Müller-Gang-Persistenzsyndrom
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LoslegenSynonyme: Anti-Müller-Hormon-Mangelsyndrom
Englisch: persistent Müllerian duct syndrome
Definition
Das Müller-Gang-Persistenzsyndrom, kurz PMDS, ist eine seltene autosomal-rezessiv vererbte Erkrankung. Ursache sind Mutationen des AMH-Gens oder seines Rezeptors AMHR2. Die Krankheit äußert sich durch das Fortbestehen von Müller-Gang-Derivaten (z.B. Uterus, Zervix, Eileiter und obere Bereiche der Vagina) im Rahmen einer Störung der Geschlechtsentwicklung bei Jungen. Die Betroffenen haben einen normalen männlichen Chromosomensatz (46,XY) und unauffällige äußere männliche Geschlechtsmerkmale.
Physiologie
Gebärmutter und Eileiter entstehen während der fetalen Entwicklung aus dem Müller-Gang. Dieser bildet sich beim männlichen Embryo normalerweise früh zurück. Die Sertoli-Zellen der fetalen Hoden produzieren ab der 7. Schwangerschaftswoche Anti-Müller-Hormon (AMH). Es bindet an den AMH-Rezeptor Typ 2 (AMHR2) mesenchymaler Zellen des Müller-Gangs und induziert dessen Rückbildung durch Apoptose und Gewebeumbau.
Pathophysiologie
Beim PMDS führen Mutationen des AMH- oder AMHR2-Gens zu einer gestörten Signalübertragung, sodass die Müller-Gänge persistieren. Da die Funktion der Leydig-Zellen und damit die Testosteronproduktion erhalten bleibt, entwickeln sich die Wolff-Gänge sowie die äußeren männlichen Genitalien regelrecht.
Klassifikation
Es werden drei Typen des Syndroms unterschieden:
- Typ I ist durch eine beeinträchtigte hormonelle Sekretion gekennzeichnet (Mutationen im AMH-Gen, 45% der Fälle)
- Typ II beruht auf einem Rezeptordefekt (AMHR2-Gen, ca. 40% der Fälle)
- Typ III umfasst unklare genetische Ursachen (ca.15% aller PMDS-Fälle)
Klinisch erfolgt die Einteilung des Syndroms anhand der anatomischen Variationen.
Symptome
Das Syndrom tritt selten auf. Die Diagnose erfolgt häufig verzögert, da Betroffene erst durch Symptome wie Kryptorchismus im Kindesalter oder Fertilitätsstörungen im Erwachsenenalter auffallen. Durch einen normalen Testosteronstoffwechsel weisen die Patienten einen unauffälligen männlichen Phänotyp auf.
Diagnose
PMDS wird meist zufällig im Rahmen operativer Eingriffe bei Hodenhochstand oder Leistenbruch bei Jungen mit normal ausgeprägten äußeren Genitalien festgestellt. Zur Unterstützung der molekularen Diagnostik kann ein spezifischer ELISA zur Bestimmung der AMH-Serumspiegel als Screening-Verfahren eingesetzt werden.
Differentialdiagnose
PMDS ist von der Gonadendysgenesie abzugrenzen. Bei dieser führen erniedrigte AMH- und Testosteronspiegel sowohl zum Persistieren der Müller-Gang-Strukturen als auch zu einer unvollständigen oder fehlenden Virilisierung der äußeren Genitalien.
Therapie
Die Therapie erfolgt operativ und umfasst die Verlagerung der Gonaden in den Hodensack. Dabei ist eine sorgfältige Präparation der Müller-Gang-Derivate erforderlich. Aufgrund des Risikos einer Schädigung der Samenleiter wird von einer totalen Hysterektomie abgeraten.
Prognose
Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung eines länger bestehenden Kryptorchismus kann das Risiko einer Degeneration der Hoden sowie einer malignen Entartung vermindern. Die Sexualfunktion bleibt erhalten, die Fertilität ist jedoch auch nach Behandlung eingeschränkt. Eine Vaterschaft kann jedoch mithilfe einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) erzielt werden.
Literatur
- Fischer et al., Müller-Gang-Persistenzsyndrom mit synchronem Keimzelltumor in einem jungen Erwachsenen, J. Urol. Urogynäkol. AT, 2020
- Müller-Gang-Persistenzsyndrom (Orphanet), abgerufen am 05.05.2026