Zungenvorstoß
Synonyme: infantiles Schluckmuster, viszerales Schluckmuster
Englisch: tongue thrust, tongue thrust swallowing
Definition
Der Zungenvorstoß ist ein orofaziales Funktionsmuster, bei dem die Zunge beim Schlucken, Sprechen oder in Ruhe gegen oder zwischen die Zähne gedrückt wird. Dabei fehlt die physiologische Zungenruhelage am harten Gaumen. Ein persistierender Zungenvorstoß über das frühe Kindesalter hinaus gilt als pathologisch, da er funktionelle Abläufe und die dentale Entwicklung negativ beeinflussen kann.
Einteilung
Man unterscheidet zwischen dem physiologischen infantilen Zungenvorstoß und dem pathologischen persistierenden Zungenvorstoß:
- Der physiologische Zungenvorstoß kommt in der frühen kindlichen Entwicklung, v. a. bei Säuglingen und Kleinkindern vor. Die Zunge wird beim Schlucken nach vorne geschoben. Dieser reflexhafte Mechanismus unterstützt zunächst die Nahrungsaufnahme. Das Schluckmuster normalisiert sich bis zum dritten oder vierten Lebensjahr.
- Bleibt dieses Muster über das Kleinkindalter hinaus bestehen, spricht man von einem pathologischen bzw. persistierenden Zungenvorstoß. Durch ihn kann es zu funktionellen und strukturellen Problemen im orofazialen Bereich kommen.
Ätiologie
Ein persistierender Zungenvorstoß entsteht meist multifaktoriell. Mögliche Faktoren sind u.a.:
- Fehlentwickeltes Schluckmuster oder verspäteter Schluckmusterwechsel
- Myofunktionelle Dysbalancen der orofazialen Muskulatur
- Habituelle Mundatmung und offene Mundhaltung
- Orale Gewohnheiten (z. B. Daumenlutschen, langanhaltender Schnullergebrauch)
- Strukturelle Faktoren wie Ankyloglossie oder offene Bisslage
- Obstruktionen der oberen Atemwege (Tonsillen-/Adenoidhyperplasie, Allergien)
- Zungen- und Kieferfehlstellungen
Klinik
Klinisch zeigt sich der Zungenvorstoß durch u.a.:
- Vorstoßen der Zunge beim Schlucken, Sprechen oder in Ruhe
- Offen stehende Lippen und habituelle Mundatmung
- Ungünstige Lippen- und Wangenmuskulaturbalance
- Artikulationsstörungen (z. B. Sigmatismus)
- Langfristig oftmals Zahn- und Kieferfehlstellungen wie ein frontal offener Biss oder eine Protrusion der Frontzähne
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt primär klinisch durch Beobachtung der Zungenruhelage, des Schluckvorgangs und der orofazialen Muskulatur. Sie wird interdisziplinär in Zusammenarbeit von Logopädie, Zahnmedizin und Kieferorthopädie durchgeführt.
Therapie
Die Therapie besteht überwiegend aus einer myofunktionellen Therapie mit dem Ziel, die Zungenruhelage, das Schluckmuster und das muskuläre Gleichgewicht zu normalisieren. Ergänzend können kieferorthopädische Maßnahmen erforderlich sein.
Prognose
Bei frühzeitiger und konsequenter Therapie ist die Prognose günstig. Ohne Behandlung kann der Zungenvorstoß zur Persistenz von Artikulationsstörungen sowie zur Entstehung oder Stabilisierung von Zahn- und Kieferfehlstellungen führen.
Literatur
- Kittel, Myofunktionelle Diagnostik und Therapie: Effektive Zusammenarbeit zwischen Logopädie und Zahnmedizin, Der Freie Zahnarzt, 2016
- Bein-Wierzbinski, Kraniomandibuläre Dysfunktion bei Kindern mit Funktionsstörungen im zervikookzipitalen Übergang, Manuelle Medizin, 2018