004). Smoking Habits Among Patients Diagnosed with Oral Lichen Planus. Tobacco Induced Diseases, 2(1), 9. https://doi.org/10.1186/1617-9625-2-9
- ↑ Nukaly, H. Y., et al. (2024). Oral Lichen Planus: A Narrative Review Navigating Etiologies, Clinical Manifestations, Diagnostics, and Therapeutic Approaches. Journal of Clinical Medicine 2024, Vol. 13, Page 5280, 13(17), 5280. https://doi.org/10.3390/JCM13175280
- ↑ Giuliani, M., et al. (2019). Rate of malignant transformation of oral lichen planus: A systematic review. Oral Diseases, 25(3), 693–709. https://doi.org/10.1111/ODI.12885
- ↑ Oral Lichen Planus – European Association of Oral Medicine. Retrieved April 4, 2026, from https://eaom.eu/education/eaom-handbook/oral-lichen-planus/?v=d88fc6edf21e
- ↑ Altmeyers Enzyklopädie – Lichen planus mucosae abgerufen am 31.10.2022
- ↑ Koushk-Jalali et al.: Plattenepithelkarzinom auf dem Boden eines oralen Lichen planus, Der Hautarzt, 2020