Muskelkräftigung
Synonyme: Krafttraining, Muskelaufbau, Muskeltraining
Englisch: muscle strengthening, muscle strengthening training, strength training
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Definition
Muskelkräftigung bezeichnet Maßnahmen zur Verbesserung der Fähigkeit eines Muskels oder einer Muskelgruppe, Kraft zu entwickeln. Im klinischen Kontext steht dabei weniger ein ästhetisch orientiertes Muskeltraining im Vordergrund, sondern die Verbesserung funktioneller Fähigkeiten beim Gehen, Greifen, Schlucken oder Sprechen.
Weitere Ziele sind die Kompensation von Funktionsverlusten, die Prävention von Dekonditionierung und Stürzen sowie die Förderung von Teilhabe und Lebensqualität.
Muskelkräftigung im ICF-Kontext
Im Rahmen der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, kurz ICF wird Muskelkraft primär unter b730 Muskelkraftfunktionen beschrieben. Die Auswirkungen reichen jedoch darüber hinaus und betreffen auch Aktivitäten und Partizipation.
Relevante Aktivitätsbereiche sind beispielsweise Gehen, Treppensteigen sowie Heben und Tragen. Bei orofazialer Muskelkräftigung stehen zusätzlich Sprechen, Konversation, Essen und Trinken im Vordergrund.
Auch Umweltfaktoren beeinflussen die Umsetzung von Muskelkräftigung. Dazu zählen etwa Trainingsgeräte und Biofeedbacksysteme, die Unterstützung durch Angehörige und Fachpersonen sowie der Zugang zu Gesundheitsleistungen.
Physiologische Grundlagen
Muskelkräftigung beruht auf neuronalen, morphologischen und metabolischen Anpassungsprozessen.
Zu den frühen neuronalen Anpassungen zählen eine verbesserte Rekrutierung motorischer Einheiten, eine gesteigerte Feuerrate sowie eine optimierte intra- und intermuskuläre Koordination. Diese Veränderungen treten häufig bereits nach zwei bis vier Wochen auf und erklären die frühen Kraftzuwächse zu Beginn eines Trainings.
Morphologisch kommt es vor allem zu einer Hypertrophie der Muskelfasern sowie zu einer Zunahme der Muskelquerschnittsfläche.
Zusätzlich zeigen sich Anpassungen von Sehnen- und Bindegewebe. Strukturelle Veränderungen werden meist nach sechs bis acht Wochen sichtbar.
Auch metabolische Anpassungen spielen eine Rolle. Durch regelmäßiges Krafttraining verbessern sich die anaerobe Energiebereitstellung und die Aktivität entsprechender Stoffwechselenzyme.
Trainingsprinzipien
Unabhängig davon, ob Bein-, Rumpf-, Arm- oder orofaziale Muskulatur trainiert wird, gelten grundlegende Trainingsprinzipien.
Entscheidend ist zunächst eine progressive Belastungssteigerung. Der Trainingsreiz muss über der üblichen Alltagsbelastung liegen und im Verlauf gesteigert werden, beispielsweise durch höheren Widerstand, mehr Wiederholungen oder zusätzliche Sätze. Im klassischen Krafttraining werden häufig Intensitäten von etwa 60–80 Prozent der Maximalkraft empfohlen. Im therapeutischen Setting bedeutet dies, dass die letzten Wiederholungen deutlich anstrengend, aber technisch sauber ausführbar sein sollten.
Ein zentrales Prinzip ist die Spezifität des Trainings. Kraftzuwächse sind aufgabenspezifisch und übertragen sich nicht automatisch auf komplexe Funktionen des Alltags. So führt ein isoliertes Zungentraining nicht automatisch zu einer besseren Schluckfunktion, wenn keine schlucknahen Übungen integriert werden. Therapeutisches Krafttraining sollte deshalb möglichst funktions- und alltagsnah gestaltet werden.
Die Trainingsfrequenz liegt meist bei zwei bis drei Einheiten pro Woche pro Muskelgruppe. Zwischen intensiven Belastungen derselben Muskelgruppe sollten etwa 48 Stunden Regeneration liegen. Auch innerhalb einer Trainingseinheit sind Belastungs- und Serienpausen notwendig.
Darüber hinaus muss das Training individualisiert werden. Alter, Vorerkrankungen, Motivation und kognitive Fähigkeiten beeinflussen die Trainingsgestaltung maßgeblich. In der Frühförderung erfolgt dies häufig über spielerische Übungen, kurze Belastungsphasen und hohe Variabilität.
Die Evidenz zur Muskelkräftigung ist je nach Zielstruktur unterschiedlich gut.
Praktische Umsetzung
Im orofazialen Bereich erfolgt die Zungenkräftigung häufig über isometrischen Druck gegen den Gaumen, oft unter Biofeedback mit Systemen wie dem Iowa Oral Performance Instrument, kurz IOPI. Typisch sind drei Sätze mit jeweils zehn Wiederholungen, durchgeführt drei- bis fünfmal pro Woche. Häufig wird das Training mit einem „effortful swallow“ kombiniert.
Die Lippenkräftigung kann über Pressen gegen Widerstand sowie funktionelle Aufgaben wie Saugen, Pusten oder die Lautbildung mit /p/, /b/ und /m/ erfolgen. Zur Kräftigung der suprahyoidalen Muskulatur kommen unter anderem Shaker-Übungen, CTAR (chin tuck against resistance) oder Jaw-Opening-Exercises mit progressivem Widerstand zum Einsatz.
Entscheidend sind eine klare funktionelle Zielsetzung, wie beispielsweise die Verbesserung der oralen Boluskontrolle, sowie die regelmäßige Überprüfung von Kraft, Ausdauer und Funktion.
Grenzen und Risiken
Zu den wichtigsten Risiken zählen Über- und Fehlbelastungen, insbesondere bei
- älteren Menschen
- multimorbiden Patient:innen
- Personen mit neuromuskulären Erkrankungen
Intensität und Umfang müssen daher individuell angepasst werden.
Eine weitere Grenze ist die mangelnde Spezifität isolierter Kraftzuwächse. Verbesserte Muskelkraft führt nicht automatisch zu einer besseren Alltagsfunktion. Deshalb sollten stets Funktions- und Teilhabeziele berücksichtigt werden.
Motivation und Adhärenz sind zentrale Erfolgsfaktoren, da Muskelkräftigung regelmäßiges und langfristiges Training erfordert. Spielerische, alltagsnahe, digitale oder gruppenbasierte Ansätze können die Trainingsmotivation unterstützen.
Literaturverzeichnis
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