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Artifizielle Störung

Synonym: Münchhausen-Syndrom
Englisch: factitious disorder

1 Definition

Unter der artifiziellen Störung versteht man eine psychiatrische Erkrankung, bei der Patienten Krankheitssymptome vortäuschen, die in einigen Fällen auch selbst zugefügt worden sind.

2 Epidemiologie

Die Inzidenz der artifiziellen Störung beträgt ungefähr 0,5%. Männer sind nicht so häufig von der Erkrankung betroffen wie Frauen. Das Häufigkeitsmaximum liegt im 35. Lebensjahr. Etwa 1-5 % der Patienten in Allgemeinkrankenhäusern und ca. 3% in neurologischen Kliniken weisen artifizielle Störungen auf.

3 Ätiologie

Patienten, die von einer artifiziellen Störung betroffen sind, waren in ihrem bisherigen Leben in der Regel schweren Belastungen ausgesetzt. Häufig wird in der Anamnese von einem Aufwachsen im Heim, vom frühen Tod eines Familienmitglieds oder auch von sexuellem Missbrauch berichtet.

4 Klinik

Unklares Fieber sowie Wundheilungsstörungen sind die häufigsten Beschwerden, die einen Patienten mit artifizieller Störung zum Arzt führen.

Aber auch Schmerzen, Anämien, Blutungen und Verletzungen, die unter Umständen selbst zugefügt worden sind, können der Grund für einen Arztbesuch sein. Persönlichkeitsstörungen treten häufig gemeinsam mit der artifiziellen Störung auf.

Weiterhin möglich ist auch ein Puerilismus, bei der der Patient die Sprache und die Bewegungen eines kleinen Kindes nachahmt.

Wenn der Patient sich als ‚Geisteskranker’ ausgibt und stets falsche Antworten gibt und bewusst Unsinn redet, spricht man vom Ganser-Syndrom.

Beim Münchhausen-Syndrom-by-proxy täuscht eine Mutter Krankheiten bei ihrem Kind vor, um mit diesem zum Arzt gehen zu können.

Der Patient kann ebenfalls über eine Pseudodemenz klagen und eine gestörte Gedächtnis- und Konzentrationsfähigkeit vortäuschen.

5 Differenzialdiagnose

Die Simulation sollte von der artifiziellen Störung abgegrenzt werden. Im Gegensatz zur artifiziellen Störung haben Patienten, die simulieren, ein bestimmtes Anliegen (z.B. Wunsch nach Berentung).

Differenzialdiagnostisch sollte ebenfalls an eine larvierte Depression gedacht werden. Auch eine Somatisierung kann der artifiziellen Störung ähneln. Dabei werden die Symptome jedoch nicht vorgetäuscht, sondern vom Patienten als real empfunden.

Andere psychiatrische Erkrankungen, bei denen es zur Selbstverletzung kommt, sollten ebenfalls ausgeschlossen werden (z.B. Borderline-Syndrom).

6 Diagnostik

Die Anamnese ist grundlegend, jedoch ist es häufig schwierig, die Diagnose zu stellen. Wiederholte Arztbesuche und stets negative Befunde können ein Hinweis auf eine artifizielle Störung sein. Nach ICD-10 sind folgende diagnostische Kriterien charakteristisch für die artifizielle Störung (F68.1):

  • Absichtliches Herbeiführen oder Vortäuschen von körperlichen oder psychischen Symptomen
  • Handlungen geschehen meistens unbeobachtet und im Verborgenen
  • Vermutliches Ziel ist die Einnnahme der Krankenrolle und die mit ihr verbundenen medizinischen Interventionen.

7 Therapie

Die artifizielle Störung wird durch Psychotherapie behandelt, wobei sich jedoch nur etwa jeder dritte Patient behandeln lässt. Sechs von zehn Patienten bestreiten die Vortäuschung von Symptomen, so dass keine Psychotherapie möglich ist.

8 Prognose

Da viele betroffene Patienten bestreiten, von einer artifiziellen Störung betroffen zu sein und sich nicht behandeln lassen, ist die Prognose eher ungünstig.

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