Akutes vestibuläres Syndrom
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LoslegenSynonyme: akuter vestibulärer Schwindel, akutes Vestibularsyndrom, akutes Schwindelsyndrom
Englisch: acute vestibular syndrome
Definition
Das akute vestibuläre Syndrom, kurz AVS, bezeichnet einen klinischen Symptomkomplex, der durch plötzlich einsetzenden Schwindel (Drehschwindel oder heftiger Schwankschwindel) gekennzeichnet ist. Typischerweise dauert der Schwindel Tage bis wenige Wochen an. Er geht mit Begleitsymptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Gangunsicherheit sowie Spontannystagmus einher.
Ätiologie
Die Ursachen des akuten vestibulären Syndroms lassen sich in periphere und zentrale Formen unterteilen:
- Periphere Ursachen
- Neuritis vestibularis (häufigste Ursache)
- Labyrinthitis
- Perilymphfistel
- Zentrale Ursachen ("Pseudoneuritis vestibularis")
- Ischämischer Schlaganfall im Hirnstamm oder Kleinhirn (z. B. PICA-Infarkt)
- Demyelinisierende Erkrankungen (z. B. Multiple Sklerose)
- ZNS-Tumoren (selten)
Eine vestibuläre Migräne oder ein Morbus Menière erzeugen meist episodischen Schwindel und kommen nur selten als Ursache eines AVS in Betracht.
Diagnostik
Im Vordergrund stehen die Schwindelanamnese und die orientierende neurootologische Untersuchung. Von besonderem Interesse ist die Schwere der Gang- und Standataxie.
Bei Patienten mit Nystagmus umfasst die Akutdiagnostik des AVS den HINTS-Test bzw. HINTS-Plus-Test. Dadurch lassen sich zentrale Ursachen, insbesondere Schlaganfälle, von peripheren Ursachen unterscheiden. Er sollte jedoch nur durch geschulte Untersucher eingesetzt werden. Eine MRT/MRA ist indiziert, wenn der HINTS-Befund zentral oder unklar ist oder keine HINTS-Expertise zur Verfügung steht. Ein unauffälliges frühes MRT schließt einen kleinen Infarkt der hinteren Schädelgrube jedoch nicht zuverlässig aus.
Eine orientierende Hörprüfung bzw. Audiometrie dient dem Nachweis einer begleitenden cochleären Funktionsstörung und kann Hinweise auf eine Labyrinthitis, einen Morbus Menière oder einen AICA-Infarkt geben.
Therapie
Die Behandlung richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bei vestibulärer Neuritis kann eine kurzzeitige Gabe von Kortikosteroiden innerhalb der ersten drei Krankheitstage erwogen werden, die Evidenzlage für einen Nutzen ist jedoch begrenzt. Die symptomatische Behandlung umfasst zudem die Gabe von Antiemetika und die Frühmobilisation.
Einen hohen Stellenwert hat die frühzeitige und konsequent durchgeführte vestibuläre Rehabilitationstherapie.
Bei Schlaganfall ist die Akuttherapie nach geltenden Leitlinien indiziert (z.B. Thrombolyse, Thrombektomie, Sekundärprophylaxe).
Prognose
Während peripher-vestibuläre Ursachen in der Regel eine gute Prognose haben, können zentrale Ursachen wie der Schlaganfall mit erheblicher Morbidität und Mortalität einhergehen.
Literatur
- Newman-Toker und Edlow, TiTrATE: A Novel, Evidence-Based Approach to Diagnosing Acute Dizziness and Vertigo, Neurol Clin, 2015
- Gottlieb et al., Head impulse, nystagmus, and test of skew examination for diagnosing central causes of acute vestibular syndrome, Cochrane Database Syst Rev, 2023
- AWMF - S2K Leitlinie Vestibuläre Funktionsstörungen, AWMF-Register-Nr. 017-078, 2021
- AWMF - S2k-Leitlinie Schwindel in der Hausarztpraxis, AWMF-Register-Nr. 053-018, 2026