Maschinenperfusion
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LoslegenSynonyme: maschinelle Organperfusion, Ex-situ-Maschinenperfusion, MP
Englisch: machine perfusion, ex-situ machine perfusion, ex-vivo machine perfusion
Definition
Die Maschinenperfusion, kurz MP, ist ein Verfahren zur extrakorporalen Konservierung, Beurteilung und gegebenenfalls Rekonditionierung von Spenderorganen vor einer Transplantation. Dabei durchströmt eine Flüssigkeit das Organ außerhalb des Körpers kontinuierlich über ein Perfusionssystem. Anwendung finden Maschinenperfusionsverfahren vor allem bei der Transplantation von Niere, Leber, Lunge und Herz.[1]
Hintergrund
Die extrakorporale Organperfusion wurde bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erprobt und zunächst in der Nierentransplantation klinisch eingesetzt. Mit Einführung standardisierter Konservierungslösungen verdrängte die statische Kaltlagerung das Verfahren für mehrere Jahrzehnte. Seit den 2000er-Jahren erlebt die Maschinenperfusion durch den Organmangel und die vermehrte Nutzung von Organen geringerer Qualität eine Renaissance.[2]
Im Gegensatz zur statischen Kaltlagerung erlaubt die Maschinenperfusion eine kontrollierte Zirkulation des Perfusats sowie die Regulation von Temperatur, Druck, Fluss und Oxygenierung. Je nach Verfahren lässt sich zusätzlich die Organfunktion beurteilen.
Abgrenzung
Von der MP abzugrenzen ist die normotherme regionale Perfusion (NRP), bei der die Organe nach Feststellung des Todes noch in situ im Spenderkörper reperfundiert werden.
Formen
Maschinenperfusionsverfahren unterscheiden sich in erster Linie durch die Perfusattemperatur. Die Oxygenierung bildet keine eigene Temperaturklasse, sondern eine Variante innerhalb des jeweiligen Regimes.
| Verfahren | Temperatur | Oxygenierung | Charakteristika |
|---|---|---|---|
| Hypotherme Maschinenperfusion (HMP) | ca. 1–12 °C, je nach Organ und Protokoll | optional | stark reduzierter Stoffwechsel |
| Hypotherme oxygenierte Perfusion (HOPE) | ca. 8–12 °C | aktiv | Variante der HMP; mitochondriale Regeneration trotz Hypothermie |
| Controlled Oxygenated Rewarming (COR) | ansteigend von ca. 8 auf 20 °C | aktiv | kontrollierte Wiedererwärmung vor Reperfusion |
| Subnormotherme Maschinenperfusion (SNMP) | ca. 20–34 °C | aktiv | partiell aktiver Stoffwechsel |
| Normotherme Maschinenperfusion (NMP) | ca. 35–37 °C | aktiv | weitgehend aktiver Organstoffwechsel; erlaubt funktionelle Testung |
Innerhalb der Temperaturregime bestehen organspezifische Protokolle. Bei der Leber verläuft die hypotherme oxygenierte Perfusion entweder allein über die Vena portae als HOPE oder zusätzlich über die Arteria hepatica als duale HOPE (D-HOPE). Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist der Zeitpunkt: Beginnt die Perfusion erst nach einer Phase statischer Kaltlagerung, spricht man von End-ischemic Machine Perfusion.[1]
Prinzip
Nach der Organentnahme werden die relevanten Gefäße kanüliert und mit einem extrakorporalen Perfusionskreislauf verbunden. Dieser besteht aus Reservoir, Pumpe, Schlauchsystem und Temperaturkontrolle, je nach Verfahren ergänzt um Oxygenator, Wärmetauscher sowie Druck- und Flusssensoren. Die Perfusion erfolgt druck- oder flussgesteuert.
Das Perfusat unterscheidet sich nach Organ, Temperatur und Verfahren. Es kann kristalloide und kolloidale Bestandteile, Elektrolyte, Nährstoffe, Puffer und Medikamente enthalten. Normotherme Verfahren benötigen zusätzlich einen Sauerstoffträger, meist Erythrozytenkonzentrate.
Wirkmechanismus
Ziel aller Verfahren ist die Verminderung von Konservierungs- und Ischämie-Reperfusionsschäden. Die Mechanismen unterscheiden sich zwischen den Temperaturregimen deutlich.
Bei hypothermen Verfahren bleibt der zelluläre Stoffwechsel stark reduziert. Eine Oxygenierung ermöglicht dennoch die mitochondriale oxidative Phosphorylierung und den Wiederaufbau zellulärer Energiereserven. Akkumuliertes Succinat wird kontrolliert metabolisiert, wodurch bei der späteren Reperfusion weniger reaktive Sauerstoffspezies entstehen.[3]
Bei der NMP bleibt ein annähernd physiologischer Stoffwechsel erhalten. Das Organ verbraucht Sauerstoff und übt organspezifische Funktionen aus, sodass neben die Konservierung die funktionelle Beurteilung und die gezielte Rekonditionierung treten.
Viabilitätsbeurteilung
Anders als bei der statischen Kaltlagerung lassen sich während der Perfusion Informationen über den Organzustand gewinnen. Die Parameter richten sich nach Organ und Verfahren.
| Verfahren | Parameter (Beispiele) | Aussagekraft |
|---|---|---|
| Hypotherm (HMP/HOPE) | Flavinmononukleotid (FMN) und NADH im Perfusat, Druck und Fluss | Marker mitochondrialer Schädigung; keine funktionelle Testung |
| Normotherm, Leber | Laktatclearance, Perfusat-pH, Glukosestoffwechsel, Galleproduktion und Gallenzusammensetzung | Funktion von Hepatozyten und Gallenwegen |
| Normotherm, Niere | Perfusatfluss, renaler Gefäßwiderstand, Urinproduktion | Perfusionsqualität und Funktionsaufnahme |
| Ex-vivo-Lungenperfusion | Oxygenierungsindex, pulmonalvaskulärer Widerstand, Compliance | Gasaustausch und Ödemneigung |
Verbindliche Grenzwerte sind für die meisten Verfahren noch nicht etabliert.[1]
Klinische Bedeutung
An Bedeutung gewonnen hat die Maschinenperfusion vor allem durch die zunehmende Verwendung von Organen mit erweiterten Spenderkriterien, z.B.:
- älterer Spender
- Organe nach Donation after Circulatory Death (DCD)
- steatotische Lebern
- Organe mit verlängerten Ischämiezeiten
Sie ermöglicht die Transplantation von Organen, die unter alleiniger Kaltlagerung verworfen worden wären.
Leber
In einer randomisierten Studie senkte die hypotherme oxygenierte Perfusion die Rate nicht-anastomotischer biliärer Strikturen von 18 % auf 6 % und verminderte Postreperfusionssyndrom sowie Early Allograft Dysfunction.[4] Eine Metaanalyse mit 984 Patienten bestätigte eine Reduktion der Early Allograft Dysfunction (17,8 % vs. 33,5 %), der Primary Non-Function (0,4 % vs. 3,6 %) sowie biliärer Komplikationen und Retransplantationen bei vergleichbarem Ein-Jahres-Transplantatüberleben.[5]
Für die normotherme Perfusion zeigte eine randomisierte Studie eine geringere Freisetzung hepatozellulärer Enzyme bei niedrigerer Verwerfungsrate und längerer Konservierungszeit.[6] Unter NMP erreichen DCD-Lebern in den wesentlichen Endpunkten Ergebnisse vergleichbar mit Organen nach Hirntod, werden aber weiterhin seltener genutzt.[7]
Die deutsche S2k-Leitlinie zur Lebertransplantation nennt die Maschinenperfusion als Möglichkeit zur Funktionsprüfung und Verbesserung marginaler Spenderlebern; nach dem Stand von Dezember 2023 ist die Anwendung möglichst im Rahmen klinischer Studien empfohlen.[8]
Niere
Die hypotherme Maschinenperfusion der Niere ist das am längsten klinisch etablierte Verfahren und wird in mehreren Ländern routinemäßig eingesetzt. Sie senkt die Rate der verzögerten Transplantatfunktion gegenüber der statischen Kaltlagerung.[1]
Lunge
Die Ex-vivo-Lungenperfusion (EVLP) dient vor allem der Beurteilung und Rekonditionierung zunächst abgelehnter Spenderlungen und ermöglicht dadurch Transplantationen, die sonst nicht zustande gekommen wären.[9]
Herz
In der Herztransplantation hat die ex-situ-Perfusion die Nutzung von DCD-Herzen ermöglicht. Neben normothermen, blutbasierten Systemen werden hypotherme oxygenierte Verfahren zur verlängerten Konservierung untersucht.[9]
Kontraindikationen
Einheitliche Kontraindikationen bestehen nicht. Bei normothermen Systemen gelten je nach Organ und Protokoll ausgeprägte makroskopische Traumatisierung, aktive Blutung, unzureichende Gefäßverhältnisse oder eine ungeeignete Organqualität als Ausschlusskriterien.[10]
Zum Abbruch führen technische Störungen des Kreislaufs, nicht beherrschbare Druck- oder Flussabweichungen, relevante Leckagen sowie eine fortschreitende Verschlechterung von Perfusions- oder Viabilitätsparametern. Die Entscheidung über Beginn, Fortführung oder Abbruch ist organ-, spender- und zentrumsabhängig.[1]
Limitationen
Maschinenperfusionsverfahren erfordern spezielle Geräte, Verbrauchsmaterialien und geschultes Personal und sind dadurch aufwendiger und teurer als die statische Kaltlagerung. Hinzu kommen mögliche technische Komplikationen sowie die fehlende Standardisierung zwischen Geräten und Protokollen.
Hypotherme und normotherme Perfusion sind nicht austauschbar: Während hypotherme oxygenierte Verfahren organübergreifend konsistente Vorteile in randomisierten Studien zeigten, ist die Evidenz für patientenrelevante Endpunkte unter normothermer Perfusion weniger eindeutig.[1]
Entwicklungen
Bei der ischämiefreien Transplantation wird das Organ von der Entnahme bis zur Implantation ohne Unterbrechung normotherm perfundiert; erste klinische Serien liegen für die Leber vor.[11] Organisatorisch wird die Bündelung von Perfusion, Beurteilung und Rekonditionierung in spezialisierten Zentren diskutiert.[12]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Tingle SJ, Chilvers N, Kourounis G et al. Ex-situ machine perfusion across the organs; shared principles and transferable knowledge from clinical trials. Transplant Rev (Orlando). 2026;40(3):101027.
- ↑ Olaso DG, Bendersky VA, Alexander WD et al. Advancements in machine perfusion for abdominal organ transplantation. Front Transplant. 2026;5:1919998.
- ↑ Schlegel A, Muller X, Mueller M et al. Hypothermic oxygenated perfusion protects from mitochondrial injury before liver transplantation. EBioMedicine. 2020;60:103014.
- ↑ van Rijn R, Schurink IJ, de Vries Y et al. Hypothermic Machine Perfusion in Liver Transplantation – A Randomized Trial. N Engl J Med. 2021;384(15):1391-1401.
- ↑ Ellouze A, Tzedakis S, Zorkot MA et al. Hypothermic Oxygenated Perfusion Versus Static Cold Storage in Liver Transplantation: A Meta-Analysis of Randomized Trials. Clin Transplant. 2026;40(9):e70676.
- ↑ Nasralla D, Coussios CC, Mergental H et al. A randomized trial of normothermic preservation in liver transplantation. Nature. 2018;557(7703):50-56.
- ↑ Viana P, Albuquerque Mello de Oliveira LG, Roca Mora MM et al. The Warm Revolution: A Meta-Analysis of DCD Versus DBD Liver Transplant Outcomes in the Normothermic Machine Perfusion Era. Artif Organs. 2026;50(10):1396-1406.
- ↑ AWMF. S2k-Leitlinie Lebertransplantation. AWMF-Registernummer 021-029. Version 1.1, Stand 19.12.2023, gültig bis 31.10.2028. Verfügbar unter: S2k-Leitlinie Lebertransplantation.
- ↑ 9,0 9,1 Amarelli C, Bello I, Aigner C et al. European Society of Organ Transplantation (ESOT) Consensus Statement on Machine Perfusion in Cardiothoracic Transplant. Transpl Int. 2024;37:13112.
- ↑ National Institute for Health and Care Excellence. Ex-situ machine perfusion devices for deceased donor liver transplants. Abgerufen am 30.09.2026.
- ↑ Tang Y, Wang T, Chen H et al. Simplified ischemia-free liver transplantation with continuous normothermic machine perfusion. Nat Protoc. 2026;21(9):3901-3917.
- ↑ Boualoy T, Djabri D, Gouchoe DA et al. Organ Assessment and Repair Centers: Navigating Practical Hurdles in a New Era of Transplantation. Transplantation. 2026;110(10):e2007-e2016.