Verfügbarkeitsheuristik
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englisch: Availability Heuristic
Definition
Die Verfügbarkeitsheuristik, beschreibt eine kognitive Verzerrung, bei der die subjektive Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses anhand der Leichtigkeit eingeschätzt wird, mit der entsprechende Beispiele erinnert werden können. Leicht abrufbare, kürzlich erlebte oder emotional geprägte Ereignisse erscheinen dadurch wahrscheinlicher, als sie objektiv sind.
Hintergrund
Die Verfügbarkeitsheuristik ist ein klassisches Konzept der Entscheidungs- und Kognitionspsychologie. Sie beruht darauf, dass das menschliche Gedächtnis nicht neutral, sondern selektiv arbeitet. Auffällige, emotional besetzte oder häufig berichtete Ereignisse sind leichter abrufbar und beeinflussen die Einschätzung von Häufigkeit und Risiko.
Diese Heuristik reduziert kognitive Komplexität und ermöglicht schnelle Entscheidungen unter Unsicherheit. Gleichzeitig führt sie zu systematischen Verzerrungen, da Erinnerbarkeit nicht mit tatsächlicher Prävalenz oder statistischer Wahrscheinlichkeit gleichzusetzen ist.
Klinische Bedeutung
In der Medizin beeinflusst die Verfügbarkeitsheuristik diagnostische Priorisierungen und therapeutische Entscheidungen. Erkrankungen, die kürzlich gesehen wurden, medial präsent sind oder mit starken klinischen Bildern verbunden sind, werden überproportional häufig in die Differenzialdiagnostik einbezogen.
Seltene, aber eindrückliche Krankheitsbilder können dadurch überschätzt werden, während häufige, weniger spektakuläre Diagnosen in den Hintergrund treten. Dies kann zu Fehlpriorisierungen, unnötiger Diagnostik oder verzögerter Behandlung wahrscheinlicher Ursachen führen, insbesondere in Akutsituationen mit Zeitdruck und begrenzter Informationslage.
Beispiel
Ein Patient stellt sich mit akutem Thoraxschmerz vor. Kurz zuvor wurde in der Notaufnahme ein Fall einer Lungenembolie mit dramatischem Verlauf behandelt. In der aktuellen Situation wird die Verdachtsdiagnose Lungenembolie früh priorisiert, obwohl klinische Wahrscheinlichkeit und Risikoprofil zunächst niedrig sind.
Häufigere Ursachen wie muskuläre Beschwerden oder ein akutes Koronarsyndrom werden initial nachrangig berücksichtigt. Die aktuelle Verfügbarkeit eines eindrücklichen Falls beeinflusst die diagnostische Gewichtung stärker als die objektive Prätestwahrscheinlichkeit.
Strategien zur Reduktion
Die Verfügbarkeitsheuristik ist nicht vermeidbar, kann jedoch durch strukturierte Entscheidungsprozesse begrenzt werden. Zentrale Maßnahmen sind die bewusste Orientierung an Prävalenzen, Risikoprofilen und Leitlinien sowie die systematische Anwendung von Scores oder Entscheidungshilfen.
In Fallbesprechungen ist es sinnvoll, zwischen erinnerungsbasierten Eindrücken und statistischer Wahrscheinlichkeit zu unterscheiden. In Ausbildung und Lehre sollte die Verfügbarkeitsheuristik als regelhaftes Denkphänomen thematisiert werden, um einen reflektierten Umgang mit subjektiver Risikoabschätzung im klinischen Alltag zu fördern.
Literatur
- C. Glaser, Verfügbarkeitsheuristik, Risiko im Management , Springer-Verlag 2019, abgerufen am 10.01.2026
- Meißner et. al., Klinische Entscheidungsfindung in der Notfallmedizin: Notfallmedizin up2date. Thieme Verlag KG, abgerufen am 10.01.2026
- P. Hofinger, Human Factors und Patientensicherheits in der Akutmedizin, Springer-Verlag, abgerufen am 10.01.2026