Ankerheuristik
Wir werden ihn in Kürze checken und bearbeiten.
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Synonyme: Anchoring Bias, Ankereffekt
Definition
Die Ankerheuristik ist eine kognitive Verzerrung, bei der sich diagnostische und therapeutische Entscheidungen überproportional an einer frühen Information orientieren. Dieser „Anker“ kann ein Ersteindruck, eine Verdachtsdiagnose, ein Einsatzstichwort oder eine Vorinformation sein. Nachfolgende Befunde werden unbewusst in Relation zu diesem Anker interpretiert, selbst wenn neue Informationen ihm widersprechen.
Hintergrund
Die Ankerheuristik ist ein klassisches Konzept der Entscheidungspsychologie und beschreibt ein effizientes, aber fehleranfälliges Denkprinzip. Frühe Informationen reduzieren kognitive Komplexität und beschleunigen Entscheidungen, was in zeitkritischen Situationen funktional sein kann. Gleichzeitig führt diese Vereinfachung dazu, dass spätere Hinweise nicht mehr ausreichend gewichtet oder aktiv uminterpretiert werden.
In der Medizin entsteht der Anker häufig sehr früh im Versorgungsprozess, etwa durch die Ersteinschätzung, die Übergabe des Rettungsdienstes, Vorbefunde oder eine initial formulierte Arbeitsdiagnose. Je höher Zeitdruck, Arbeitsbelastung und emotionale Aktivierung, desto stärker wirkt der Anker.
Klinische Bedeutung
In der klinischen Praxis beeinflusst die Ankerheuristik vor allem die Diagnostik. Ein früh gesetzter Verdacht steuert die Auswahl weiterer Untersuchungen und die Interpretation nachfolgender Befunde, während widersprüchliche Informationen abgewertet oder uminterpretiert werden.
In der Notfallmedizin ist dieser Effekt besonders ausgeprägt, da Entscheidungen häufig auf wenigen frühen Informationen beruhen. Einsatzstichworte, Übergabediagnosen oder Vorankündigungen prägen das mentale Modell des Teams bereits vor Patientenkontakt und begünstigen verzögerte Diagnosen, übersehene Differenzialdiagnosen oder inadäquate Therapiepriorisierungen.
Auch in der Qualitätssicherung kann die Ankerheuristik die Bewertung verzerren, wenn retrospektive Analysen die initiale Diagnose unkritisch übernehmen und alternative Entscheidungswege nicht mehr systematisch berücksichtigen.
Beispiel
Ein Patient wird mit dem Einsatzstichwort „Hypoglykämie“ in die Notaufnahme gebracht. Initiale Vigilanzminderung und bekannte Diabeteserkrankung scheinen die Diagnose zu bestätigen. Nach Glukosegabe bessert sich der Zustand nur geringfügig. Weitere Auffälligkeiten wie fokale neurologische Defizite werden zunächst als residuale Symptome interpretiert. Erst verzögert erfolgt die Bildgebung, die einen ischämischen Schlaganfall zeigt.
Der frühe Anker „Hypoglykämie“ lenkte die Wahrnehmung und Interpretation nachfolgender Befunde. Alternative Ursachen der Bewusstseinsstörung wurden zu spät gleichwertig berücksichtigt.
Strategien zur Reduktion
Die Ankerheuristik ist nicht vermeidbar, aber beeinflussbar. Arbeitsdiagnosen sollten bewusst als vorläufig verstanden und regelmäßig überprüft werden. Die systematische Berücksichtigung von Differenzialdiagnosen, insbesondere bei zeitkritischen Leitsymptomen, kann helfen, den diagnostischen Fokus zu erweitern.
In Teamsituationen ist es sinnvoll, aktiv alternative Einschätzungen einzuholen und widersprechende Hypothesen zuzulassen. Auch in Ausbildung und Lehre sollte die Ankerheuristik offen thematisiert werden, um frühzeitig zu erkennen, wann frühe Informationen die weitere Entscheidungsfindung unangemessen dominieren.
Literatur
- Meißner et. al., Klinische Entscheidungsfindung in der Notfallmedizin: Notfallmedizin up2date. Thieme Verlag KG, abgerufen am 09.01.2026
- P. Hofinger, Human Factors und Patientensicherheits in der Akutmedizin, Springer-Verlag, abgerufen am 09.01.2026