Opioidinduzierte Obstipation
Englisch: opioid-induced constipation (OIC)
Definition
Die opioidinduzierte Obstipation, kurz OIC, ist eine unter der Behandlung mit Opioidanalgetika auftretende Form der Verstopfung (Obstipation).
Pathophysiologie
Opioide binden an µ-Opioidrezeptoren des enterischen Nervensystems und hemmen dort erregende Neurone. Dadurch wird die propulsive Peristaltik sowie die sekretorische Aktivität der Darmwand vermindert. In der Folge verlangsamt sich der Kolontransit, während gleichzeitig die Resorption von Wasser und Elektrolyten zunimmt. Dies führt zu hartem und trockenem Stuhl und damit zu erschwerter Darmentleerung.
Symptomatik
Die Symptomatik der opioidinduzierten Obstipation entspricht im Wesentlichen derjenigen einer chronischen Obstipation. Typisch sind eine verminderte Stuhlfrequenz, harter oder trockener Stuhl, erschwerte Defäkation mit vermehrtem Pressen sowie das Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung.
Diagnostik
Die opioidinduzierte Obstipation wird primär klinisch diagnostiziert. Entscheidend ist das zeitliche Auftreten oder die Zunahme von Beschwerden nach Beginn einer Opioidtherapie.
Zur Erfassung der OIC empfiehlt die Leitlinie den Bowel Function Index (BFI). Dieser basiert auf drei Kriterien, die vom Patienten jeweils von 0 (=einfach/nicht belastend) - 100 (=sehr schwer/stark belastend) Punkten bewertet werden:
- Leichtigkeit der Defäkation (0 = keine Schwierigkeiten, 100 = mit grösster Schwierigkeit)
- Gefühl der inkompletten Entleerung (0 = überhaupt nicht, 100 = sehr stark)
- Persönliche Einschätzung der Obstipation (0 = überhaupt nicht, 100 = sehr stark)
Zur Berechnung des BFI wird aus den drei Einzelwerten der Mittelwert gebildet. Ein Wert unter 28,8 Punkten gilt als normaler Stuhlgang. Eine Veränderung um 12 Punkte wird als klinisch bedeutsam angesehen.
Für die deutsche Version ist laut Leitlinie keine feste Interventionsgrenze definiert.
Therapie
Ziel der Therapie ist eine weiche, regelhafte Stuhlentleerung täglich beziehungsweise jeden zweiten bis dritten Tag, orientiert an der individuellen Stuhlfrequenz vor Beginn der Opioidtherapie.
Die Behandlung erfolgt stufenweise in 3 Schritten:
- Stufe 1: Einsatz eines Laxans mit propulsiver oder osmotischer Wirkung, prophylaktisch und/oder therapeutisch (z.B. Macrogol oder Lactulose)
- Stufe 2: Bei unzureichender Wirkung Kombination mit einem weiteren Laxans mit anderem Wirkmechanismus (z.B. Macrogol + Natriumpicosulfat)
- Stufe 3: Bei Therapieversagen ggf. Einsatz eines peripher wirksamen Opioidantagonisten (PAMORA-Gruppe, z.B. Naloxegol)
Therapiebegleitend sollten allgemeine Massnahmen wie eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (ca. 1,5–2 Liter täglich), ballaststoffreiche Ernährung sowie regelmässige körperliche Aktivität sichergestellt werden.
Bei Patienten mit bereits bekannter OIC oder erhöhtem Risiko kann alternativ ein Opioidwechsel oder der Einsatz der Fixkombination Oxycodon/Naloxon anstelle von Oxycodon alleine erwogen werden.
Toleranzentwicklung
Im Gegensatz zu anderen unerwünschten Wirkungen einer Opioidtherapie entwickelt sich gegenüber der obstipierenden Wirkung in der Regel keine relevante Toleranz, sodass die Symptomatik unter Opioideinnahme häufig dauerhaft bestehen bleibt.