Donor Risk Index
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Abkürzung: DRI
Englisch: Donor Risk Index
Definition
Der Donor Risk Index, kurz DRI, ist ein prognostischer Score zur quantitativen Beurteilung des spenderorganbezogenen Risikos nach Lebertransplantation. Er wurde 2006 von Feng et al. anhand von Daten verstorbener Organspender in den USA entwickelt.
Der DRI kombiniert verschiedene Spender- und Transplantationsfaktoren zu einem kontinuierlichen Risikowert. Ein höherer DRI ist mit einem höheren relativen Risiko für einen Transplantatverlust assoziiert. Der DRI dient insbesondere der standardisierten Charakterisierung von Spenderorganen sowie der Risikostratifizierung und dem Vergleich von Transplantationskohorten.
Berechnung
Der ursprüngliche DRI berücksichtigt sieben Spendermerkmale sowie zwei transplantationsbezogene Faktoren:
| Faktor | Einfluss auf den DRI |
|---|---|
| Spenderalter | zunehmendes Risiko insbesondere ab 40 Jahren |
| Ethnische Zugehörigkeit | im ursprünglichen US-Modell berücksichtigt |
| Körpergröße des Spenders | geringere Körpergröße mit höherem Risiko assoziiert |
| Todesursache | Trauma als Referenz; Anoxie, zerebrovaskuläres Ereignis und andere Ursachen unterschiedlich gewichtet |
| Donation after Circulatory Death (DCD) | erhöht den DRI |
| Split-/Partial-Leber | erhöht den DRI |
| Organallokation | lokale, regionale oder nationale Organvermittlung |
| Kalte Ischämiezeit | längere Ischämiezeit erhöht den DRI |
Die einzelnen Faktoren werden entsprechend den in der Originalstudie mittels Cox-Regressionsanalyse ermittelten Koeffizienten gewichtet und zu einem gemeinsamen Index zusammengeführt.
Als Referenz dient ein Spender unter 40 Jahren mit einer Körpergröße von 170 cm, traumatischer Todesursache, der ethnischen Referenzkategorie des ursprünglichen Modells, Donation after Brain Death (DBD), Verwendung eines Fullgraft, lokaler Organallokation sowie einer kalten Ischämiezeit von 8 Stunden.[1]
Ein DRI von 1 entspricht näherungsweise dem Risiko dieses Referenztransplantats. Ein DRI von beispielsweise 1,5 bedeutet ein etwa 1,5-fach erhöhtes relatives Risiko für einen Transplantatverlust gegenüber der Referenz. Der DRI gibt somit keine absolute Wahrscheinlichkeit eines Transplantatversagens an.
Entwicklung
Grundlage des DRI waren Daten von 20.023 Lebertransplantationen in den USA aus den Jahren 1998 bis 2002.[2] Ziel war es, Spenderfaktoren zu identifizieren, die unabhängig vom Empfänger mit dem Transplantatüberleben assoziiert sind, und deren kombinierten Einfluss quantitativ abzubilden.
Zu den stärksten Risikofaktoren gehörten ein hohes Spenderalter, die Verwendung von Organen nach Donation after Circulatory Death (DCD) sowie Split- bzw. Partial-Lebern. Darüber hinaus waren unter anderem die Todesursache, die Körpergröße des Spenders, die kalte Ischämiezeit und die Entfernung bzw. Art der Organallokation mit dem Transplantatverlust assoziiert.
Verschiedene andere Spendermerkmale, die klinisch häufig zur Beurteilung der Organqualität herangezogen werden, gingen dagegen nicht in das endgültige Modell ein. Dazu gehören beispielsweise zahlreiche Laborparameter oder Begleiterkrankungen des Spenders. Der DRI ist daher nicht mit einer vollständigen klinischen Beurteilung der Organqualität gleichzusetzen.
Klinische Bedeutung
Der DRI ermöglicht eine standardisierte Quantifizierung des mit einem Spenderorgan verbundenen Risikos. Er wird insbesondere zur Beschreibung von Studienpopulationen, zur Risikoadjustierung und zum Vergleich unterschiedlicher Transplantationskohorten verwendet.
Ein hoher DRI bedeutet dabei nicht zwangsläufig, dass ein Organ für eine Transplantation ungeeignet ist. Die S2k-Leitlinie Lebertransplantation betont, dass keine klare Grenze zwischen transplantablen und nicht transplantablen Organen besteht und die Anforderungen an die Organqualität vom Zustand des Empfängers abhängen.[3] Das tatsächliche Transplantationsergebnis hängt zusätzlich von zahlreichen Empfänger-, Operations- und Zentrumsfaktoren sowie von der konkreten Spender-Empfänger-Konstellation ab.
Der DRI sollte deshalb nicht isoliert als Kriterium für die Annahme oder Ablehnung eines Spenderorgans verwendet werden. Vielmehr stellt er ein Instrument zur objektiven Beschreibung des spenderbezogenen Risikos dar.
Limitationen
Der DRI wurde anhand einer historischen US-amerikanischen Transplantationskohorte entwickelt. Einige seiner Variablen sind daher stark vom damaligen amerikanischen Allokationssystem und der zugrunde liegenden Population geprägt.
Darüber hinaus werden verschiedene klinisch relevante Faktoren nicht berücksichtigt. Hierzu zählen beispielsweise die Steatose des Transplantats, detaillierte laborchemische Parameter, anatomische Besonderheiten und die individuelle Spender-Empfänger-Konstellation.
Auch neuere Entwicklungen der Transplantationsmedizin, insbesondere der zunehmende Einsatz von Maschinenperfusionsverfahren zur Organkonservierung und -rekonditionierung, sind im ursprünglichen DRI naturgemäß nicht abgebildet.
Für andere Allokationssysteme wurden daher modifizierte Risikomodelle entwickelt. Im Eurotransplant-Gebiet wird insbesondere der Eurotransplant Donor Risk Index (ET-DRI) verwendet, der an die dortigen Spender- und Allokationsbedingungen angepasst wurde.
Quellen
- ↑ Erratum zu „Characteristics Associated with Liver Graft Failure: The Concept of a Donor Risk Index“, American Journal of Transplantation, 2018
- ↑ Feng et al., Characteristics associated with liver graft failure: the concept of a donor risk index, Am J Transplant, 2006
- ↑ Berg et al., S2k-Leitlinie Lebertransplantation der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV), Zeitschrift für Gastroenterologie, 2024
Literatur
- Feng et al., Characteristics Associated with Liver Graft Failure: The Concept of a Donor Risk Index, American Journal of Transplantation, 2006
- Braat et al., The Eurotransplant Donor Risk Index in Liver Transplantation: ET-DRI, American Journal of Transplantation, 2012