Eurotransplant Donor Risk Index
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Synonym: ET-DRI
Definition
Der Eurotransplant Donor Risk Index, kurz ET-DRI, ist ein prognostischer Score zur Quantifizierung des spenderorganbezogenen Risikos bei Lebertransplantationen im Eurotransplant-Gebiet. Er wurde 2012 von Braat et al. als Anpassung des ursprünglichen Donor Risk Index (DRI) an die europäischen Spender- und Allokationsbedingungen entwickelt.
Der ET-DRI kombiniert verschiedene Spender- und Transplantationsfaktoren zu einem kontinuierlichen Risikowert. Ein höherer Wert ist mit einem höheren relativen Risiko für Transplantatverlust bzw. Tod des Empfängers assoziiert.
Berechnung
In die Berechnung des ET-DRI gehen folgende Faktoren ein:
| Faktor | Kategorien bzw. Bewertung |
|---|---|
| Spenderalter | < 40, 40–49, 50–59, 60–69 oder ≥ 70 Jahre |
| Todesursache | Trauma, Anoxie, zerebrovaskuläres Ereignis oder andere |
| DCD | Donation after Circulatory Death |
| Split-/Partial-Leber | Verwendung eines Teiltransplantats |
| Allokation | lokal, regional oder überregional |
| Kalte Ischämiezeit | kontinuierlich in Stunden |
| Gamma-Glutamyltransferase (GGT) | letzter gemessener GGT-Wert des Spenders in U/l |
| Rescue-Allokation | Vorliegen einer Rescue-Allokation |
Die einzelnen Faktoren werden entsprechend ihrer Regressionskoeffizienten gewichtet und anschließend exponentiert.
CIT steht für die kalte Ischämiezeit. A steht für das Alter, C für die Todesursache, D für DCD, S für Split-/Partial-Leber, L für die Allokation und R für die Rescue-Allokation. GGT steht für die Gamma-Glutamyltransferase in U/l.
Die Formel lautet:
[1] Dabei ist R entsprechend der Koeffiziententabelle bei Rescue-Allokation 0,180 und ansonsten 0.
Für die kategorialen Variablen werden folgende Koeffizienten eingesetzt:
| Variable | Kategorie | Koeffizient |
|---|---|---|
| A (Alter) | < 40 Jahre | 0 |
| 40–49 Jahre | 0,154 | |
| 50–59 Jahre | 0,274 | |
| 60–69 Jahre | 0,424 | |
| ≥ 70 Jahre | 0,501 | |
| C (Cause of Death) | Trauma | 0 |
| Anoxie | 0,079 | |
| zerebrovaskuläres Ereignis | 0,145 | |
| andere | 0,184 | |
| D (DCD) | nein | 0 |
| ja | 0,411 | |
| S (Split-/Partial-Leber) | nein | 0 |
| ja | 0,422 | |
| L (Allokation) | lokal | 0 |
| regional | 0,105 | |
| überregional | 0,244 | |
| R (Rescue-Allokation) | nein | 0 |
| ja | 0,180 |
Als Referenzkonstellation dient damit ein Spender unter 40 Jahren mit traumatischer Todesursache, Donation after Brain Death (DBD; Organspende nach Feststellung des Hirntods)-Ganzleber, lokaler Allokation, einer kalten Ischämiezeit von 8 Stunden, einer GGT von 50 U/l und ohne Rescue-Allokation. Für diese Konstellation beträgt der ET-DRI 1,0.
Interpretation
Der ET-DRI ist als kontinuierlicher Risikowert zu verstehen. Ein ET-DRI von 1 entspricht dem definierten Referenzrisiko. Werte oberhalb von 1 zeigen ein relativ höheres spenderorganbezogenes Risiko an.
Beispielsweise ergibt sich in der Originalpublikation bei einem ansonsten dem Referenzspender entsprechenden 65-jährigen Spender ein ET-DRI von etwa 1,50. Wird zusätzlich die kalte Ischämiezeit von 8 auf 14 Stunden verlängert, steigt er auf etwa 1,59.[1]
Der ET-DRI beschreibt dabei ein relatives Risiko auf Populationsebene und keine individuelle Wahrscheinlichkeit eines Transplantatverlustes. Es existiert zudem kein allgemeingültiger Grenzwert, oberhalb dessen ein Organ grundsätzlich nicht transplantiert werden sollte.
Entwicklung
Der ET-DRI wurde anhand von 5.939 Lebertransplantationen verstorbener Spender bei erwachsenen Empfängern im Eurotransplant-Gebiet aus den Jahren 2003 bis 2007 entwickelt.[1]
Ausgangspunkt war der ursprüngliche DRI nach Feng et al. Bei dessen Übertragung auf die Eurotransplant-Population ergaben sich jedoch mehrere Besonderheiten. Die ethnische Zugehörigkeit konnte beispielsweise nicht sinnvoll berücksichtigt werden, während die Körpergröße des Spenders in der untersuchten Population keinen relevanten Zusammenhang mit dem Transplantationsergebnis zeigte.
Zusätzlich wurden zahlreiche weitere Spender- und Transplantationsfaktoren untersucht. Als zusätzliche relevante Faktoren erwiesen sich insbesondere die letzte GGT des Spenders und die Rescue-Allokation. Diese wurden in den ET-DRI aufgenommen.
Als Endpunkt der ursprünglichen Untersuchung diente das failure-free survival (ereignisfreies Überleben). Ein Ereignis war dabei entweder eine Retransplantation oder der Tod des Empfängers.
Limitationen
Der ET-DRI ermöglicht eine standardisierte Beschreibung des spenderorganbezogenen Risikos und eignet sich insbesondere zur Charakterisierung und Risikoadjustierung von Transplantationskohorten. Darüber hinaus kann er die klinische Einschätzung eines Spenderorgans ergänzen. Die deutsche S2k-Leitlinie zur Lebertransplantation nennt den ET-DRI als eines der Kriterien, die bei der Akzeptanz von Organangeboten berücksichtigt werden sollten.[2]
Der Score berücksichtigt jedoch weder die individuelle Spender-Empfänger-Konstellation noch sämtliche Faktoren der Organqualität. Beispielsweise werden Steatosegrad, detaillierte histologische Befunde und zahlreiche Komorbiditäten des Spenders nicht direkt berücksichtigt.
Auch die Auswirkungen moderner Konservierungsverfahren wie der hypothermen oder normothermen Maschinenperfusion sind im ursprünglichen Modell nicht enthalten. Zudem basiert der ET-DRI auf Transplantationen aus den Jahren 2003 bis 2007 und bildet damit Veränderungen der Transplantationsmedizin seit seiner Entwicklung nur eingeschränkt ab.
Das ursprüngliche Modell wurde an erwachsenen Empfängern von Lebern verstorbener Spender entwickelt und sollte nicht ohne gesonderte Validierung auf pädiatrische Empfänger oder Lebendspenden übertragen werden.
Der ET-DRI sollte daher nicht isoliert zur Annahme oder Ablehnung eines Spenderorgans verwendet werden, sondern als ergänzendes Instrument zur standardisierten Risikobeschreibung verstanden werden.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Braat et al., The Eurotransplant donor risk index in liver transplantation: ET-DRI, Am J Transplant, 2012
- ↑ S2k-Leitlinie Lebertransplantation, AWMF-Registernummer 021-029, Version 1.1, Stand Dezember 2023, abgerufen am 24.09.2026
Literatur
- Braat et al., The Eurotransplant Donor Risk Index in Liver Transplantation: ET-DRI, American Journal of Transplantation, 2012
- Feng et al., Characteristics Associated with Liver Graft Failure: The Concept of a Donor Risk Index, American Journal of Transplantation, 2006
- Reichert et al., Prognostic limitations of the Eurotransplant-donor risk index in liver transplantation, Journal of Negative Results in BioMedicine, 2013