Approximale Schmelzreduktion
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LoslegenSynonyme: Stripping, Interproximale Schmelzreduktion, interdentale Schmelzreduktion
Englisch: interproximal enamel reduction, interproximal reduction, IPR
Definition
Die approximale Schmelzreduktion, kurz ASR, ist ein kieferorthopädisches Verfahren, bei dem gezielt eine dünne Schicht Zahnschmelz an den Berührungsflächen zwischen benachbarten bleibenden Zähnen (Approximalflächen) abgetragen wird. Dadurch werden die betroffenen Zähne an ihrer Kontaktfläche etwas schmaler, und im Zahnbogen entsteht Platz, um Zähne in eine bessere Position zu bewegen.
Hintergrund
Die ASR ist seit Jahrzehnten ein etabliertes Verfahren zur Platzbeschaffung im Zahnbogen und wird in der aktuellen deutschen S3-Leitlinie zu den kieferorthopädischen Anomalien neben Protrusion, Distalisation, transversaler Zahnbogenerweiterung und Extraktion als eine mögliche Maßnahme zur Behandlung eines Zahnengstands genannt.[1] Mit der zunehmenden Verbreitung der Alignertherapie ist die ASR fester Bestandteil der digitalen Behandlungsplanung geworden.[2]
Prinzip
Bei der approximalen Schmelzreduktion wird die mesiale und/oder distale Schmelzoberfläche eines Zahnes gezielt reduziert. Der gewonnene Raum steht innerhalb des Zahnbogens für die Korrektur von Zahnfehlstellungen zur Verfügung.
Die Schmelzreduktion ist irreversibel und muss strikt auf den Zahnschmelz begrenzt bleiben – eine Freilegung des Dentins ist unbedingt zu vermeiden.
Indikationen
Eine approximale Schmelzreduktion kann bei leichtem bis moderatem Platzmangel eingesetzt werden. Sie ermöglicht eine Platzgewinnung, ohne den Zahnbogen wesentlich zu erweitern oder die Frontzähne übermäßig zu protrudieren.
Eine weitere Indikation ist die Korrektur einer Zahngrößendiskrepanz, insbesondere einer Bolton-Diskrepanz. Durch die gezielte Reduktion einzelner Zahnbreiten lassen sich die Größenverhältnisse zwischen Ober- und Unterkiefer harmonisieren.
Bei dreieckiger Zahnform kann die approximale Schmelzreduktion zur Verlagerung der Kontaktpunkte und zur Vergrößerung der approximalen Kontaktflächen eingesetzt werden. Dadurch lassen sich offene gingivale Dreiecke (umgangssprachlich „schwarze Dreiecke") reduzieren, insbesondere im Bereich der Interdentalpapille.
Vereinzelt wird die ASR zudem zur Stabilisierung des Behandlungsergebnisses im unteren Frontzahnbereich eingesetzt; die Evidenz für einen tatsächlichen Rezidivschutz ist jedoch schwach.[2]
Das Verfahren kann sowohl bei einer Multibracketapparatur als auch im Rahmen einer Alignertherapie angewendet werden.
Planung
Vor der Durchführung erfolgt eine Analyse des vorhandenen Platzbedarfs und der mesiodistalen Zahnbreiten. Hierfür können Zahnmodelle, digitale Scans und ein kieferorthopädisches Set-up verwendet werden.[3] Bei einer vermuteten Zahngrößendiskrepanz kann zusätzlich eine Bolton-Analyse durchgeführt werden.
Die geplante Reduktion wird in Zehntelmillimetern festgelegt und auf geeignete Approximalflächen verteilt; in der klinischen Praxis liegt der Reduktionsbetrag im Mittel bei etwa 0,3 mm pro Fläche.[4] Dabei sind individuelle Unterschiede der Schmelzdicke zu berücksichtigen. Die approximale Schmelzdicke ist auf der Distalfläche im Mittel um 0,10 mm größer als auf der Mesialfläche und am geringsten an den unteren mittleren Schneidezähnen.[5] Ergänzend sind vorhandene Restaurationen, die Zahnform, die Wurzelstellung, der interradikuläre Abstand und der Parodontalstatus zu berücksichtigen.
Durchführung
Die approximale Schmelzreduktion kann mit verschiedenen Instrumenten durchgeführt werden, die sich in Reduktionsumfang und Präzision unterscheiden:
| Technik | Eigenschaften | Typischer Einsatzbereich |
|---|---|---|
| Abrasive Handstreifen | geringere Präzision, größere Abweichung zwischen geplantem und erreichtem Reduktionsmaß | einzelne, gut zugängliche Flächen |
| Oszillierende (motorgetriebene) Systeme | höhere Genauigkeit und Effizienz als Handinstrumente[6] | Standardverfahren im Rahmen der Alignertherapie |
| Diamantierte Scheiben | variabler Reduktionsumfang je nach Körnung | größere Reduktionsbeträge |
| Feine rotierende Instrumente | ausreichende Kühlung erforderlich | schwer zugängliche Flächen, Feinkonturierung |
Auch bei sorgfältiger Planung bleibt das tatsächlich erreichte Reduktionsmaß häufig hinter dem digital geplanten Wert zurück. Motorgetriebene oszillierende Systeme erzielen dabei eine höhere Übereinstimmung mit der Planung als handgeführte Streifen.[2]
Während der Schmelzreduktion werden die benachbarten Zähne und die gingivalen Weichgewebe geschützt. Bei rotierenden Instrumenten ist eine ausreichende Kühlung erforderlich, um eine thermische Belastung der Pulpa zu begrenzen.[7] Das erreichte Reduktionsmaß kann mit geeigneten Messlehren kontrolliert werden.
Nach der Reduktion werden die Approximalflächen anatomisch rekonturiert und sorgfältig poliert, um die instrumentell verursachte Oberflächenrauigkeit zu verringern. Anschließend erfolgt meist eine lokale Fluoridierung.
Kontraindikationen
Gegen eine approximale Schmelzreduktion sprechen:
- unzureichende Schmelzdicke
- strukturelle Schmelzdefekte, z.B. Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation oder Amelogenesis imperfecta
- aktive kariöse Läsionen
- ausgeprägte approximale Restaurationen
- unzureichende Mundhygiene und erhöhtes Kariesrisiko
- aktive parodontale Entzündungen
- geringer interradikulärer Abstand
Bei ausgeprägtem Platzmangel reicht die approximale Schmelzreduktion allein in der Regel nicht aus. In diesen Fällen müssen andere Verfahren zur Platzgewinnung oder kombinierte Therapiekonzepte berücksichtigt werden.
Risiken und Nebenwirkungen
Mögliche Risiken und Nebenwirkungen sind:
- übermäßige Schmelzentfernung mit Freilegung des Dentins
- vorübergehende Überempfindlichkeit der behandelten Zähne
- erhöhte Oberflächenrauigkeit bei unzureichender Politur mit begünstigter Plaqueretention
- thermische Schädigung der Pulpa bei unzureichender Kühlung rotierender Instrumente
- Verletzungen der Gingiva
- ungünstig gestaltete Approximalkontakte bei fehlerhafter Verteilung der Reduktion
- Wurzelresorptionen und Veränderungen des interradikulären Knochenvolumens[2]
Evidenzlage
Systematische Übersichtsarbeiten und klinische Langzeituntersuchungen zeigen bei sachgerechter Durchführung keine konsistente Zunahme von Karies, parodontalen Schäden oder dauerhafter Zahnsensibilität.[8] Der interradikuläre Abstand nach Schmelzreduktion im Unterkieferfrontbereich war mehr als 10 Jahre später nicht verringert, sondern signifikant größer als bei unbehandelten Kontrollen.[9] Voraussetzung sind eine korrekte Indikationsstellung, die Begrenzung der Reduktion auf den Zahnschmelz sowie eine sorgfältige Rekonturierung und Politur. Die methodische Qualität der zugrunde liegenden Studien wird dabei allerdings überwiegend als niedrig bis moderat eingestuft, sodass hochwertige randomisierte kontrollierte Studien mit längerer Nachbeobachtungszeit derzeit (2026) weiterhin fehlen.
Quellen
- ↑ AWMF. S3-Leitlinie: Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien. AWMF-Registernummer 083-038. 2021. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Ideale Behandlungszeitpunkte kieferorthopädischer Anomalien
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Peh J, Chong H, Meade M. Interproximal reduction with clear aligner therapy: A scoping review. Semin Orthod. 2026;32(1):91-103.
- ↑ AWMF. S2k-Leitlinie: Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik. AWMF-Registernummer 083-050. 2025. Verfügbar unter: S2k-Leitlinie Ideale Zeitpunkte und Maßnahmen der kieferorthopädischen Diagnostik.
- ↑ Khoury-Absawi M, Nasrallah F, Srouji S, Einy S. Clinical outcomes of interproximal enamel reduction in orthodontic treatment of children and adolescents: a systematic review. Eur Arch Paediatr Dent. 2025;26(6):1045-1055.
- ↑ Kailasam V, Rangarajan H, Easwaran HN, Muthu MS. Proximal enamel thickness of the permanent teeth: A systematic review and meta-analysis. Am J Orthod Dentofacial Orthop. 2021;160(6):793-804.
- ↑ Gazzani F, Lione R, Pavoni C, Mampieri G, Cozza P. The Role of the Interproximal Enamel Reduction in Orthodontics: A Systematic Review. Appl Sci. 2025;15(19):10645.
- ↑ Dahhas FY, Almutairi NS, Almutairi RS, Alshamrani HA, Alshyai HS, Almazyad RK, Alsanouni MS, Gadi SA. The Role of Interproximal Reduction (IPR) in Clear Aligner Therapy: A Critical Analysis of Indications, Techniques, and Outcomes. Cureus. 2024;16(3):e56644.
- ↑ Gómez-Aguirre JN, Argueta-Figueroa L, Castro-Gutiérrez MEM, Torres-Rosas R. Effects of interproximal enamel reduction techniques used for orthodontics: A systematic review. Orthod Craniofac Res. 2022;25(3):304-319.
- ↑ Zachrisson BU, Nyøygaard L, Mobarak K. Dental health assessed more than 10 years after interproximal enamel reduction of mandibular anterior teeth. Am J Orthod Dentofacial Orthop. 2007;131(2):162-169.