Dissoziative Identitätsstörung
Synonyme: multiple Persönlichkeitsstörung, multiple Persönlichkeit (obsolet)
Englisch: dissociative identity disorder, multiple personality disorder
Definition
Eine dissoziative Identitätsstörung, kurz DIS, ist eine schwere Form der dissoziativen Störung, die durch das Vorliegen von mindestens zwei unterscheidbaren Identitätszuständen gekennzeichnet ist. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist jeweils ein Identitätszustand handlungs- und bewusstseinsdominant.
Nomenklatur
Die dissoziative Identitätsstörung wurde früher auch als multiple Persönlichkeit(sstörung) bezeichnet. Dieser Begriff findet noch Verwendung in der ICD-10-Klassifikation, sollte jedoch inzwischen nicht mehr verwendet werden. In der aktuellen Klassifikation nach DSM-5-TR wird die Störung als dissociative identity disorder geführt. In der ICD-11 wird sie unter den dissoziativen Störungen klassifiziert.
Epidemiologie
In der Literatur wird die Prävalenz der Erkrankung in der Allgemeinbevölkerung mit 1–1,5 % angegeben. Die verfügbaren Daten sind jedoch heterogen und methodisch unterschiedlich, sodass die tatsächliche Prävalenz unsicher ist.[1] Das weibliche Geschlecht ist häufiger betroffen als das männliche. Die zugrunde liegenden traumatischen Erfahrungen treten meist in der frühen Kindheit auf, während die klinische Manifestation der DIS häufig erst im Jugend- oder Erwachsenenalter erfolgt. Eine zuverlässige altersbezogene Prävalenzabschätzung ist aufgrund diagnostischer Unsicherheiten und verzögerter Diagnosestellung nicht möglich.
Dissoziative Symptome finden häufig noch geringe Beachtung im diagnostischen Alltag. Daher wird die Störung wahrscheinlich seltener diagnostiziert, und die Häufigkeit der Diagnose ist im Gegensatz zur Prävalenz regional unterschiedlich. Die tatsächliche Prävalenz ist aufgrund diagnostischer Schwierigkeiten, hoher Komorbidität und häufiger Fehldiagnosen vermutlich untererfasst.
Ätiopathogenese
Die genaue Ursache der dissoziativen Identitätsstörung ist derzeit (2026) unklar. Sie entwickelt sich meist auf dem Boden schwerer traumatischer Erlebnisse in der frühen Kindheit. Typische Auslöser sind Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch. Die schwer zu verarbeitenden psychischen Konflikte führen zu einer Dissoziation, die initial oft auf Körperempfindungen beschränkt ist. Beispielsweise werden Genitalbereich und die Bauchregion unempfindlich für Schmerz und Berührung.
Im Verlauf kommt es zur Abspaltung ganzer Persönlichkeitsanteile. Betroffene berichten häufig über Depersonalisations- und Derealisationsphänomene. Die unempfindliche Körperhülle wird zurückgelassen, während das Kind die Szene aus einer anderen Ecke des Raumes wahrnimmt. Es hat damit eine Persönlichkeit geschaffen, die unempfindlich für die Situation ist und diese aushält. Pathophysiologisch wird eine unzureichende Integration autobiographischer Gedächtnisinhalte infolge chronischer frühkindlicher Traumatisierung angenommen.
Von einigen Autoren wird die Existenz der Störung angezweifelt, oder sie ordnen die Symptome dem Bereich der Borderline-Persönlichkeitsstörung zu. Volkstümlich wird die Störung oft mit der Schizophrenie verwechselt.
Klinik
Die Persönlichkeiten unterscheiden sich in ihrem Wesen, ihrer Sprache, der Wahrnehmung der Umwelt, den Vorlieben und/oder dem Verhalten. Zudem müssen mindestens zwei der Persönlichkeiten wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen. In typischen Fällen hat keine Persönlichkeit Zugang zu den Erinnerungen der anderen und ist sich bisweilen auch nicht der Existenz der anderen bewusst.
Besonders auffallend sind die beschriebenen Amnesien ("Zeitverluste"), die von mehreren Minuten bis hin zu Monaten reichen können. Weitere typische Symptome sind intrusionsartige Erinnerungen, innere Stimmen im Sinne dissoziativer Anteile sowie affektive Instabilität. Außerdem erscheinen die Patienten situativ geistig abwesend, was auf interne Persönlichkeitswechsel hinweisen kann.
Etwa ein Drittel der Patienten hat ausgeprägte und nach außen auffallende Persönlichkeitswechsel. Die übrigen zwei Drittel zeigen nach außen weniger stark differenzierte Persönlichkeiten, was als Eigenschutz des Gesamtsystems gewertet werden kann.
Diagnostik
Die Diagnose der DIS erfolgt durch eine sorgfältige psychopathologische Exploration unter Einbezug von Eigen- und Fremdanamnese sowie strukturierter klinischer Interviews. Organische Ursachen sowie andere psychische Störungen müssen differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden.
Differentialdiagnosen
- Borderline-Persönlichkeitsstörung
- Schizophrenie: Wahn, Halluzinationen
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): ähnliche Symptome
- Dissoziative Amnesie
- Depersonalisations-/Derealisationsstörung
- Affektive Störungen mit psychotischen Symptomen
- Simulation / artifizielle Störung
Therapie
Die Therapie der dissoziativen Identitätsstörung basiert primär auf einem psychotherapeutischen Ansatz zur Traumaverarbeitung und ggf. zur Integration von Persönlichkeitszuständen. Die Behandlung erfolgt in der Regel phasenorientiert mit Fokus auf Stabilisierung, Traumabearbeitung und Integration bzw. Kooperation der Identitätszustände. Integration bedeutet dabei nicht zwingend das Verschwinden einzelner Identitätszustände, sondern deren funktionale Zusammenarbeit.
Eine spezifische medikamentöse Therapie gibt es derzeit (2026) nicht. Depressive Symptome können begleitend mit Antidepressiva (z.B. SSRIs) behandelt werden.
Quelle
- ↑ Boysen: A Review of Published Research on Adult Dissociative Identity Disorder 2000–2010. The Journal of Nervous and Mental Disease, 2013