Abdominozentese (Pferd)
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonym: Bauchhöhlenpunktion (Pferd)
Englisch: abdominocentesis (horse)
Definition
Die Abdominozentese ist ein diagnostisch-prognostisches Verfahren in der Pferdemedizin, bei dem Bauchhöhlenflüssigkeit unter sterilen Kautelen mittels Nadelpunktion im Bereich der Linea alba gewonnen wird.
Indikation
Die Untersuchung der gewonnenen Peritonealflüssigkeit iar ein wichtiger diagnostischer Bestandteil der weiterführenden Untersuchungen, um entzündliche, infektiöse, strangulierende oder andere intraabdominale Erkrankungen beim Pferd zu differenzieren. Konkrete Indikationen für eine Bauchhöhlenpunktion sind:
- Chronisch rezidivierende Koliken
- Fieber unklarer Genese nach Abklärung anderer Organsysteme
- Abmagerung sowie chronische Diarrhoe
- Hinweise auf einen akuten Blutverlust ohne äußerlich ersichtliche Blutung
- Aszites unklarer Genese
- Verdacht auf intraabdominale Abszesse / Peritonitis sowie bei Neoplasieverdacht
Bei einer akuten Kolik wird eine Abdominozentese nur dann durchgeführt, wenn die bisherigen diagnostischen Untersuchungen, einschließlich klinischer Untersuchung, Sonografie und rektaler Untersuchung, keine ausreichende Einschätzung der Erkrankungsschwere oder des weiteren Vorgehens ermöglichen. Sie kann insbesondere dazu beitragen, die Entscheidung zwischen einer konservativen medikamentösen Therapie und einer chirurgischen Intervention zu unterstützen. Auch der Verdacht auf eine mögliche Magen- oder Darmruptur bei einem Kolikpatienten kann mithilfe dieser Untersuchungsmethode erhärtet oder weitgehend ausgeschlossen werden.[1]
Kontraindikationen
Die Analyse der Bauchhöhlenflüssigkeit kann entscheidende Hinweise auf die Ursache und den Schweregrad einer Erkrankung liefern und dadurch die Therapieentscheidung bei diesem Patienten wesentlich beeinflussen. Dennoch ist die Durchführung einer Abdominozentese nicht in allen Fällen angezeigt. Unter bestimmten Umständen sollte auf die Untersuchung verzichtet werden:
- Rektal palpierbare und stark dilatierte Dünndarmschlingen
- Allgemeiner Meteorismus
- Verdacht oder Bestätigung von Sandobstipationen
- Tragende Stuten
- Eindeutige rektale Diagnose (bspw. Obstipationskolik)
- Hochgradig kolikende Pferde
Bei tragenden Stuten besteht insbesondere in fortgeschrittenen Trächtigkeitsstadien das Risiko einer versehentlichen Uteruspunktion mit möglicher Verletzung des Fetus und daraus resultierenden Komplikationen. Des Weiteren steigt bei stark aufgegastem Darm sowie bei mit Sand gefüllten und dadurch beschwerten Dickdarmabschnitten die Gefahr einer unbeabsichtigten Darmpunktion während der Durchführung der Abdominozentese. Auch bei eindeutigen Diagnosen im Rahmen eines akuten Kolikgeschehens, bei denen das Ergebnis der Untersuchung der Bauchhöhlenflüssigkeit keine Auswirkung auf die weitere Therapieentscheidung hat, sollte auf die Durchführung einer Abdominozentese verzichtet werden. Aus Gründen des Arbeitsschutzes sollte eine Abdominozentese außerdem nur bei solchen Pferden durchgeführt werden, bei denen kein über das übliche Maß hinausgehendes Risiko für die untersuchende und durchführende Person sowie das beteiligte Haltepersonal besteht.
Durchführung
Für die Durchführung einer Abdominozentese beim Pferd stehen verschiedene Techniken und Punktionsstellen zur Verfügung, wobei sich in der klinischen Praxis vor allem die Nadel- und die Teat-Kanülen-Technik etabliert haben.[1]
- Punktionsstelle: Am häufigsten erfolgt die Punktion in der Linea alba oder leicht rechts paramedian, um die linksseitig gelegene Milz zu umgehen. Die Punktionsstelle befindet sich üblicherweise etwa 15–25 cm kaudal des Sternums am ventralen Punkt des Abdomens.
- Vorbereitende Sonografie: Eine vorherige sonografische Untersuchung der Punktionsstelle kann zur Minimierung des Komplikationsrisikos durchgeführt werden, indem insbesondere die Lage von Darmabschnitten und anderen Strukturen beurteilt werden kann.
- Patientenvorbereitung: Die Punktion sollte am gut fixierten Pferd durchgeführt werden, das je nach klinischem Zustand und Verhalten mit weiteren Zwangsmaßnahmen (bspw. Nasenbremse) gehändelt oder sediert werden sollte. Die Punktionsstelle wird geschoren und anschließend aseptisch vorbereitet.
- Instrumentarium: Je nach verwendetem Punktionsinstrument (Veres-Kanüle, Braunüle, Teat-Kanüle, Tuohy-Kanüle, Grazl-Nadel, Punktionskanüle nach Uhlig) kann eine Lokalanästhesie sowie eine Stichinzision erforderlich oder sinnvoll sein.[1] In der Regel werden Kanülen mit einem stumpfen Mandrin verwendet, um das Peritoneum kontrolliert zu durchdringen und das Risiko einer Organverletzung zu reduzieren.
- Gewinnung der Flüssigkeit: Nach Erreichen der Bauchhöhle kann die Peritonealflüssigkeit in der Regel passiv abfließen und zur weiteren Untersuchung aufgefangen werden. Eine aktive Aspiration der Bauchhöhlenflüssigkeit sollte vermieden werden, da hierbei das Risiko besteht, versehentlich Gewebeanteile, beispielsweise des Großen Netzes (Omentum majus), anzusaugen.
- Vorgehen bei ausbleibendem Fluss: Sollte trotz korrekter Platzierung der Kanüle nach mehreren Minuten und vorsichtiger Bewegung des Punktionsbestecks keine Flüssigkeit austreten, ist eine erneute Punktion an einer anderen geeigneten Stelle angezeigt.
Komplikationen
Wie beschrieben, kann es im Rahmen einer Abdominozentese zur Punktion von Bauchorganen kommen. Bei Betroffenheit der Milz können kleinere Blutungen auftreten, bei Darmpunktionen hingegen kann es zum Austritt von Ingesta in die Bauchhöhle kommen, die wiederum eine Peritonitis auslösen kann. Klinisch relevante Komplikationen sind nach aktueller Datenlage insgesamt selten, wobei neben der versehentlichen Organverletzung von Darm oder Milz auch eine septische Peritonitis sowie eine lokale Infektion der Bauchdecke an der Einstichstelle möglich sind.[1]
Nachsorge
Nach der Punktion sollte die Einstichstelle auf Nachblutung, Schwellung oder Austritt von Darminhalt kontrolliert werden. Bei klinischem Verdacht auf eine iatrogene Darm- oder Milzverletzung ist der Patient engmaschig auf Anzeichen einer Peritonitis (Fieber, Schmerz, Abwehrspannung) zu überwachen. Eine Wiederholung der Abdominozentese ist bei unklarer oder progredienter Symptomatik zur Verlaufskontrolle möglich.
Untersuchung der Peritonealflüssigkeit
Die gewonnene Peritonealflüssigkeit kann anschließend makroskopisch, zytologisch, biochemisch und gegebenenfalls bakteriologisch untersucht werden. Die Beurteilung umfasst verschiedene Kriterien, die wichtige Hinweise auf entzündliche, infektiöse oder andere krankhafte Veränderungen in der Bauchhöhle liefern können. Physiologisch ist die Peritonealflüssigkeit des Pferdes hellgelb, transparent, geruchlos und von serösem Charakter. Der Proteingehalt sollte physiologisch unter 25 g/l (2,5 g/dl) liegen, der Zellgehalt beträgt beim adulten Pferd in der Regel weniger als 5.000 Leukozyten pro Mikroliter (µL), wobei je nach Referenzbereich Werte bis 10.000 Leukozyten/µL als physiologisch gelten können.[2]
- Pathologische Veränderungen: Abweichungen von diesen Normalbefunden können auf pathologische Prozesse hinweisen. Eine Trübung, eine rötliche Verfärbung durch Blutbeimengungen, ein erhöhter Leukozytengehalt oder ein auffälliger Geruch können Hinweise auf entzündliche Vorgänge, Gewebeschädigungen oder eine Kontamination der Bauchhöhle sein.
- Laktat: Bei Kolikpatienten kann eine Laktatkonzentration in der Peritonealflüssigkeit, die über der Konzentration des zirkulierenden Blutes liegt, auf eine strangulierende Erkrankung mit begleitender intestinaler Ischämie hindeuten.[3]
- Glukose: Eine gegenüber der Blutglukose erniedrigte Glukosekonzentration im Punktat kann ein Hinweis auf eine septische Peritonitis sein.[4] Ursache hierfür ist unter anderem der erhöhte Glukoseverbrauch durch bakterielle Stoffwechselprozesse innerhalb der Bauchhöhle.
Hinweis: Referenzwerte sind häufig vom Messverfahren abhängig und können von den o.a. Werten abweichen. Ausschlaggebend sind die Referenzwerte, die vom Labor angegeben werden, das die Untersuchung durchführt.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Radcliffe et al., Abdominocentesis techniques in horses, J Vet Emerg Crit Care (San Antonio), 2022
- ↑ DeHeer HL, Parry BW, Grindem CB. Peritoneal fluid. In: Cowell RL, Tyler RD (eds). Diagnostic Cytology and Hematology of the Horse. 2nd ed. St. Louis: Mosby; 2002:127–162.
- ↑ Latson et al., Evaluation of peritoneal fluid lactate as a marker of intestinal ischaemia in equine colic, Equine Vet J, 2005
- ↑ Van Hoogmoed et al., Evaluation of peritoneal fluid pH, glucose concentration, and lactate dehydrogenase activity for detection of septic peritonitis in horses, J Am Vet Med Assoc, 1999
Literatur
- Baumgartner et al., Klinische Propädeutik der Krankheiten der Haus- und Heimtiere, 9. Aufl., Parey Verlag, 2017
- Brehm et al., Handbuch Pferdepraxis, 4. Aufl., Enke Verlag, 2016
- Reed et al., Equine Internal Medicine, 4th revised ed., Saunders (Elsevier), 2017