AO-Klassifikation
Synonym: Müller-Klassifikation
Definition
Die AO-Klassifikation ist ein System zur Beschreibung der Lokalisation und Beschaffenheit von Knochenbrüchen (Frakturen). Ziel dieser Klassifikation ist eine weltweit eindeutige Zuordnung von Frakturen und damit eine standardisierte Behandlung.
AO steht hierbei für die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen.
Hintergrund
Die AO-Klassifikation wurde von Maurice E. Müller und Mitarbeitern entwickelt und wird daher auch als Müller-Klassifikation bezeichnet. Sie wurde mehrfach überarbeitet und in Zusammenarbeit mit der Orthopaedic Trauma Association (OTA) zur sogenannten AO/OTA-Klassifikation erweitert. Neben dem Grundsystem für Frakturen langer Röhrenknochen existieren spezielle Subklassifikationen für Wirbelsäule, Becken, Hand, Fuß und den kindlichen Knochen (PCCF – Pediatric Comprehensive Classification of Long Bone Fractures).
Aufbau
Frakturen werden mit einem mehrstelligen alphanumerischen Code beschrieben, der aus folgenden Komponenten aufgebaut ist:
Körperregion
- 1: Humerus (Oberarm)
- 2: Radius und Ulna (Unterarm)
- 3: Femur und Patella (Oberschenkel)
- 4: Tibia und Fibula (Unterschenkel)
- 5: Wirbelsäule
- 6: Pelvis (Becken)
- 7: Hand
- 8: Fuß
- 9: Schädel und Unterkiefer
Frakturort innerhalb der Region
- 1: proximal
- 2: diaphysär
- 3: distal
- 4: Malleolensegment (nur Region 4)
Bewertung der Fraktur
- A: einfache oder extraartikuläre Fraktur
- B: Keilfraktur oder partielle Gelenkbeteiligung
- C: komplexe Fraktur oder vollständige Gelenkfraktur
Weitere Ziffern (Gruppe und Subgruppe) spezifizieren den Frakturtyp hinsichtlich Schweregrad, Fragmentanzahl und Dislokation.
AO-Klassifikation wichtiger Körperregionen
Distale Humerusfraktur
- Typ A: suprakondylär/perkondylär/Abrissfraktur der Epikondylen
- Typ B: intraartikulär unikondylär
- Typ C: intraartikulär bikondylär (Y-förmige Fraktur)
- C1: einfache Fraktur der Metaphyse mit Gelenkbeteiligung
- C2: einfache Fraktur des Gelenks mit mehreren Fragmenten in der Metaphyse
- C3: Fraktur mit mehreren Fragmenten in der Metaphyse und im Gelenk
Distale Unterarmfraktur
- Typ A: extraartikulär
- Typ B: partiell intraartikulär
- Typ C: vollständig intraartikulär
Thorakolumbale Wirbelsäulenverletzungen
Thorakolumbale Wirbelsäulenverletzungen können nach der AO Spine Thoracolumbar Injury Classification morphologisch wie folgt eingeteilt werden:
- Typ A: Kompressionsfrakturen
- A0: Insignifikante Verletzung (stabile Fraktur von Dorn- oder Querfortsatz)
- A1: Keilfraktur
- A2: Spaltbruch
- A3: Inkomplette Berstungsfraktur
- A4: Komplette Berstungsfraktur oder Spaltfraktur mit Beteiligung der Hinterwand
- Typ B: Distraktionsverletzungen
- B1: rein knöcherne Chance-Fraktur
- B2: Schädigung des posterioren Ligamentkomplexes
- B3: Hyperextensionsverletzung mit Schädigung des vorderen Längsbandes und der Bandscheibe
- Typ C: Translationsverletzungen
- C: Translationsverletzung (anterior, posterior, lateral, rotatorisch) oder Schädigung der vorderen und hinteren Anteile von Bändern und/oder Wirbelkörpern, auch wenn keine Translation in der Bildgebung erkennbar ist.
Beckenfrakturen
- Typ A: stabile Beckenverletzungen
- Typ B: Beckenringverletzungen mit Instabilität der Rotation
- Typ C: Beckenringverletzungen mit Instabilität der Rotation und in der Vertikalen
AO-Klassifikation der Begleitverletzungen
Zusätzliche Begleitverletzungen einer Fraktur können nach folgender Systematik beschrieben werden:
- I: Hautschäden
- MT: Muskel- und Sehnenverletzungen
- NV: Nerven- und Gefäßverletzungen
Hautverletzung bei geschlossener Fraktur
- IC1: keine Hautverletzung
- IC2: Kontusion ohne Hauteröffnung
- IC3: umschriebenes Decollement
- IC4: ausgedehntes, geschlossenes Decollement
- IC5: Nekrose durch tiefe Kontusion
Offene Hautverletzung
- IO1: Hautdurchspießung von innen nach außen
- IO2: Hautdurchspießung von außen < 5 cm mit kontusionierten Rändern
- IO3: Hautläsion > 5 cm, umschriebenes Decollement mit Randkontusion
- IO4: Hautverlust, tiefe Kontusion, Schürfung
- IO5: ausgedehntes Decollement
Muskel- und Sehnenverletzungen
- MT1: keine Verletzung
- MT2: umschriebene Muskelverletzung (auf eine Muskelgruppe beschränkt)
- MT3: ausgedehnte Muskelbeteiligung (2 oder mehr Muskelgruppen)
- MT4: Ausriß oder Verlust ganzer Muskelgruppen, Sehnendurchtrennungen
- MT5: Logen- oder Crush-Syndrom
Neurovaskuläre Verletzungen
- NV1: keine Verletzung
- NV2: isolierte Nervenläsion
- NV3: umschriebene Gefäßverletzung
- NV4: kombinierte neurovaskuläre Verletzung
- NV5: Subtotal-, Totalamputation
Luxationen
OTA (Orthopedic Trauma Association)-Klassifikation der Luxationen
- D10: Luxation nach ventral
- D11: nach dorsal
- D12: nach medial
- D13: nach lateral
- D14: nach ventromedial
- D15: nach ventrolateral
- D16: nach dorsomedial
- D17: nach dorsolateral
- D18: Luxation in unterschiedliche Richtungen
Quellen
- Meinberg et al., Fracture and Dislocation Classification Compendium – 2018, J Orthop Trauma, 2018