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Infundibularkaries (Pferd)

Englisch: infundibular caries

1 Definition

Als Infundibularkaries bezeichnet man eine lokalisierte und opportunistische Infektion des Zements im Infundibulum beim Pferd.

2 Anatomie

Infundibula sind Einstülpungen des Zahnschmelzes auf der Kaufläche der Backenzähne des Oberkiefers und der Schneidezähne. Die Infundibula sind mit Zahnzement gefüllt und erscheinen aufgrund des kontinuierlichen Abriebs dunkelbraun bis schwarz.

3 Vorkommen

Infundibularkaries kommt aufgrund der Zahnanatomie nur an den Backenzähnen des Oberkiefers und in äußerst seltenen Fällen an den Schneidezähnen vor. Der vierte Prämolar (P4) und der erste Molar (M1) sind am häufigsten betroffen.[1]

4 Ätiologie

Die Ätiologie des Infundibularkaries ist noch (2020) nicht vollständig geklärt. Unterschiedliche Faktoren können zur Kariesbildung beitragen, u.a.:

5 Pathogenese

Die Speichelproduktion hängt maßgeblich von der Kauaktivität ab und wird daher von der Futterzusammensetzung bzw. dem Fütterungsmanagement beeinflusst. Säurehaltige und weiche Silage in Kombination mit wenig kauintensivem Raufutter begünstigen daher eine verminderte Kauaktivität. Aufgrunddessen ist der Speichelfluss reduziert, sodass sich Futterreste vermehrt auf dem Zahn, insbesondere in Infundibula, ansammeln können.

Aufgrund einer Malokklusion wird der Transport des Futters auf der Backenzahnreihe während der Kauaktion gestört. Abweichende Belastungen der Zähne begünstigen das längere Verweilen des Futterbreis auf dem Infundibulum, sodass die Ausbildung einer Karies begünstigt wird. Wurden zusätzlich die Millchzahnkappen aus unterschiedlichen Gründen zu früh entfernt, kommt es zum Versiegen der versorgenden Blutgefäße. In weiterer Folge entwickelt sich eine Zementhypoplasie, sodass sich Futterreste im Infundibulum anreichern können.

Fakultativ pathogene Erreger der Maulhöhlenflora siedeln sich in den festsitzenden Futterpartikeln an. Durch anaerobe Glykolyse kommt es zur Bildung organischer Säuren, die den Zement im Infundibulum demineralisieren. Da gleichzeitig ein verminderter Speichelfluss vorliegt, kann die anfallende Säure nicht abgepuffert werden, sodass die Schädigung am Zahn weiter fortschreitet.

Als multifaktorielle Erkrankung hängt die Infundibularkaries von der Verweildauer des Futterbreis am Infundibulum, von der bakteriellen Besiedlung der Maulhöhle und von der Qualität des Zements im Infundibulum ab. Da das Infundibulum mit weichem Zement gefüllt und von hartem Schmelz umgeben ist, breiten sich die Bakterien äußerst schnell in die Tiefe aus. Die Läsionen greifen gleichzeitig auf den Schmelz über, sodass bei einem Durchbruch der Schmelzwand die Infektion durch das dünne Dentin zu den Pulpenhörnern vordringt. Es entwickelt sich eine Pulpitis, die ihren Weg über eine Pulpennekrose bis hin zum Apikalabszess findet.

6 Klassifizierung

Die Infindibularkaries kann anhand des Ausprägungsgrades in 5 Grade klassifiziert werden:[2][3]

Graduierung betroffene Strukturen
Grad 1 infundibuläre Zementauskleidung
Grad 2 Zement und umgebender Zahnschmelz
Grad 3 Zement, Zahnschmelz und Dentin
Grad 4 Zement, Zahnschmelz, Dentin und Pulpa
Grad 5 vollständiges Fehlen des Zahnes

7 Klinik

Da diese Entzündungsprozesse hochgradig schmerzhaft sind, kommt es unvermeidbar zu unphysiologischen Kaubewegungen und somit zur Malokklusion. Betroffene Pferde zeigen eine Inappetenz bis hin zur Anorexie und magern ab. Durch den Verlust des Zements im Infundibulum verliert der Zahn an Elastizität. Durch falsche Belastung und mangelnde Festigkeit kann es zu sagittalen Frakturen des betroffenen Zahnes kommen.

8 Diagnose

Die Diagnose wird anhand der Anamnese und mithilfe einer gründlichen Maulhöhlenuntersuchung gestellt. Am stehend sedierten Pferd wird unter Zuhilfenahme von Zahnspiegel oder Zahnendoskopen die Kaufläche der Backenzähne gründlich untersucht. Gesunde Infundibula erscheinen dabei halbmondförmig, gelb und bis zur Okklusalfläche hin mit Zement aufgefüllt. Kariöse Infundibula hingegen enthalten auch nach einer gründlichen Maulspülung immer noch Futterreste, sind schwarz gefärbt und können vergrößert erscheinen.

Anschließend muss mit einer feinen Zahnsonde die Tiefe der betroffenen Infundibula sondiert werden. Dabei wird die schwarze und übelriechende Masse (bestehend aus Futterresten, Bakterien und nekrotischem Material) ausgeräumt. Ist die Sondierungstiefe geringer als 5 mm, müssen keine endodontischen Maßnahmen ergriffen werden. Nach der Okklusionskorrektur kommt der Zahn wieder in physiologischem Abrieb, sodass die Mulden in der Kaufläche im Laufe der Zeit wieder geglättet werden. Lässt sich die Sonde jedoch mehr als 5 mm einbringen, liegt eine behandlungswürdige Infundibularkaries vor. Eine anschließende röntgenologische Untersuchung gibt Aufschlüsse auf eventuelle apikale Veränderungen, die eine Extraktion des Zahnes notwendig machen.

9 Therapie

Der Infundibularkaries wird ausgebohrt bzw. ausgefräst, sodass anschließend das gesamte nekrotische Material entfernt werden kann. Der entstandene Defekt kann dann mit lichthärtendem Komposit ausgefüllt werden. Da das Verfahren aber gerade am schmelzfaltigen und tief in der Maulhöhle gelegenen Backenzahn das Risiko einer unvollständigen Sanierung birgt, müssen unbedingt alle kariösen Veränderungen entfernt werden. Erst dann darf eine Versiegelung erfolgen.

10 Prognose

Abhängig vom Schweregrad ist die Prognose gut. Die Füllung wird im Rahmen des normalen Zahnabriebs abgenutzt und verschwindet im Laufe der Jahre wieder vollständig.

11 Literatur

  • Simon T, Herold I. 2009. Praxisleitfaden der Zahn- und Kiefererkrankungen des Pferdes. 1. Auflage. Stuttgart: Parey in MVS Medizinverlaug Stuttgart GmbH & Co. KG.
  • Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A, Hrsg. 2017. 4. Auflage. Handbuch Pferdepraxis. Stuttgart: Enke Verlag in Georg Thime Verlag KG.
  • Salomon FV, Geyer H, Gille U. 2005. Anatomie der Tiermedizin. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Enke Verlag in MVS Medizinverlag Stuttgart GmbH & Co. KG.

12 Quellen

  1. Lundström TS , Gunnar GD, Wattle OS. 2007. Caries in the infundibulum of the second upper premolar tooth in the horse. Acta Vet Scand 49(1):10.
  2. Honma K, Yamakawa M, Yamauchi S, Hosoya S. 1962. Statistical study on the occurrence of dental caries of domestic animals: I. Horse. Japanese journal of veterinary research, 10(1):31–36.
  3. Dacre IT. Equine dental pathology. 2005. In: Baker GJ, Easley J, editor. Equine Dentistry. 2. Elsevier Saunders 99–109

Diese Seite wurde zuletzt am 14. Juli 2020 um 19:53 Uhr bearbeitet.

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