Ego-State-Therapie
Synonyme: Ego-State-Ansatz
Englisch: ego state therapy
Definition
Die Ego-State-Therapie ist ein psychotherapeutischer Ansatz, der davon ausgeht, dass die Persönlichkeit aus verschiedenen, relativ autonomen Ich-Zuständen (Ego-States) besteht. Die Therapie zielt darauf, dysfunktionale oder konflikthafte Ego-States zu identifizieren, ihre adaptive Funktion herauszuarbeiten und eine Integration in ein kooperatives inneres Gesamtsystem zu fördern.
Geschichte
Die Ego-State-Therapie wurde in den 1970er-Jahren von John G. Watkins und Helen H. Watkins entwickelt. Sie entstand aus der klinischen Hypnotherapie und integriert Konzepte der Ich-Psychologie, psychodynamischer Konflikttheorien sowie der modernen Traumatherapie.
Theoretisches Modell
Ego-States repräsentieren kohärente Muster von Erleben, Denken, Affekt und Verhalten, die situationsabhängig aktiviert werden. Sie stellen normale, entwicklungspsychologisch entstandene Persönlichkeitsanteile dar. Dabei erfüllen sie adaptive Funktionen, insbesondere in belastenden oder überfordernden Situationen.
Unter Bedingungen von chronischem Stress oder psychischer Traumatisierung können einzelne Ego-States eine ausgeprägte Schutz- oder Abspaltungsfunktion übernehmen. Klinisch relevant werden Ego-States dann, wenn sie rigide organisiert sind, kaum miteinander kommunizieren oder dauerhaft in inneren Konflikt geraten. Dies kann sich unter anderem in Affektdysregulation, innerer Fragmentierung, dissoziativen Symptomen oder psychosomatischen Beschwerden äußern.
Indikationen
Die Ego-State-Therapie findet vor allem Anwendung bei Traumafolgestörungen, einschließlich komplexer posttraumatischer Belastungsstörungen. Darüber hinaus wird sie bei dissoziativen Symptomen unterhalb der Schwelle struktureller Dissoziation, bei Angststörungen, depressiven Störungen, Persönlichkeitsakzentuierungen und Persönlichkeitsstörungen sowie bei psychosomatischen Erkrankungen eingesetzt. Auch bei chronischen inneren Konflikten, Selbstwertproblemen und Schwierigkeiten der Emotionsregulation kann der Ansatz hilfreich sein.
Methodik
Die therapeutische Arbeit erfolgt in der Regel phasenorientiert. Zu Beginn stehen Stabilisierung, Ressourcenaktivierung und die Förderung innerer Sicherheit im Vordergrund. Darauf aufbauend werden relevante Ego-States identifiziert und in die therapeutische Arbeit einbezogen. Ziel ist es, eine tragfähige therapeutische Beziehung auch zu belasteten oder konflikthaften Ego-States aufzubauen und deren Funktion im Gesamtgefüge der Persönlichkeit zu verstehen. Belastende Erinnerungen oder Affekte werden unter Wahrung innerer Sicherheit bearbeitet, während gleichzeitig die Kommunikation und Kooperation zwischen den Ego-States gefördert wird.
Hypnotherapeutische Interventionen können eingesetzt werden, sind jedoch keine zwingende Voraussetzung. Der Ansatz ist mit tiefenpsychologisch fundierten, verhaltenstherapeutischen und systemischen Verfahren gut kombinierbar.
Abgrenzung
Im Unterschied zur Dissoziativen Identitätsstörung werden Ego-States nicht als voneinander getrennte Identitäten verstanden, sondern als grundsätzlich durchlässige und funktionale Persönlichkeitsanteile. Die Ego-State-Therapie zielt nicht auf die Auflösung getrennter Identitäten, sondern auf Integration und Kooperation innerer Zustände. Gegenüber anderen parts-orientierten Verfahren, wie der Schema-Therapie oder dem Internal-Family-Systems-Ansatz, zeichnet sich die Ego-State-Therapie insbesondere durch ihre zustandsorientierte Arbeitsweise und ihren historischen Bezug zur Hypnotherapie aus.
Evidenz
Die empirische Evidenz zur Ego-State-Therapie beruht überwiegend auf klinischen Studien, Fallserien und kontrollierten Untersuchungen im traumatherapeutischen Kontext. Insbesondere bei komplex traumatisierten Patienten zeigen sich positive Effekte auf Symptomreduktion, Affektregulation und innere Integration. Im Vergleich zu streng manualisierten Verfahren ist die Evidenzlage jedoch begrenzt, weshalb die Ego-State-Therapie häufig als integrativer Bestandteil multimodaler Behandlungsansätze eingesetzt wird.
Literatur
- Watkins H. H. (1993). Ego-state therapy: an overview. The American journal of clinical hypnosis, 35(4), 232–240. https://doi.org/10.1080/00029157.1993.10403014
- Abramowitz, E. G., & Torem, M. S. (2018). The Roots and Evolution of Ego-State Theory and Therapy. The International journal of clinical and experimental hypnosis, 66(4), 353–370. https://doi.org/10.1080/00207144.2018.1494435
- Christensen, C., Barabasz, A., & Barabasz, M. (2013). Efficacy of abreactive ego state therapy for PTSD: trauma resolution, depression, and anxiety. The International journal of clinical and experimental hypnosis, 61(1), 20–37. https://doi.org/10.1080/00207144.2013.729386