Shiatsu
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von japanisch: 指圧 ("Fingerdruck")
Synonym: Shi-Atsu
Englisch: shiatsu
Definition
Shiatsu ist eine manuelle Therapieform, die auf Druck-, Dehn- und Mobilisationstechniken am bekleideten Körper basiert. Die alternativmedizinische Methode hat ihre Wurzeln in der japanischen Anma-Tradition sowie in Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), insbesondere der Meridianlehre. Für eine spezifische therapeutische Wirksamkeit von Shiatsu bei definierten Erkrankungen besteht derzeit (2026) keine belastbare Evidenz.
Hintergrund
Das Wirkverständnis von Shiatsu beruht auf tradierten theoretischen Konzepten und Erfahrungsmodellen. Druck auf bestimmte Körperstellen, sogenannte Tsubos, soll den Fluss von Qi entlang der Meridiane beeinflusst. Diese Konzepte sind nicht mit anatomisch nachweisbaren Strukturen gleichzusetzen.
Aus physiologischer Sicht können manuelle Druck-, Dehn- und Berührungsreize Mechanorezeptoren in Haut, Faszien und Muskulatur stimulieren. Daraus können kurzfristige Effekte auf Muskeltonus, Körperwahrnehmung und subjektive Entspannung resultieren. Eine spezifische Wirkung von Shiatsu auf parasympathische Aktivität, HPA-Achse, Cortisolsekretion oder Herzratenvariabilität ist derzeit (2026) nicht belegt.
Geschichte
Shiatsu entwickelte sich aus traditionellen japanischen Körpertherapien, die teilweise durch chinesische medizinische Konzepte beeinflusst wurden. Der Begriff wurde im frühen 20. Jahrhundert im Zuge der Modernisierung japanischer manueller Therapien etabliert. Tokujiro Namikoshi entwickelte ab den 1920er Jahren ein stärker anatomisch orientiertes Shiatsu-System. Shizuto Masunaga entwickelte später das Zen-Shiatsu. Dabei bezog er Konzepte der Traditionellen Chinesischen Medizin, insbesondere die Meridianlehre, stärker ein. Über verschiedene Schulen verbreitete sich Shiatsu international und differenzierte sich in mehrere methodische Richtungen aus.
Technik
Shiatsu umfasst verschiedene Schulen, die sich hinsichtlich ihrer theoretischen Grundlagen und praktischen Schwerpunkte unterscheiden. Gemeinsam ist ihnen die Anwendung manueller Druck-, Dehn- und Mobilisationstechniken am bekleideten Körper.
Namikoshi-Shiatsu
Das Namikoshi-Shiatsu orientiert sich vorwiegend an anatomischen und physiologischen Konzepten der westlichen Medizin. Im Vordergrund stehen Drucktechniken entlang definierter Körperregionen.
Zen-Shiatsu
Das von Shizuto Masunaga entwickelte Zen-Shiatsu integriert Konzepte der Traditionellen Chinesischen Medizin, insbesondere die Meridianlehre. Gegenüber dem Namikoshi-Shiatsu wird ein erweitertes Meridiansystem verwendet.
Ohashi-Shiatsu
Das Ohashi-Shiatsu stellt eine Weiterentwicklung des Zen-Shiatsu dar. Charakteristisch sind fließende Bewegungsabläufe sowie die Einbeziehung von Haltung und Bewegung des Behandelnden in die Behandlung.
Anwendungsbereiche
Shiatsu wird vor allem im Bereich der Gesundheitsförderung und des subjektiven Wohlbefindens eingesetzt. Typische Anwendungsfelder sind:
- Entspannungsförderung
- stressassoziierte Beschwerden
- muskuläre Verspannungen
- subjektive Schlafstörungen
- unspezifische Beschwerden des Bewegungsapparats
Darüber hinaus wird Shiatsu teilweise als komplementäre Maßnahme bei chronischen Erkrankungen, im rehabilitativen Umfeld sowie in der palliativen Versorgung angeboten. Shiatsu ist jedoch kein Ersatz für etablierte diagnostische oder therapeutische Verfahren.
Evidenzlage
Die wissenschaftliche Evidenz zu Shiatsu ist schwach. Für die meisten Anwendungsgebiete liegt kein Nachweis einer spezifischen therapeutischen Wirksamkeit vor.[1] Es existieren einzelne kleine randomisierte Studien, Sekundäranalysen und Beobachtungsstudien, die teilweise positive Effekte auf subjektive Endpunkte wie Schmerz, Schlafqualität, Entspannung oder Wohlbefinden berichten. Die Aussagekraft dieser Arbeiten ist jedoch begrenzt, da sie häufig kleine Fallzahlen, heterogene Interventionen, fehlende Verblindung und unspezifische Kontrollbedingungen aufweisen. Für eine spezifische therapeutische Wirksamkeit von Shiatsu bei definierten Erkrankungen besteht derzeit keine belastbare Evidenz.[2]
Kontraindikationen
Shiatsu sollte nicht bei akuten Infektionen mit Fieber, akuten Verletzungen, Frakturen, Thrombosen oder Thrombophlebitiden angewendet werden. Auch offene Wunden, entzündliche Hautveränderungen und andere lokale Hautläsionen sprechen gegen eine Behandlung im betroffenen Areal.
Besondere Vorsicht ist bei Osteoporose, Gerinnungsstörungen, Antikoagulation, malignen Erkrankungen, Schwangerschaft, instabilen kardiovaskulären Erkrankungen und akuten psychischen Krisen geboten. In diesen Situationen sollte eine Anwendung nur nach individueller Abklärung erfolgen.
Ausbildung
In Deutschland ist die Ausbildung in Shiatsu nicht staatlich geregelt. Ausbildungsdauer, Inhalte und Abschlussbezeichnungen werden von privaten Schulen und Berufsverbänden festgelegt. Diese haben jedoch keinen allgemein verbindlichen Standards.
Die von Verbänden anerkannten Ausbildungen umfassen in der Regel theoretische Grundlagen, praktische Unterrichtseinheiten, dokumentierte Behandlungen, Supervision und Abschlussprüfungen.
Verbandszertifikate oder schulinterne Abschlüsse sind nicht mit einer staatlichen Berufszulassung oder einem heilberuflichen Abschluss gleichzusetzen.
Abgrenzung
Shiatsu weist Überschneidungen mit anderen manuellen Verfahren auf. Gemeinsam mit der Akupressur nutzt Shiatsu Drucktechniken an definierten Körperstellen. Im Unterschied zur Akupressur wird Shiatsu jedoch meist als Ganzkörperbehandlung durchgeführt und umfasst zusätzlich Dehnungs- und Mobilisationstechniken.
Wie das Tuina bezieht sich Shiatsu auf Konzepte der Traditionellen Chinesischen Medizin, insbesondere die Meridianlehre. Beide Verfahren unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer theoretischen Ausgestaltung und praktischen Anwendung.
Von der klassischen Massage unterscheidet sich Shiatsu durch die Behandlung am bekleideten Körper sowie durch den Bezug auf traditionelle ostasiatische Medizinkonzepte.
Im Gegensatz zur Physiotherapie handelt es sich bei Shiatsu nicht um ein heilberuflich geregeltes Verfahren mit definierten medizinischen Indikationen und Ausbildungsstandards.
Quellen
- ↑ Australian Government Department of Health: The 2015 Review of the Australian Government Rebate on Private Health Insurance for Natural Therapies. 2015
- ↑ Fogaça LZ et al. Mind-Body Therapies From Traditional Chinese Medicine: Evidence Map. Front Public Health. 2021;9:659075.
Literatur
- Namikoshi T. Shiatsu: Japanese Finger Pressure Therapy. Japan Publications; 1972
- Masunaga S, Ohashi W. Zen Shiatsu: How to Harmonize Yin and Yang for Better Health. Japan Publications; 1977
- Beresford-Cooke C. Shiatsu Theory and Practice. 3. Aufl. Churchill Livingstone / Elsevier; 2011
- Edzard Ernst: Heilung oder Humbug?: 150 alternativmedizinische Verfahren von Akupunktur bis Yoga. 1. Auflage, Springer, Berlin 2020