Autoritätsheuristik
Wir werden ihn in Kürze checken und bearbeiten.
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Englisch: Authority Bias
Definition
Die Autoritätsheuristik beschreibt eine kognitive Verzerrung, bei der Einschätzungen, Diagnosen oder Therapieentscheidungen von Personen mit formaler oder informeller Autorität unkritisch übernommen werden. Aussagen von Vorgesetzten, erfahrenen Kollegen oder anerkannten Experten erhalten dabei ein überproportionales Gewicht, unabhängig davon, ob sie durch aktuelle Befunde oder objektive Evidenz gestützt sind. Die Autorität ersetzt implizit die eigene kritische Prüfung.
Hintergrund
Die Autoritätsheuristik ist eine grundlegende Heuristik menschlicher Entscheidungsfindung und dient der schnellen Orientierung unter Unsicherheit. In komplexen, zeitkritischen und hierarchisch organisierten Systemen wie der Medizin reduziert sie kognitive Belastung und erleichtert koordiniertes Handeln.
Besonders ausgeprägt ist sie in der Akut- und Notfallmedizin, auf Intensivstationen sowie bei interdisziplinären Übergaben. Hier treffen hohe Arbeitsdichte, Zeitdruck und ausgeprägte Hierarchien aufeinander. Aussagen von Oberärzten, erfahrenen Notärzten oder spezialisierten Fachdisziplinen werden häufig als implizit korrekt interpretiert.
Die Autoritätsheuristik ist eng verwandt mit Ankerheuristik und diagnostischem Momentum. Im Unterschied dazu liegt der Fokus jedoch nicht auf der ersten Information oder ihrer zeitlichen Fortschreibung, sondern auf der sozialen Quelle der Information. Die Glaubwürdigkeit ergibt sich aus der Person, nicht aus dem Inhalt.
Klinische Bedeutung
Die Autoritätsheuristik stellt eine relevante Ursache klinischer Fehlentscheidungen dar. Differenzialdiagnosen werden seltener verfolgt, widersprüchliche Befunde relativiert oder nachgeordnet interpretiert. Entscheidungen erscheinen retrospektiv logisch, obwohl zentrale Alternativen nicht ausreichend geprüft wurden.
Für die Patientensicherheit ist dies besonders kritisch, da hierarchische Strukturen die Hemmschwelle erhöhen können, autoritative Einschätzungen offen zu hinterfragen. Studien zur diagnostischen Fehlerentstehung zeigen, dass viele Fehleinschätzungen weniger auf Wissensdefizite als auf kognitive Verzerrungen und soziale Dynamiken zurückzuführen sind. Die Autoritätsheuristik wirkt dabei häufig subtil und bleibt im klinischen Alltag lange unbemerkt.
Beispiel
Ein Patient wird präklinisch von einem sehr erfahrenen Notarzt mit akademischer Leitungsfunktion mit der Verdachtsdiagnose akutes Koronarsyndrom angekündigt. In der Notaufnahme wird diese Einschätzung übernommen, obwohl EKG und Troponin initial unauffällig sind und die Klinik atypisch erscheint. Alternative Ursachen der Thoraxschmerzen werden zunächst nicht konsequent verfolgt. Erst im Verlauf zeigt sich eine Aortendissektion. Die ursprüngliche Bewertung wurde primär aufgrund der Autorität des Erstbehandlers akzeptiert und bestimmte das weitere diagnostische Vorgehen.
Strategien zur Reduktion
Zentral ist die Etablierung einer Kultur, in der fachliche Autorität nicht mit Unfehlbarkeit gleichgesetzt wird. Diagnosen und Therapieentscheidungen sollten unabhängig von der Hierarchie als überprüfbare Arbeitshypothesen verstanden werden.
Strukturierte Übergaben, standardisierte Re-Evaluationen und explizite Einladung zu Rückfragen senken die Hemmschwelle, autoritative Aussagen kritisch zu hinterfragen. Checklisten, Team-Time-outs und flache Kommunikationsstrukturen unterstützen eine sachorientierte Diskussion und reduzieren den Einfluss sozialer Verzerrungen auf klinische Entscheidungen.
Literatur
- Impact-Listening: Wem wir zuhören, abgerufen am 15.01.2026
- Meißner et al., Klinische Entscheidungsfindung in der Notfallmedizin: Notfallmedizin up2date. Thieme Verlag KG, abgerufen am 15.01.2026
- Hofinger, Human Factors und Patientensicherheit in der Akutmedizin, Springer-Verlag, abgerufen am 15.01.2026