Mentalisierungsbasierte Therapie
Definition
Die mentalisierungsbasierte Therapie, kurz MBT, ist ein psychodynamisches Psychotherapieverfahren. Mentalisierung ist die Fähigkeit, eigene und fremde mentale Zustände wahrzunehmen und zu interpretieren. Das Verfahren ist manualisiert und störungsspezifisch anwendbar.
Hintergrund
Die MBT wurde in den 1990er-Jahren von Anthony Bateman und Peter Fonagy entwickelt. Theoretische Bezüge bestehen zur Bindungstheorie, Objektbeziehungstheorie und Entwicklungspsychopathologie. Die konzeptionelle Ausarbeitung erfolgte am Anna Freud Centre in London, zunächst im Kontext der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen.
Abgrenzung
Im Unterschied zur Psychoanalyse verzichtet die MBT auf eine rekonstruktive Bearbeitung unbewusster Konfliktentstehung. Gegenüber der kognitiven Verhaltenstherapie steht nicht die gezielte Kognitionsmodifikation im Vordergrund. Von der übertragungsfokussierten Psychotherapie unterscheidet sie sich durch den Verzicht auf strukturierende Übertragungsdeutungen zugunsten der Exploration aktueller mentaler Zustände.
Theoretische Grundlagen
Mentalisierung wird als entwicklungsabhängige psychische Funktion verstanden, deren Beeinträchtigung mit unsicheren oder desorganisierten Bindungsmustern assoziiert ist. Unter interpersonellem Stress kann es zu Einbrüchen der Mentalisierungsfähigkeit kommen. Dabei treten prämentalisierende Modi wie Äquivalenzmodus, Als-ob-Modus und teleologischer Modus auf, die insbesondere durch affektive Übererregung begünstigt werden. Störungen der Affektregulation gelten als Ausdruck instabiler Mentalisierung.
Methodisches Vorgehen
Die therapeutische Arbeit ist gegenwartsbezogen und interaktionsorientiert. Im Fokus stehen aktuelle mentale Zustände in konkreten Beziehungssituationen. Interventionen bestehen vor allem aus klärenden Rückfragen zu Gedanken, Gefühlen und Intentionen. Therapeutische Unsicherheit wird explizit markiert, während rekonstruierende Deutungen intrapsychischer Konflikte vermieden werden. Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene werden beschreibend aufgegriffen.
Setting
Die MBT wird im Einzel- und Gruppensetting durchgeführt. Manualisierte Programme liegen für ambulante, teilstationäre und stationäre Versorgungsformen vor. Gruppensettings ermöglichen die Exploration unterschiedlicher mentaler Perspektiven im sozialen Kontext. Die Durchführung erfolgt häufig in spezialisierten psychotherapeutischen Einrichtungen.
Anwendungsbereich
Ein zentraler Anwendungsbereich ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Darüber hinaus wird die MBT in adaptierter Form bei weiteren Persönlichkeitsstörungen sowie bei Störungsbildern mit ausgeprägter Beziehungs- und Emotionsdysregulation eingesetzt.
Ausbildung
Voraussetzung ist eine abgeschlossene psychotherapeutische Ausbildung oder eine ärztliche Qualifikation in Psychotherapie. Die Weiterbildung erfolgt über zertifizierte MBT-Programme und umfasst Theorievermittlung, manualgestützte Praxis und Supervision.
Evidenz
Die Wirksamkeit der MBT wurde in randomisierten kontrollierten Studien untersucht. Erhobene Endpunkte betreffen unter anderem selbstverletzendes Verhalten, stationäre Behandlungsinanspruchnahme und interpersonelle Funktionsmaße.
Quellen
- Bateman und Fonagy, Mentalization-based Treatment for Borderline Personality Disorder: A Practical Guide, International Perspectives in Philosophy & Psychiatry. 2006
- Fonagy, und Luyten. Attachment, mentalizing, and the self. In W. J. Livesley & R. Larstone (Eds.), Handbook of personality disorders: Theory, research, and treatment (2nd ed., pp. 123–140). The Guilford Press. 2018