Navitoclax
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LoslegenSynonym: ABT-263
Englisch: navitoclax
Definition
Navitoclax ist ein experimenteller Arzneistoff aus der Klasse der BCL-2-Inhibitoren. Es hemmt mit hoher Affinität die antiapoptotischen Proteine BCL-2, BCL-XL und BCL-W und fördert so die Apoptose von Tumorzellen.
Chemie
Navitoclax ist eine synthetische Verbindung mit der Summenformel C47H55ClF3N5O6S3 und einem Molekulargewicht von 974,6 g/mol. Strukturell gehört es zur Klasse der BH3-Mimetika, die die Bindungsdomäne der proapoptotischen BH3-only-Proteine an antiapoptotische BCL-2-Familienmitglieder nachahmen.
Ein strukturell verwandter Arzneistoff ist Venetoclax.
Wirkmechanismus
Die BCL-2-Proteinfamilie reguliert als zentraler Schalter den intrinsischen Apoptoseweg. Das Gleichgewicht zwischen antiapoptotischen Proteinen (BCL-2, BCL-XL, BCL-W, MCL-1) und proapoptotischen Proteinen (BAX, BAK, BIM, BAD) bestimmt über das Überleben oder den Tod der Zelle.[1]
In Tumorzellen sind antiapoptotische BCL-2-Familienmitglieder häufig überexprimiert, wodurch die Zellen eine Resistenz gegenüber zelltodinduzierende Signale erlangen. Navitoclax ist ein BH3-Mimetikum, das mit hoher Affinität an die hydrophoben BH3-Bindungsdomänen von BCL-2 BCL-XL und BCL-W bindet. Dort verdrängt es proapoptotische BH3-only-Proteine wie BIM. Dies führt zur Aktivierung von BAX und BAK, zur mitochondrialen Freisetzung von Cytochrom c und zur Caspase-abhängigen Apoptose.[2]
MCL-1 wird von Navitoclax nur schwach gehemmt; die mangelnde MCL-1-Inhibition gilt als einer der Hauptmechanismen einer primären oder erworbenen Resistenz.
Neben der onkologischen Wirkung soll Navitoclax selektiv seneszente Zellen eliminieren.
Pharmakokinetik
Navitoclax wird oral appliziert. Die Metabolisierung erfolgt überwiegend hepatisch über CYP3A4. Die Eliminationshalbwertszeit liegt im Bereich von mehreren Stunden.
Klinische Entwicklung
Myelofibrose
Bei der Myelofibrose wird Navitoclax in Kombination mit Ruxolitinib in Phase-III-Programmen geprüft. Die antiapoptotische BCL-XL-Abhängigkeit der klonalen hämatopoetischen Vorläuferzellen macht diese Kombination pathophysiologisch plausibel.[3] Ziel ist neben der Symptomkontrolle eine krankheitsmodifizierende Wirkung mit Verbesserung der Knochenmarkfibrose und Reduktion der klonalen Krankheitslast.
Hämatologische Malignome
In Phase-I/II-Studien wurde Navitoclax u.a. bei chronischer lymphatischer Leukämie (CLL), akuter lymphatischer Leukämie (ALL) sowie kleinzelligem Lungenkarzinom (SCLC) untersucht.
Solide Tumoren
Als Monotherapie zeigte Navitoclax bei soliden Tumoren nur begrenzte Aktivität. In Kombination mit Chemotherapie oder anderen zielgerichteten Therapien (z.B. PARP-Inhibitoren, MEK-Inhibitoren) werden synergistische Effekte beobachtet, die in weiteren klinischen Studien untersucht werden sollen.[2]
Nebenwirkungen
Die klinisch bedeutsamste dosislimitierende Nebenwirkung von Navitoclax ist die Thrombozytopenie. Sie entsteht, weil Thrombozyten für ihr Überleben stark auf BCL-XL angewiesen sind. Durch die Hemmung werden Thrombozyten in die Apoptose getrieben. Diese Nebenwirkung limitierte maßgeblich die Dosierung in klinischen Studien und hat die weitere Zulassungsentwicklung im Vergleich zum Venetoclax gebremst.[1]
Weitere unerwünschte Wirkungen umfassen:
- Neutropenie
- Anämie
- Gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Diarrhö)
- Infektionen infolge der Myelosuppression
Regelmäßige Blutbildkontrollen sind während der Therapie mit Navitoclax obligat. Bei ausgeprägter Thrombozytopenie ist eine Dosisreduktion oder Therapiepause erforderlich.
Wechselwirkungen
Klinisch relevante Arzneimittelinteraktionen ergeben sich insbesondere mit starken CYP3A4-Inhibitoren und -Induktoren.
Zulassung
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Mohamad Anuar NN et al. Clinical Review: Navitoclax as a Pro-Apoptotic and Anti-Fibrotic Agent. Front Pharmacol. 2020;11:564108.
- ↑ 2,0 2,1 Nor Hisam NS et al. Combination Therapy of Navitoclax with Chemotherapeutic Agents in Solid Tumors and Blood Cancer: A Review of Current Evidence. Pharmaceutics. 2021;13(9):1353.
- ↑ Passamonti F et al. Anemia in myelofibrosis: Current and emerging treatment options. Crit Rev Oncol Hematol. 2022;180:103862.