Kognitive Verzerrung
Synonyme: Denkfehler, kognitiver Bias
Englisch: cognitive bias
Definition
Als kognitive Verzerrung bezeichnet man systematische Abweichungen vom rationalen oder objektiven Urteil, die aus vereinfachten Informationsverarbeitungsprozessen des menschlichen Gehirns resultieren. Sie beeinflussen Wahrnehmung, Denken, Erinnern und Entscheiden und können dazu führen, dass Informationen selektiv, verzerrt oder fehlerhaft interpretiert werden.
Hintergrund
Kognitive Verzerrungen entstehen auf der Basis begrenzter kognitiver Ressourcen oder ideologischer Fixierungen. Um komplexe Umweltreize effizient zu verarbeiten, nutzt das Gehirn Heuristiken, also mentale Abkürzungen der Informationsverarbeitung. Diese Strategien sind im Alltag häufig funktional und adaptiv, können jedoch unter bestimmten Bedingungen zu systematischen Fehlurteilen führen. Kognitive Verzerrungen sind daher keine individuellen Defizite, sondern Ausdruck allgemeiner menschlicher Kognitionsmechanismen.
Systematik
Kognitive Verzerrungen lassen sich abhängig vom jeweils betroffenen kognitiven Prozess grob systematisieren. Die Übergänge zwischen den einzelnen Kategorien sind dabei fließend.
- Wahrnehmungsbezogene Verzerrungen: Beeinflussen, welche Reize oder Informationen bevorzugt wahrgenommen oder ausgeblendet werden.
- Gedächtnisbezogene Verzerrungen: Betreffen die Speicherung, Rekonstruktion oder Bewertung vergangener Informationen.
- Urteils- und Entscheidungsverzerrungen: Wirken sich auf Schlussfolgerungen, Wahrscheinlichkeitsabschätzungen und Entscheidungsprozesse aus.
- Soziale kognitive Verzerrungen: Beziehen sich auf die Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung des Verhaltens anderer Personen.
Beispiele kognitiver Verzerrungen
Zu den häufig beschriebenen kognitiven Verzerrungen zählen unter anderem:
- Bestätigungsfehler (confirmation bias)
- Verfügbarkeitsheuristik
- Ankereffekt
- Rückschaufehler (hindsight bias)
- Fundamentaler Attributionsfehler
- Negativitätsbias
- Overconfidence-Effekt
Viele dieser Verzerrungen sind eigenständige Konzepte und werden in der Fachliteratur sowie in Nachschlagewerken separat dargestellt.
Bedeutung
Kognitive Verzerrungen sind in zahlreichen Disziplinen von Bedeutung, darunter Psychologie, Medizin, Ökonomie, Rechtswissenschaft und Wissenschaftstheorie. Sie beeinflussen diagnostische Einschätzungen, Entscheidungsprozesse, Risikobewertungen sowie die Interpretation wissenschaftlicher Befunde. In der klinischen Psychologie dienen sie zudem als theoretisches Erklärungsmodell typischer Denkmuster, ohne selbst Krankheitswert zu besitzen.
Abgrenzung
Kognitive Verzerrungen sind von formalen Denkstörungen, inhaltlichen Denkstörungen sowie wahnhaften Überzeugungen abzugrenzen. Sie treten grundsätzlich auch bei psychisch gesunden Personen auf und stellen keine psychopathologische Diagnose dar.
Literatur
- Tversky, A., & Kahneman, D. (1974). Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Science (New York, N.Y.), 185(4157), 1124–1131. https://doi.org/10.1126/science.185.4157.1124
- Da Silva, S., Gupta, R., & Monzani, D. (2023). Editorial: Highlights in psychology: cognitive bias. Frontiers in Psychology, 14, Article 1242809. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1242809