Hufkrebs
Synonym: Pododermatitis chronica verrucosa sive migrans
Englisch: equine hoof canker
1. Definition
Als Hufkrebs wird eine chronisch verlaufende Störung der Hornbildung (Parakeratose) des Pferdehufs bezeichnet. Sie ist gekennzeichnet durch eine Hyperplasie des Papillarkörpers der Huflederhaut mit stinkender Exsudation, die zu einer übermäßigen Hornbildung führt.
2. Nomenklatur
Anders als der Name "Hufkrebs" vermuten lässt, handelt es sich nicht um eine Neoplasie des Hufhorns. Die blumenkohlförmigen Zubildungen mit ihrer geschwürartig zersetzenden Erscheinung gleichen jedoch der klinischen Morphologie eines Tumors, was zur Namensgebung beigetragen hat.
3. Einteilung
Je nach Region, wird zwischen Strahl-, Wand-, Eckstreben- und Sohlenkrebs unterschieden,[1][2][3] wobei die Übergänge fließend sind und sich die Erkrankung auf Trachten- und Wandbereiche ausbreiten kann.[2][3] In hochgradigen Fällen können auch Sporn und Kastanien betroffen sein.[1] In extremen Fällen sind alle Abschnitte erkrankt.[3]
4. Epizootiologie
Kaltblutpferde sind häufiger betroffen, Warmblüter dagegen eher seltener und Vollblüter fast gar nicht.[2][3][4] Auch Esel und Maulesel sowie Maultiere können in seltenen Fällen erkranken.[3]
Fuchsfarbene Pferde erkranken häufiger als Braune und Rappen.[3]
Meist sind mehrere Hufe gleichzeitig betroffen,[2][4] wobei Hufkrebs eher an den Hinterhufen als den Vorderhufen auftritt.[1][2]
5. Ätiopathogenese
Die Ursachen für die Entstehung von Hufkrebs sind bisher (2025) noch nicht vollständig geklärt. Vermutet wird eine Beteiligung von Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Protozoen, die auf schlechte Hygiene- und Haltungsbedingungen zurückzuführen sind und eine enorme Belastung für das Hufhorn bedeuten.[1][2][3][4] Es wird diskutiert, ob auch eine Infektion mit dem bovinen Papillomavirus, eine genetische Prädisposition und eine Beteiligung des Immunsystems als Ursache infrage kommen.[2][3]
Vor allem die Weidehaltung in Sumpfgebieten oder auf sehr nassen Wiesen, aber auch in Ställen mit Steinholzfußböden erhöhen das Risiko für die Entwicklung von Hufkrebs. Hier werden auch häufige Rezidive beobachtet.[3]
Im Rahmen der Erkrankung kommt es zu einem (übermäßigen) Zerfall nach Degeneration der Epithelzellen, wobei eine neuerliche Verhornungstendenz ausbleibt. Die degenerierten Zellen bilden einen Belag auf der Oberfläche der Lederhaut. Das Horn erscheint hierbei käsig verändert und entwickelt einen für die Erkrankung typischen Geruch.[1][2][3][5][6]
6. Histologie
In mikroskopischen Untersuchungen sind zunächst keine Entzündungserscheinungen auffällig, wobei das Stratum spinosum stark verbreitert und die Epithelzellen vergrößert wirken. Sie sind von einem unterschiedlich großen Hof umgeben. Das Plasma erscheint mit Vakuolen durchsetzt. Geht die Erkrankung in eine Parakeratose über, entsteht eine exsudative Entzündung mit massiver Fibroblastenzunahme. Hierbei degeneriert das Stratum spinosum und die Vakuolenbildung nimmt zu. Neu gebildete Epithelzellen zeigen kein Bestreben zur Verhornung, vielmehr zerfallen sie in die typisch schmierigen Oberflächenbeläge. Die Lederhaut quillt auf und füllt die entstandenen Lücken auf, wodurch es zur Stauungshyperämie mit Transsudation kommt.[3]
7. Klinik
Im Bereich der hypertrophierten Lederhautzotten entstehen überschießende blumenkohlartige Wucherungen, unter der die Lederhaut partiell schmerzhaft auf Druck und Resektion reagiert. Treten im Wandbereich konkave Formveränderungen auf, ist von Wandkrebs auszugehen.[1][2] Hierbei entwickeln sich häufig hochgradige Lahmheiten.
Schreitet der Prozess so weit voran, dass eine Schwächung des Hufbeinträgers eintritt, besteht die Gefahr einer Hufbeinsenkung. Sekundär kommt es häufig zu Saumbandentzündungen, die sich an den aufgestellten Haaren darüber erkennen lassen.[1][2][3] Oft ist erst nach dem Abtragen des betroffenen Horns das gesamte Ausmaß der Erkrankung erkennbar.[2][3]
Lahmheiten treten i.d.R. erst dann auf, wenn die Erkrankung weiter fortgeschritten ist und tiefer liegende Strukturen betroffen sind.[1][2][3] Sie sind somit vom Schweregrad abhängig.[2] Die Blutungstendenz (vor allem des Strahlhorns) nimmt dabei zu, sodass auch ein vorsichtiges Beschneiden der betroffenen Partien direkt zu Blutungen führt.[3]
8. Differentialdiagnosen
Aufgrund des typischen Erscheinungsbilds lässt sich Hufkrebs gut von anderen Erkrankungen abgrenzen. Differentialdiagnostisch kommt höchstens eine weit fortgeschrittene Strahlfäule infrage, die mit Strahlkrebs verwechselt werden kann.[3]
9. Therapie
Therapeutisch kommen sowohl konservative wie chirurgische Maßnahmen in Betracht.[1][2][3] Das Ziel ist, die erkrankte Huflederhaut wieder dazu in die Lage zu versetzen, normales Horn zu bilden.[3]
9.1. Konservative Therapie
Konservative Ansätze bieten sich nur bei einer geringgradigen Ausprägung an.[1][2] Ziel ist das schichtweise Abtragen des veränderten Gewebes und die Behandlung mit adstringierenden (z.B. Salicylsäure, Jodoformäther, Hufkrebspulver) oder auch desinfizierenden Lösungen. Dabei wird das Aufbringen stark ätzender Produkte neuerdings (2025) kritisch gesehen.[3] Anschließend sollte ein Eisen mit Splintverband unter Druck angebracht und das Pferd regelmäßig bewegt werden.[2]
Nicht selten ist zur Durchführung dieser Maßnahmen eine Sedation oder zumindest eine Lokalanästhesie des Pferdes nötig, um (dem ggf. massiven) Abwehrverhalten des Pferdes entgegenzuwirken. Dies wird besonders dann erforderlich, wenn die Erkrankung weiter fortgeschritten ist. Als günstig hat sich begleitend im Zuge seiner guten antiinflammatorischen Wirkung der systemische Einsatz von Kortikosteroiden erwiesen.[1][3]
9.2. Operativ-chirurgische Therapie
Operativ-chirurgisch wird bei mittel- bis hochgradigem Verlauf vorgegangen. Hierbei werden radikal die veränderten Gewebsareale bis ins Lebende hinein zurückgeschnitten, wobei anschließend eine gute Wundversorgung und -abdeckung unter starkem Druck erfolgen muss. Das Strahlpolster ist dabei zu schonen. Ggf. können nur das diagonale Hufpaar, keinesfalls aber alle Hufe gleichzeitig therapiert werden.[2]
Hierzu ist das Ablegen des Pferdes in Allgemeinnarkose unter Verwendung einer Esmarchstaubinde erforderlich.[3] Anschließend werden adstringierende Mittel (s.o.) auf das Wundbett aufgetragen.[1][2] Das abschließende Anlegen eines Druckverbands unter einem Splint- oder Deckeleisen ist unbedingt notwendig. Dieser ist alle 8–10 Tage zu wechseln und muss bis zur vollständigen Verhornung angelegt bleiben.[2][3]
10. Prognose
Die Prognose ist abhängig von der Ausprägung der Erkrankung (Anzahl der betroffenen Hufe, betroffene Segmente eines Hufs und Tiefe) als gut bis zweifelhaft einzuordnen.[1][2][3] Hufkrebs hat ein großes Rezidivrisiko. Wird er nicht innerhalb von 4–6 Wochen geheilt, gilt die Prognose als zweifelhaft. Das wiederholte Durchführen von Resektionen kann notwendig sein. Dadurch entstehen ein hoher Zeit- und Kostenaufwand, wobei die Kooperation zwischen Hufschmied und Tierarzt wesentlich zum Therapieerfolg beiträgt. Bei Befall der Hufwand oder aller vier Hufe, ist die Prognose als vorsichtig bis infaust einzustufen[1][2][3] und eine Euthanasie sollte in Betracht gezogen werden.[3]
11. Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 Kröhnert, Erkrankungen der Hornkapsel. Das 1x1 des Hufs, Proceedings Hamburger Symposien, 26. und 27.04.2024
- ↑ 2,00 2,01 2,02 2,03 2,04 2,05 2,06 2,07 2,08 2,09 2,10 2,11 2,12 2,13 2,14 2,15 2,16 2,17 2,18 2,19 2,20 Litzke und Ruthe, Der Huf, 7. Auflage, Thieme, 2020
- ↑ 3,00 3,01 3,02 3,03 3,04 3,05 3,06 3,07 3,08 3,09 3,10 3,11 3,12 3,13 3,14 3,15 3,16 3,17 3,18 3,19 3,20 3,21 3,22 3,23 3,24 Brehm et al., Handbuch Pferdepraxis, 4. Auflage, Enke Verlag, 2017
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Apprich et al., Equine Hoof Canker: Cell Proliferation and Morphology, Vet Path, 2017
- ↑ Redding und O’Grady, Nonseptic diseases associated with the hoof complex: keratoma, white line disease, canker, and neoplasia, Vet Clin North Am Equine Pract, 2012
- ↑ Prescott, Canker in the hoof of a horse, Aust Vet J, 1970