Viszerale Osteopathie
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LoslegenSynonyme: viszerale Manipulation, viszerale osteopathische Techniken
Englisch: visceral osteopathy, visceral manipulation
Definition
Die viszerale Osteopathie ist ein Teilbereich der Osteopathie (Komplementärmedizin), der sich mit Diagnostik und manueller Behandlung der inneren Organe und ihrer bindegewebigen Aufhängungen befasst. Ihre Wirkrationale ist umstritten und fragwürdig.
Hintergrund
Das heute verbreitete Konzept geht auf den französischen Osteopathen und Physiotherapeuten Jean-Pierre Barral zurück, der es ab den 1970er-Jahren entwickelte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahm viszerale Techniken 2010 in ihre Benchmarks für die osteopathische Ausbildung auf.[1] Neben der parietalen und der Cranio-Sacral-Osteopathie gilt sie in osteopathischen Konzepten als eine der drei Säulen.
Konzept
Das Modell nimmt an, dass Organe eine Eigenbeweglichkeit besitzen und sich außerdem passiv mit Atmung und Körperbewegung verschieben. Einschränkungen dieser Beweglichkeit, etwa durch Verwachsungen nach Operationen oder Entzündungen, sollen über Faszien und nervale Verbindungen Beschwerden in anderen Körperregionen auslösen können. Diese Annahmen sind spekulativ und bislang (2026) nicht experimentell belegt.
Die Befunderhebung erfolgt überwiegend durch Palpation. Behandelt wird mit sanften Mobilisations-, Dehn- und Inhibitionstechniken an den Organen und ihrem Halteapparat, häufig kombiniert mit der Atmung des Patienten.
Anwendungsgebiete
Angewendet wird die viszerale Osteopathie unter anderem bei funktionellen Magen-Darm-Beschwerden, Verwachsungen nach Bauchoperationen und Rückenschmerzen, bei denen ein Zusammenhang mit Organen vermutet wird. Die Indikationen beruhen überwiegend auf klinischer Erfahrung. Die S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom von Juni 2021 nennt viszerale Osteopathie als eine Behandlungsmöglichkeit, die Patienten ergänzend angeboten werden kann.[2]
Kontraindikationen
Kontraindikationen sind z.B.:
- akute Entzündungen im Bauchraum
- Tumoren
- Gefäßerkrankungen der Bauchaorta
- Schwangerschaft (je nach Technik)
Evidenz
Aus Sicht der evidenzbasierten Medizin ist die Evidenz zur viszeralen Osteopathie unzureichend. Hochwertige, verblindete Studien stehen bisher (2026) aus.
Eine systematische Übersichtsarbeit von 2018 mit acht Reliabilitäts- und sechs Wirksamkeitsstudien bewertete die viszeral-osteopathischen Diagnosetechniken als unzuverlässig. Die Studie mit dem geringsten Verzerrungsrisiko zeigte beim Hauptzielparameter keinen signifikanten Unterschied. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass belastbare Nachweise für Reliabilität und Wirksamkeit fehlen. Häufige methodische Schwächen waren fehlende Verblindung der Untersucher, ungeeignete statistische Verfahren und nicht festgelegte primäre Endpunkte.[3]
Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 schloss 15 Studien in die qualitative und sieben in die quantitative Synthese ein und untersuchte sowohl muskuloskelettale (u.a. Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Harninkontinenz) als auch nicht-muskuloskelettale Indikationen (u.a. Reizdarmsyndrom, Mammakarzinom-Nebenwirkungen, Frühgeborene). Für keine der untersuchten Indikationen zeigte sich ein statistisch signifikanter Vorteil gegenüber Schein- oder Placebobehandlung.[4]
Quellen
- ↑ World Health Organization: Benchmarks for Training in Osteopathy. Genf, 2010.
- ↑ Layer et al., Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der DGVS und DGNM, Z Gastroenterol, 2021
- ↑ Guillaud A, Darbois N, Monvoisin R, Pinsault N. Reliability of diagnosis and clinical efficacy of visceral osteopathy: a systematic review. BMC Complement Altern Med. 2018;18:65. doi:10.1186/s12906-018-2098-8
- ↑ Ceballos-Laita et al., Is visceral osteopathy therapy effective? A systematic review and meta-analysis, International Journal of Osteopathic Medicine, 2024
Literatur
- Barral JP, Mercier P. Visceral Manipulation. Revised Edition. Eastland Press; 2007.