FlexiEssay: Belastung von Rettungsdienstpersonal

Dieser Artikel ist keine lexikalische Definition, sondern ein so genannter FlexiEssay. Essays erklären spezielle Fragestellungen in der Medizin. Sie sind im Gegensatz zu anderen Artikeln nur teilweise frei editierbar. Bitte beachten Sie die Hinweise am Seitenende.

1 Einleitung

Ein Beispiel von unzähligen:
Die drei Kinder sahen aus, als würden sie schlafen. Aber auf ihren Gesichtern lag Ruß, sie waren tot. Erstickt bei einem Wohnungsbrand. Feuerwehrmänner rissen die Kinder aus ihren Bettchen und rannten los. Runter durch das schmale Treppenhaus mit den ausgetretenen Holzstufen, wo kein Platz für Wiederbelebungsversuche blieb. Hinunter zum Halteplatz der Rettungswagen. Doch alle Versuche – Elektroschocks, Intubation und Medikamente – blieben ohne die erhoffte Wirkung. Kopfschütteln und Ratlosigkeit. Mit Wasser aus einer Kübelspritze versuchten die Männer die schrecklichen Brandwunden eines anderen Kindes zu kühlen. Es schrie, bis ihm die Stimme erstickte.

"Ich werde es nie vergessen“, sagte später einer der Rettungsassistenten, "als ich dem Kind auf den Brustkorb drückte, kam eine dunkle Rauchwolke aus seinem Mund. Da wusste ich, daß alles keinen Sinn mehr hatte." Er machte trotzdem weiter. Hoffte, dass das kleine Herz unter seinen Händen wieder selbst schlagen würde. Irgendwie, irgendwann! Als es sicher war, als es ihm bewusst wurde, daß es bei diesem lächerlichen Wohnungsbrand drei tote Kinder gegeben hatte, fühlte er sich nur noch elend. Wie ein Verlierer. Tagelang. Er hatte selbst drei Kinder im gleichen Alter wie die toten. (Bernd Fertig).

Ich habe dieses Thema gewählt, da es mich persönlich, sowie meine Kollegen im alltäglichen und nicht-alltäglichen (Rettungs-)Dienst betrifft. Belastungen und daraus entstehende weitere Störungen bis zum PTSD oder Burnout-Syndrom lassen sich im vornherein durch einfache Verhaltensweisen der Führungskräfte und Arbeitskollegen vermindern oder vermeiden. Meine kurze Facharbeit soll hierzu einige Anregungen geben.

2 Was ist Stress?

Stress ist eine unspezifische Reaktion auf eine Anforderung (Stressor). Stress ist nicht gleich Stress. Stress an sich ist nicht unbedingt negativ. Ohne ein Mindestmaß an Stress, also einer gewissen Grundspannung, kann der Mensch auf Dauer nicht überleben (engl.: to stress - anspannen). Daher spricht man bei positivem Stress von „Eu-Stress“ (Eu = gut), der negative Stress wird als „Dis-Stress“ (Dis = gegen) bezeichnet.

Eu-Stress führt im Organismus zu einer Grundspannung, einem Tonus des vegetativen Nervensystems. Sympathikus und Parasympathikus stehen im Gleichgewicht. Schwankungen dieses Spannungszustandes sind normal und von der Tageszeit und äußeren Einflußfaktoren abhängig. Ein Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist wichtig. Lässt diese Grundspannung jedoch völlig nach, führt dies zu Lethargie und Abgestumpftheit, der Wachheitszustand wird reduziert.

Stressoren kann man in biochemische Stressoren (z.B. Kaffee, Theophyllin, Amphetamin, Nikotin, etc.) und psychosoziale Stressoren unterteilen. Man unterscheidet zusätzlich zwischen kurzfristigen und langfristigen Reizen. Kurzfristige Reize dienen zum einen der Anregung der Grundspannung, zum anderen bewirken sie in überstarker Form kurzfristige Stressreaktionen. Langfristig einwirkende Reize, wie z.B. Lärm, klimatische Reize, Konflikte, Angst führen dagegen zu einer Umstimmung des Organismus und zu einem erhöhten Sympathikotonus. Der Körper steht unter einer Dauerspannung, was sich in Form von Schlafstörungen, Gereiztheit, Nervosität und Konzentrationsmangel äußern kann. Wirkt der Dauerreiz noch länger, kann dies zu psychosomatischen Erkrankungen führen.

Im täglichen Einsatz mit „gewohnten Situationen“ kommt es zu einem leichten Anstieg des Grundtonus, unter anderem durch Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, die wiederum einen erhöhten Sympathikotonus und einen erhöhten Wachheitszustand nach sich zieht. Trifft das RD-Personal nun auf eine Lage, die die momentanen Hilfsmöglichkeiten übersteigt, z.B. Massenanfall von Verletzten oder extrem schwierige Einsatzlagen, kommt es zu einem "Überschuß" an Stress. Das derzeitige Ereignis wird nicht mehr richtig wahrgenommen, wie es ist, sondern mit bisherigen Erfahrungen, Ängsten und Gefühlen verknüpft, es wird nur subjektiv wahrgenommen. Es setzt eine Denkblockade ein. Die Anspannung, die für die schnelle und sichere Lagebewältigung notwendig war, führt nun zu einer Überforderung. Es kommt zu einem maximalen Sympathikotonus. Jeder Mensch hat eine individuelle Grenze, ab der solche Ausfallserscheinungen auftreten. Diese lassen sich grob in drei Verhaltensmuster gliedern:

  1. überaktive Reaktion: operative Hektik, leere Betriebsamkeit, stereotype, unsinnige Handlungen
  2. kindliche Reaktion: Regression auf eine frühere Entwicklungsstufe: Weinen, Anklammern
  3. depressive Reaktion: Apathie, Anteilsverlust, Reaktionslosigkeit

Neben den kurzdauernden Stimuli gibt es auch langdauernde Reize, die ebenfalls eine Aktivierung hervorrufen können. Dieses kann z.B. Lärm sein, der ständig auf einen einrieselt (Autobahn, Wohnen neben einer Bahnlinie, Fluglärm, ...), aber auch die permanente Alarmbereitschaft (flacher Schlaf in Erwartung eines Einsatzes). Dauerhafte, meist unterschwellige Reize bewirken eine Umstellung des gesamten Organismus. Es kommt zu einer Verschiebung mit erhöhtem Sympathikotonus. Es kommt zu einer Ausschüttung von Kortisol und damit zu unterschiedlichen Hormonstörungen. Diese ständige Anspannung bewirkt mit der Zeit eine Erschöpfung der Energiereserven. Die Toleranz für weitere Reize nimmt ab, der Mensch wird weniger belastbar, reizbar, nervös, es treten Schlafstörungen auf. Es kann zu psychosomatischen Störungen kommen, wie z.B.:

50 bis 80% aller Krankheiten werden durch Stress maßgeblich beeinflusst. Wird kein Ausgleich geschaffen, kann es zu einem Burn-Out-Phänomen kommen. Was für den Einzelnen gut gegen Stress ist, ist individuell sehr unterschiedlich. Hilfreich kann z.B. Sport sein (kein Sport mit Wettampfcharakter), Gespräche/Supervision, Autogenes Training oder Vorbereitung durch Autosuggestion. Auch Lernen zu delegieren, unangenehme Dinge sofort zu erledigen und auf Ziele (beruflich und privat) hinzuarbeiten (z.B. neue Berufsperspektiven).

3 "PTSD", "Burnout" & Co.

3.1 PTSD/PTBR

Bereits im Jahre 1871 wurde zum ersten Mal ein derartiges psychovegetatives Syndrom bei einem Soldaten während des amerikanischen Bürgerkrieges festgestellt. Die Forschungen in den USA, die PTSD (Posttraumatic Stress Disorder) seit 1980 so bezeichnen, sind durch viele Kriegsveteranen der Nahostkriege sowie des Vietnamkrieges in diesem Bereich führend. In Deutschland wird die PTSD auch als PTBR, Posttraumatische Belastungsreaktion, bezeichnet.

Definition des psychologischen Traumas: "Ein Trauma ist eine unvorbereitete, plötzlich über den Menschen hereinbrechende Konfrontation mit der Endlichkeit des Seins, welches den Menschen mit vielen Gefühlen und Fragen zurückläßt. Zu unterschiedlichen Zeiten können die Erinnerungsspuren dieser Gefühle ins Bewußtsein zurückkehren. Je nach Veranlagung und Lebensgeschichte resultieren hieraus unterschiedliche Beeinträchtigungen bis hin zum Krankheitswert." (S. und H. Jatzko)

Kritische Ereignisse sind:

  • jedes Ereignis mit so starker Einwirkung auf die Psyche, daß es die normalen Verarbeitungsfähigkeiten eines Einzelnen oder einer Gruppe überwältigt.
  • Jede Situation, die bei Einsatzkräften so ungewöhnlich starke Emotionen hervorruft, daß ihre Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist.

3.2 Posttraumatische Belastungsreaktion (PTBR)

Eine akute Belastungsreaktion liegt vor, wenn die Symptome innerhalb von 6 Monaten nach dem Trauma einsetzen und weniger als 4 Wochen anhalten. Eine chronische Belastungsreaktion liegt vor, wenn der Symptome mindestens 4 Wochen nach dem Trauma beginnen und 6 Monate oder länger andauern. Eine akute Belastungsreaktion kann in eine chronische übergehen. Unterstützende Faktoren für eine Chronifizierung sind das Verhalten der Kollegen und Vorgesetzten, der Partner oder anderer sozial wichtiger Personen, aber auch der Medien.

3.3 Diagnostische Kriterien für eine PTBR (nach DSM-III-R, 1989)

A. Erleben eines Ereignisses, daß ausserhalb der üblichen menschlichen Erfahrung liegt und für fast jeden Menschen stark belastend wäre.

B. Wiedererleben des Traumas, nachgewiesen durch mindestens eines der folgenden Merkmale:

  1. wiederkehrende und sich aufdrängende Erinnerungen an das Ereignis
  2. wiederholte, stark belastende Träume mit Bildern von dem Ereignis (Alpträume)
  3. plötzliches Handeln oder Fühlen, als ob das Ereignis wiedergekehrt wäre durch Assoziation mit einem Reiz, der in diese symbolische Kategorie fällt. Dabei Vorstellungen bis dissoziationsartige Episoden (flashbacks) im Wachzustand oder bei Intoxikationen.
  4. Intensives psychisches Leid bei der Konfrontation mit Ereignissen, die das traumatische Ereignis symbolisieren oder ihm in irgendeiner Weise ähnlich sind, einschließlich Jahrestage des Traumas, Geburtstag u.a. wichtige Daten in diesem Zusammenhang.

C. Anhaltende Vermeidung von Stimuli, die mit dem Trauma in Verbindung stehen. Einengung der Reagibilität (vorher nicht vorhanden), was sich in mindestens einem der folgenden Merkmale ausdrückt:

  1. deutlicher Verlust von Interesse an einem oder mehreren Aktivitäten (die nicht nur mit dem Trauma in Verbindung stehen)
  2. Gefühl der Lösung und Entfernung von anderen
  3. Eingeschränkte Schwingungsfähigkeit der Gefühle (keine zärtlichen Gefühle mehr zu empfinden)
  4. Unfähigkeit, sich an einen wichtigen Bestandteil des Traumas zu erinnern (psychogene Amnesie), während andere, eher nebensächliche Details klar und bedeutsam beschrieben werden
  5. Gefühl einer überschatteten Zukunft (Karriere, Heiraten, Kinder zu haben, lange zu leben)

D. Anhaltendes erhöhtes Erregungsniveau (vorher nicht vorhanden) durch mindestens zwei der folgenden Merkmale gekennzeichnet:

  1. Ein- oder Durchschlafstörungen (und daraus resultierende Müdigkeit mit dadurch verminderter Belastbarkeit; dieses verleitet zu Tabletten- und/oder Alkoholkonsum)
  2. Reizbarkeit oder Wutausbrüche
  3. Konzentrationsschwierigkeiten
  4. Hypervigilanz
  5. Übertriebene Schreckreaktionen
  6. Physische Reaktionen bei Konfrontation mit Ereignissen, die einem Bestandteil des traumatischen Ereignisses ähneln oder es symbolisieren
  7. Schuldgefühle wegen des Überlebens, wenn andere nicht überleben konnten, oder wegen des Verhaltens, was zum eigenen Überleben notwendig war

Was ist noch normal?

Normale Reaktionen sind:

  • sich aufdrängende Abbilder in Gedanken und Träumen
  • Zunehmende Angst und Verletzlichkeit
  • Irritationen mit sich selbst, den Kindern und anderen etc.
  • Schwierigkeiten mit der Konzentration
  • Schlafstörungen, Träume und Alpträume
  • Scham, Schuldgefühle, Angst
  • Veränderung der Werte und die Wahrnehmung von sich selbst und den Menschen um sich herum

Das PTSD kann jeden treffen! Es gibt nur Personenkreise die eher betroffen werden. Dieses hängt von der „Grundkonstitution“ des Betroffenen, psychischen Instabilitäten und der Intensität des Trauma-Erlebens ab. Risiken lassen sich im Vornherein vermindern. Von der Vereinigung SbE e.v. wird bundesweit ein strukturiertes Debriefing nach Mitchell (CISD) angeboten. Hierfür gibt es eine ständige Notrufnummer (s. Anlage) über die ein SbE-Team alarmiert werden kann.

Regeln für das Debriefing:

  • Freiwilligkeit
  • Verschwiegenheit
  • Atmosphäre des Vertrauens, der Empathie, der Offenheit. Wertschätzung des uns das Vertrauen entgegenbringenden Kollegen/Mitarbeiters/sonstigen Personen
  • „Ich“ statt „wir“ oder „man“
  • Störungen haben Vorrang
  • Nur beteiligte Einsatzkräfte nehmen am Gespräch teil
  • Gesprächsmittelpunkt sind die Eindrücke, die Gefühle und Belastungen des einzelnen Mitarbeiters, nicht das taktische Vorgehen an der Einsatzstelle!
  • Auf Wunsch Einzelgespräche

3.4 Burnout-Syndrom

Was als berufsbedingtes Burn-out-Syndrom abgetan wird, kann unter Umständen ein PTSD sein. Der Begriff Burnout wurde zum ersten Mal von dem amerikanischen Sozialforscher Freudenberger geprägt. Burnout ist die Bezeichnung für eine schwere Stressreaktion. Der Betroffene erlebt das Gefühl des Ausgebranntseins, der geistigen Erschöpfung und körperlichen Ausgelaugtheit als Folge von anhaltendem Stress.

3.4.1 Phasen des Burnouts

Burnout ist kein scharf abzugrenzendes Krankheitsbild, sondern eine Sammlung von individuell verschiedenen Symptomen. Im folgenden wird ein Phasenmodell mit 7 aufeinander folgenden Phasen dargestellt: 1) Symptome des beginnenden Burnouts Ein häufiger Ausgangspunkt des Burnouts ist ein Überengagement mit Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse. Als Folge daraus kommt es schon zu Erschöpfungszuständen, dauernder Müdigkeit sowie einer erhöhten Unfallgefahr. 2) Phase des reduzierten Engagements In dieser Phase kommt es zu einem Rückzug gegenüber Kollegen und Patienten. Die Einstellung gegenüber der Arbeit wird zunehmend negativer, es wird nur noch das nötige gemacht (Dienst nach Vorschrift). Es wird jede Möglichkeit der Freizeit und der Pause ausgenutzt. „Es wird nur noch gearbeitet, um zu leben.“ Dieses kann auch die letzte Stufe eines rein beruflich verursachten Burnouts sein, kann sich aber auch fortsetzen. 3) Phase der emotionalen Reaktionen Der Betroffene wechselt in seiner Stimmung zwischen depressiven und aggressiven Verhaltensweisen. Schuldgefühle und Selbstmitleid entstehen, und das Gefühl in einer beruflichen Sackgasse zu stehen, verfestigt sich. Anstatt einer differenzierten Problembetrachtung kommt es zu einem reinen Schwarzweissdenken. Der Mitarbeiter ist launenhaft, reizbar, misstrauisch und gerät häufig in Konflikte. 4) Abbauphase Der Mitarbeiter wird unorganisiert, erfüllt seine Aufgaben (z.B. Fahrzeugcheck) unsorgfältig und verweigert sich gegen jegliche Art von Veränderungen. Schwierige Aufgaben können nicht mehr erfüllt werden. Die Qualität der Patientenversorgung sinkt unter ein gefährliches Niveau. Es häufen sich Beschwerden von Patienten, Angehörigen und Personal. 5) Verflachungsphase Gefühlsreaktionen verflachen völlig, Hobbys werden aufgegeben. Es kommt zu Langeweile, der Betroffene fühlt sich einsam. 6) Phase der psychosomatischen Reaktionen Es ist eine Vielzahl psychosomatischer Reaktionen möglich. Es kann z.B. zu Schlafstörungen, Rückenschmerzen, ständiger Erkältung, Magen-Darm-Störungen oder Hypertonie kommen. Die Ernährungsgewohnheiten werden geändert. Der Mitarbeiter ißt entweder extrem viel oder extrem wenig. Zur Stressbewältigung werden exzessives Rauchen, Kaffee- und Alkoholkonsum eingesetzt. 7) Phase der Verzweiflung Der Betroffene erkennt keinen Sinn mehr im Leben, sieht keine Möglichkeiten mehr zum Ändern der Situation, hat Suizidgedanken.

Burnout kann anstecken - insbesondere im Rettungsdienst. Neue Mitarbeiter werden „ausgebremst“, die Motivation, sich zu engagieren sinkt. Wenn ein Einsatz mit einer negativen Einstellung angegangen wird überträgt sich das auch auf den Kollegen ("Ach das ist doch nur wieder so ein besoffener Alki ..."). Laut einer Studie leiden 10% aller Rettungsdienstmitarbeiter an Burnout, 20% sind besonders gefährdet.

Zur Bewältigung eines Burnout-Syndroms muss der Betroffene zuerst selbst die Verantwortung für sich selbst wahrnehmen. Die Ursachen, ob gesellschaftlich oder betrieblich müssen erkannt und ggf. eliminiert werden. Die Möglichkeiten der Bewältigung des Burnouts entsprechen denen der Stressbewältigung und sind dementsprechend individuell.

4 Was belastet medizinisches Fachpersonal?

Es gibt sehr viele Abhandlungen darüber, was medizinisches Fachpersonal im Einsatz belastet. In der Regel werden pädiatrische Notfälle an erster Stelle genannt. Im Folgenden einige Beispiele aus Literatur und Umfragen unter Arbeitskollegen (unsortiert):

  • private Probleme
  • Schichtdienst
  • demotivierender Führungsstil
  • schlechtes Arbeitsklima
  • Konflikte an der Einsatzsstelle (im Team, mit anderen Hilfsorganisationen, Ärzten, u.s.w.)
  • Ermüdung, Schlafmangel
  • Fehlen von Herausforderung, Routine
  • Prüfungen
  • pädiatrische Notfälle / Einsätze mit Kindern
  • Einsätze, bei denen das Opfer mit Verwandten/Freunden oder dem Helfer selbst identifiziert wird
  • Einsätze, bei denen der Helfer/Teampartner gefährdet, verletzt oder getötet wird
  • Einsätze, bei denen sich der Helfer (fachlich, psychisch oder physisch) überfordert fühlt
  • wenn der Helfer glaubt, Fehler gemacht zu haben, oder dem Helfer vorgeworfen wird, falsch gehandelt zu haben
  • Einsätze, bei denen es Kommunikationsprobleme im Team gibt
  • wenn der Helfer für seine Arbeit nicht die Anerkennung bekommt, die ihm zusteht
  • Massenanfall von Verletzten / Erkrankten (Entscheidung gegen das Überleben eines Patienten)
  • belastende Angehörige
  • Chef steht nicht hinter seinen Mitarbeitern, menschliche Unfreundlichkeiten, Einbildung und Überheblichkeit von Vorgesetzten
  • ungerechte Behandlung
  • unklares Management
  • Krankenträger-Image
  • Gewalt gegen Einsatzkräfte
  • Suizid eines Kollegen
  • übermäßiges Interesse der Medien
  • lange andauernde und dadurch besonders belastende Einsätze (mehrere Tage)
  • jeder andere besonders bedeutende Vorfall
  • mehrere parallele Schadensereignisse / Grossschadenslagen
  • keine Rückmeldung über den Zustand des Patienten

Die Belastung eines Helfers ist individuell und nicht vorhersehbar. Sie hängt auch von Tagesform, der Situation selbst und ab. Erstaunlicherweise standen pädiatrische Notfälle bei einer Umfrage unter Arbeitskollegen an letzter Stelle, bzw. wurden überhaupt nicht genannt. Dieses wurde unter anderem mit dem Ausbildungsstand und der Handlungskompetenz begründet. In vielen Rettungsdienstschulen wird das Thema pädiatrischer Notfall noch sehr stiefmütterlich behandelt. Den Rettungsassistenten wird gelehrt, daß sie am Kind keine erweiterten Maßnahmen ergreifen dürfen. Dadurch wird ihre Handlungskompetenz eingeschränkt – die Rettungsassistenten fühlen sich verunsichert. Höhere Handlungskompetenz führt zu mehr (Arbeits-)Zufriedenheit und geringerer Belastung! Auch mit dem Thema Tod und Sterben wird sich häufig zu wenig auseinandergesetzt.

5 Was gibt es für Möglichkeiten, Belastungen vorzubeugen?

Belastungen und Stress kann vorgebeugt, und damit die Chance auf ein PTSD oder PTBR gesenkt werden. An erster Stelle steht das Betriebsklima. Fühlt sich der Mitarbeiter im Betrieb nicht wohl, senkt dieses die Motivation und die Arbeitseinstellung. Die notwendige Kommunikation wird auf ein notwendiges Minimum gesenkt. Das Arbeitsklima kann z.B. durch Betriebsausflüge (vom Arbeitgeber finanziert!), sportliche Aktivitäten mit Arbeitskollegen („Dienstsport“) oder einem „Stammtisch“ verbessert werden. Hierdurch können sich die Mitarbeiter in ungezwungener Atmosphäre auch privat kennenlernen. Positiv ist auch, wenn man bei solchen Aktivitäten sieht, daß auch der Chef nur ein Mensch ist. Ein gutes, offenes und ehrliches Verhältnis untereinander (Arbeitgeber-Arbeitnehmer, Arbeitnehmer untereinander) wird hierdurch gefördert. Wichtig ist, daß jeder (Mitarbeiter und Arbeitgeber) die Möglichkeit hat, Kritik zu äußern, ohne daß ihm dadurch negative Folgen entstehen, und daß der Mitarbeiter das Gefühl hat, etwas bewirken zu können. Dieses kann z.B. auch durch Arbeitskreise (z.B. Qualitätszirkel) gefördert werden. Die Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten, Dienstplangestaltung, angemessene Bezahlung) sollten nicht unbedingt nur nach primär wirtschaftlichen, sondern auch menschlichen Aspekten geplant werden. Dies macht sich auf Dauer gesehen auch finanziell wieder bezahlt (weniger Krankheitstage, höhere Arbeitsleistung, u.s.w.). Das selbe gilt für die Einrichtung der Wache. Hier müssen sich die Mitarbeiter wohlfühlen, da sie einen großen Teil ihrer Zeit am Arbeitsplatz verbringen. Sie müssen auch abschalten und sich entspannen können, dazu gehört auch die Kaffeepause mit Gesprächen untereinander. Die Mitarbeiter müssen funktionsfähige, moderne Arbeitsmittel und Sicherheitsausstattung zur Verfügung haben. Da für viele Rettungsdienstmitarbeiter sehr belastend ist, wenn sie im Einsatz wegen eines fachlichen Defizits handlungsunfähig sind, mit einer Situation nicht fertig werden, müssen sie regelmäßig aus-, fort- und weitergebildet (theoretisch und praktisch), gefördert und dann auch im Einsatz gefordert werden. Auf fachliche Schwächen muss ganz besonders eingegangen und diese bekämpft werden. Bei diesen Schulungen muss auch regelmäßig schon im Vornherein das Thema Belastungen und Stress behandelt werden.

Es sind bei der Prävention aber nicht nur die Führungskräfte gefordert, sondern auch jeder selbst! Da jeder Mensch unterschiedlich mit Stress umgeht, sind auch die vorbeugenden Maßnahmen verschieden. Ein Ausgleich zur Arbeit ist wichtig. Folgende Maßnahmen sind in jedem Falle wirksam, um Belastungen zu mindern:

  • Hobbys
  • soziales Netz (Freunde, die nicht nur aus dem Rettungsdienst oder anderen Hilfsorganisationen kommen)
  • Freizeit = Freizeit (Keine Bereitschaftsdienste, nichts, was mit der Arbeit in Verbindung gebracht wird)
  • richtige Ernährung
  • Automatismen, mentale Vorbereitung (Autosuggestion)
  • Antistresstraining, Autogenes Training
  • körperliche Fitness

Es hat sich nicht bei allen Führungskräften vor allem im „Sozialen“ Bereich herumgesprochen, daß die Mitarbeiter das Grundkapital des Betriebes sind. Eine anfangs möglicherweise große Investition macht sich in jedem Falle bezahlt, wenn dadurch Krankheitstage und Fluktuation vermieden werden, und die Mitarbeiter motivierter arbeiten. Der Rettungsdienst ist das Aushängeschild der Hilfsorganisationen. Dessen müssen sich die Führungskräfte klarwerden.

6 Was gibt es für Möglichkeiten, Belastungen im Einsatz zu mindern?

Hier sind im alltäglichen Einsatz vorwiegend die Einsatzkräfte selbst verantwortlich, bei „Grosseinsätzen“ sind auch die Einsatzleiter vor Ort betroffen. Wichtig ist hier, daß entsprechend „vorgesorgt“ wurde. Maßnahmen für den „alltäglichen“ Einsatz (betrifft jeden einzelnen):

  • Kommunikation im Team:
    • jeder Teamkollege bekommt alle Informationen
    • ruhiger Umgangston untereinander
  • Stressfaktoren bzw. Gefahren wenn möglich beseitigen (lassen), z.B. Schaulustige durch Polizei entfernen lassen
  • Aufgabenverteilung nach Fähigkeiten des Personals, Überforderungen vermeiden
  • ggf. Einsatznachbesprechung im Team
  • Meinungsverschiedenheiten, Probleme und Unklarheiten werden nach dem Einsatz besprochen!

Maßnahmen bei Grosseinsätzen (betrifft vorwiegend die Einsatzleitung):

  • ständige Information aller Einsatzkräfte über die Gesamtsituation
  • Pause alle 2h, möglichst abgeschirmt von der Einsatzsstelle
  • regelmäßige Verpflegung / Getränke!
  • in den Pausen ggf. Seelsorger / KIT für Defusing der Einsatzkräfte
  • Austausch der Einsatzkräfte bei Erschöpfung
  • keine unnötige Gefährdung der Einsatzkräfte
  • Einsatzkräfte nicht gegen ihren Willen einsetzen
  • WC!

7 Was kann man nach einem belastenden Einsatz tun?

Die zu ergreifenden Maßnahmen sind abhängig vom Ausmaß der Belastungen. Handelt es sich um „alltägliche Belastungen“, genügen hier einfache Maßnahmen, wie z.B. Sport, Fernsehen, mit Freunden weggehen, spazieren gehen, Gespräche mit Kollegen oder Freunden, Gespräche mit Fachpersonal oder Seelsorgern u.s.w.. Hier ist unterschiedlich, was dem Einzelnen hilft. Handelt es sich um (absehbar) schwere Belastungen, reichen diese Maßnahmen in der Regel nicht mehr aus. Die Reaktionen und Gefühle fallen sehr individuell aus. Hier sind wieder die Arbeitgeber gefordert, die Einsatzkräfte nach sehr belastenden Einsätzen möglichst umgehend aus dem Dienst zu nehmen.

Ggf. wird hier schon während dem Einsatz (bei größeren Einsätzen) ein „Defusing“ (Sofortgespräch = Entschärfung, 20–45 min.) und zum Einsatzabschluß ein „Demobilising“ (nach besonders langen Einsätzen) notwendig. 48–72 h danach schließt sich ein „Debriefing“ (strukturierte Einsatznachbesprechung, 2–4h) an. Hierbei sollten alle Einsatzkräfte teilnehmen. Die Einsatzbesprechung wird von speziell geschulten Psychologen und Peers (externes „SBE-Team“ (SBE = Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen, nach CISD/CISM (Critical Incident Stress Debriefing/Management) von Jeff Mitchell nach dem Vietnamkrieg entwickelt)) geleitet. Bei Bedarf werden mit betroffenen Helfern, die länger anhaltende Symptome haben oder mit einem veränderten oder auffälligem Verhalten wahrgenommen werden, Einzelgespräche geführt. Im schlimmsten Fall wird eine nachgehende Seelsorge, Begleitung oder Therapie notwendig. In jedem Fall beugt das Erzählen der Verdrängung vor, wobei der Zuhörer einfach nur (aktiv) zuhören, und nicht werten sollte.


8 Ergebnis

Leider werden Symptome des Burnout oder PTSD häufig nicht erkannt oder nicht beachtet. Man kann ein PTSD nicht verhindern, jedoch die Chance des Auftretens und die Folgen vermindern.

In vielen Betrieben im Gesundheitswesen kommt es zu einem rapiden Anstieg der Krankheitstage, einer hohen Fluktuation oder einem schlechten Betriebslima. Wenn die Mitarbeiter „schlampig sind“ wird mit Disziplinarverfahren gedroht, anstatt die Ursache zu bekämpfen ... Hier sind vor allem die Führungskräfte gefordert, dieses zu erkennen und entsprechend zu handeln – Belastungen zu mindern, Stress vorzubeugen und dem Burnout oder PTSD entgegenzuwirken. Auch müssen auf berufspolitischer Ebene bessere Bedingungen für die Einsatzkräfte geschaffen werden (für Deutschland: Berufsbild Rettungsassistent mit Regelkompetenz, angemessene Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen). Die Führungskräfte müssen geschult werden, um diesen Anforderungen, die an sie gestellt werden, gerecht werden zu können. Dazu gehört auch die Vorbereitung der Einsatzleiter.

9 Literaturverzeichnis

  1. Fertig, B.; v. Wietersheim, H.: Menschliche Begleitung und Krisenintervention; Stumpf & Kossendey; 2. Auflage 1997; ISBN 3-923124-68-6; S. 175ff, 269ff, 282ff, 290ff, 294ff, 306ff, 342ff
  2. Kühn, Luxem, Runggaldier: Rettungsdienst; Urban & Schwarzenberg; 1. Auflage 1998; ISBN 3-541-22011-2; S. 709 - 724
  3. Fertig, B.; Jatzko, H.; Weidmann, P.; Heidt, M.: Skripte aus der Ausbildung zum Psychologischen Fachberater für Krisenintervention und Notfallnachsorge im Rettungswesen (DGKNR) vom 10.10.1997 – 19.09.1998
  4. Dörmann, M. R.: Physiologie des Stresses; SEG 1/1997; S & K; S. 9 – 11
  5. Lippay, C.: Die Posttraumatische Belastungsstörung; SEG 1/1997; S & K; S. 12 – 14
  6. Damhorst, F., Eckey, M.-V.: Wenn der Schock nicht weicht ...; SEG 1/1997; S & K; S. 17f
  7. Lippay, C.: Stressbewältigung im Rettungsdienst; SEG 1/1997; S & K; S. 34f
  8. Mitchell, J. T.; Everly, G. S.: Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen – Zur Prävention psychischer Traumatisierung; S & K; 2. Auflage 1998; ISBN 3-923124-72-4
  9. www.sbe-ev.de
  10. www.icisf.org
  11. Bengel, J.: Psychologie in Notfallmedizin und Rettungsdienst; Springer Verlag 1997; ISBN 3-540-61909-7
  12. Schnelle, Ralf: Lieber einmal zuviel reanimiert ... - Das Beste aus 10 Jahren „Olaf“; S & K 1994; ISBN 3-923124-53-8

10 Zitat

Der Volksmund hat nicht recht: "Die Zeit heilt alle Wunden."

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie lindert nur den Schmerz (manchmal trübt sie die Erinnerung).

Die Zeit heilt keine Wunden, aber Wunden die heilen, brauchen Zeit! S. Jatzko

11 Hinweise

FlexiEssays geben die persönliche Einschätzung des Autors wieder, die nicht notwendigerweise mit der allgemeinen Lehrmeinung kongruent ist. Sie werden zu einem späteren Zeitpunkt einen eigenen Platz im Flexikon finden.

12 Primärautor

Dieser Flexikon-Artikel ist eine Umsetzung einer Facharbeit für die Weiterbildung zum Organisatorischen Leiter Rettungsdienst in der Schweiz von Tobias Weimann, Schweiz.

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