Speicheldrüsenszintigraphie
Englisch: scintigraphy of the salivary glands
Definition
Die Speicheldrüsenszintigraphie ist ein nuklearmedizinisches Untersuchungsverfahren zur Überprüfung der großen Speicheldrüsen (Glandula parotis, Glandula submandibularis und seltener Glandula sublingualis). Mithilfe eines radioaktiv markierten Stoffes (Tracer) wird die Aufnahme, Speicherung und Sekretion der Speicheldrüsen quantitativ und qualitativ dargestellt (Tracer-Prinzip).
Indikationen
- Abklärung von Speicheldrüsenfunktionsstörungen
- Diagnostik bei Sjögren-Syndrom
- Verdacht auf Speicheldrüsenobstruktion (z.B. Sialolithiasis)
- Verlaufskontrolle nach Therapie (z.B. Radiatio im Kopf-Hals-Bereich oder Radiojodtherapie)
- Beurteilung vor und nach chirurgischen Eingriffen
- Akute und chronische Entzündungen (Sialadenitis)
Durchführung
Nach der intravenösen Gabe von ⁹⁹ᵐTc-Pertechnetat (ca. 40–80 MBq) reichern die Speicheldrüsen den Tracer in ihren Epithelzellen an. Die maximale Konzentration im Drüsengewebe wird nach etwa 10 Minuten erreicht, wodurch die Funktion der Drüsen sichtbar wird. Anschließend wird die Speichelsekretion durch Zitronensaft oder eine saure Brausetablette stimuliert, wodurch das Radiopharmakon über die Ausführungsgänge ausgeschieden wird.
Die Bildaufnahme erfolgt fortlaufend über einen Zeitraum von etwa 20–30 Minuten, sodass die Aufnahme und Ausscheidung des Radiopharmakons in den Speicheldrüsen zeitlich dargestellt werden können. Bei Bedarf werden zusätzlich Einzelaufnahmen zu bestimmten Zeitpunkten angefertigt.
Zur Auswertung werden die Speicheldrüsen in den Bildern markiert, die gemessene Aktivität mit einer Gammakamera erfasst und im zeitlichen Verlauf dargestellt. Daraus entstehen Kurven, die zeigen, wie gut die Drüsen den Tracer aufnehmen und wieder ausscheiden.
Die Untersuchungsdauer beträgt ca. 60 Minuten.
Interpretation
Eine verminderte Aufnahme spricht für einen Parenchymschaden, während eine verminderte Sekretion auf eine Abflussstörung oder eine funktionelle Hemmung hinweist. Die Funktionskurven ermöglichen eine Differenzierung typischer Muster:
- Obstruktion (z.B. Sialolithiasis): Normale Traceraufnahme, aber fehlende bzw. stark verminderte Sekretion → Hinweis auf Abflusshindernis
- Akute Sialadenitis: Gesteigerte Aufnahme bei verzögerter Ausscheidung → entzündlich bedingte Funktionsstörung
- Chronische Sialadenitis: Verminderte Aufnahme und reduzierte Sekretion → struktureller Drüsenschaden
- Xerostomie (z.B. bei Sjögren-Syndrom oder nach Radiatio): Deutlich reduzierte Aufnahme und kaum nachweisbare Sekretion → ausgeprägte Funktionsminderung
- Strahlen-Sialadenitis: Global stark eingeschränkte oder fehlende Funktion aller großen Speicheldrüsen
- Medikamentös bedingte Hypofunktion (z.B. Anticholinergika): Verminderte Sekretion bei teils erhaltener Aufnahme
Vorteile
- Funktionelle Beurteilung der Speicheldrüsen (im Gegensatz zu rein morphologischen Verfahren)
- Nicht invasiv und gut verträglich
- Geringe Strahlenbelastung
- Objektivierbare Auswertung mittels Funktionskurven
- Geeignet zur Verlaufs- und Therapiekontrolle
Nachteile
- Geringe räumliche Auflösung (keine detaillierte Anatomie)
- Eingeschränkte Spezifität der Befunde
- Ursache von Funktionsstörungen nicht immer eindeutig differenzierbar
- Ergänzende Bildgebung (z.B. Sonografie, MRT) häufig erforderlich