Diagnostisches Momentum
Englisch: diagnostic momentum
Definition
Diagnostische Momentum beschreibt eine kognitive Verzerrung, bei der eine initial gestellte Diagnose im weiteren Behandlungsverlauf unkritisch übernommen und fortgeschrieben wird. Durch wiederholte Dokumentation und Übergaben gewinnt sie an scheinbarer Sicherheit, auch wenn neue Befunde nicht konsistent sind. Die Diagnose wird zunehmend als Fakt behandelt statt als überprüfbare Arbeitshypothese.
Hintergrund
Das Phänomen tritt besonders in arbeitsteiligen, zeitkritischen und hierarchisch strukturierten Versorgungssystemen auf. Notaufnahme, Rettungsdienst, Intensivstation und interdisziplinäre Übergaben sind typische Kontexte. Diagnosen dienen hier primär der Orientierung und Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit. Genau diese Funktion begünstigt jedoch eine frühe kognitive Festlegung.
Diagnostisches Momentum ist eng verwandt mit Ankerheuristik und Autoritätsheuristik, unterscheidet sich jedoch dadurch, dass nicht die individuelle Fixierung im Vordergrund steht, sondern die kollektive Verstärkung einer diagnostischen Annahme über Zeit und Schnittstellen hinweg. Die soziale Komponente spielt eine zentrale Rolle: Je mehr Personen eine Diagnose übernehmen, desto höher wird die Schwelle, sie offen zu hinterfragen.
Klinische Bedeutung
Diagnostisches Momentum ist eine relevante Ursache von Fehldiagnosen und verzögerten Therapieentscheidungen. Alternative Differenzialdiagnosen werden unzureichend verfolgt, widersprüchliche Befunde bagatellisiert. Besonders kritisch ist dies bei zeitabhängigen Krankheitsbildern mit prognostisch relevanten Verzögerungen.
Studien zur Patientensicherheit zeigen, dass viele diagnostische Fehler auf kognitive Verzerrungen und nicht auf Wissensdefizite zurückzuführen sind. Diagnostisches Momentum wirkt dabei oft subtil und bleibt retrospektiv lange unentdeckt, da sich Entscheidungen scheinbar logisch aneinanderreihen.
Beispiel
Ein älterer Patient wird präklinisch mit dem Verdacht auf Pneumonie bei Dyspnoe und Fieber eingeliefert. In der Notaufnahme wird diese Verdachtsdiagnose übernommen, antibiotisch behandelt und als Arbeitsdiagnose dokumentiert. Trotz fehlender radiologischer Infiltrate und ausbleibender klinischer Besserung wird die Diagnose nicht reevaluiert. Erst verzögert fällt eine akute Herzinsuffizienz mit Lungenödem auf. Die ursprüngliche Diagnose wurde über mehrere Schichten hinweg fortgeschrieben und bestimmte die Interpretation aller Folgeinformationen.
Strategien zur Reduktion
Zentral ist die klare Trennung zwischen Arbeitsdiagnose und gesicherter Diagnose. Diagnosen sollten bei Übergaben explizit als Hypothesen kommuniziert und bei ausbleibender Therapieantwort systematisch reevaluiert werden. Strukturierte Übergaben, Checklisten und eine offene Fehlerkultur senken die Hemmschwelle, bestehende Annahmen zu hinterfragen und diagnostisches Momentum zu durchbrechen.
Literatur
- Aron et. al., Diagnostic momentum in physical therapy clinical reasoning, J Eval Clin Pract . 2024, abgerufen am 14.01.2026
- Meißner et al., Klinische Entscheidungsfindung in der Notfallmedizin: Notfallmedizin up2date. Thieme Verlag KG, abgerufen am 14.01.2026
- Hofinger, Human Factors und Patientensicherheit in der Akutmedizin, Springer-Verlag, abgerufen am 14.01.2026