Taktische Medizin: Unterschied zwischen den Versionen

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'''''Englisch''': <name lang="en">tactical combat casuality care </name>(TCCC), tactical medicine
'''''Englisch''': <name lang="en"> tactical medicine </name>, Tactical Combat Casualty Care (TCCC), Tactical Emergency Casualty Care (TECC)''


==Definition==
==Definition==
Als '''taktische Medizin''' bezeichnet man die Anwendung [[Medizinisch|medizinischer]] Maßnahmen ([[Diagnostik]] und [[Therapie]]) in einem taktischen Umfeld. Darunter versteht man die Versorgung von Verwundeten unter Gefechtsbedingungen oder in besonderen Einsatzlagen (z.B. Terroranschlägen). Die taktische Medizin ist damit am Ehesten ein Teil der [[Notfallmedizin]], wobei [[Penetrierende Verletzung|penetrierende Verletzungen]] und [[Verbrennung]]sverletzungen infolge des Einsatzes von Schuss-, Stich- und Sprengwaffen überproportional häufig vertreten sind.  
Als '''taktische Medizin''' bezeichnet man die Anwendung [[Medizinisch|medizinischer]] Maßnahmen ([[Diagnostik]] und [[Therapie]]) in einem taktischen Umfeld. Darunter versteht man die Versorgung von Verwundeten unter Gefechtsbedingungen oder in besonderen [[Einsatzlage|Einsatzlagen]] (z.B. Terroranschlag). Die taktische Medizin ist damit am ehesten ein Teil der [[Notfallmedizin]], wobei [[Penetrierende Verletzung|penetrierende Verletzungen]] und [[Verbrennung]]sverletzungen infolge des Einsatzes von [[Schussverletzung|Schuss-]], [[Stichverletzung|Stich-]] und [[Explosionstrauma|Sprengwaffen]] überproportional häufig vertreten sind.  


== Geschichte ==
== Geschichte ==
Die taktische Medizin hat sich aus der [[Feldchirurgie]] und der [[Militärmedizin]] entwickelt. Die englische Bezeichnung "Tactical Combat Casualty Care" existiert seit den 1990er-Jahren.  
Die taktische Medizin hat sich aus der [[Feldchirurgie]] und der [[Militärmedizin]] entwickelt. Die englische Bezeichnung "Tactical Combat Casualty Care" (TCCC) existiert seit den 1990er-Jahren. Aus dem TCCC-Konzept, das sich speziell an Einsätze in Gefechtssituationen richtet, wurden die "Tactical Emergency Casualty Care"-Guidelines (TECC) entwickelt. Diese umfassen die strukturierte Versorgung in zivilen taktischen Lagen und richten sich an Kräfte der Polizei, [[Feuerwehr]], Personenschützer und dem zivilen [[Rettungsdienst]].<ref>DBRD Akademie – [https://tecc-germany.de/tecc-kurse/tecc-provider TECC-Anwenderkurs], abgerufen am 21.01.2025</ref>
 
Das [[Tourniquet]] ist eines der wichtigsten Instrumente der taktischen Medizin. Jean-Louis Petit erfand es um 1718, um [[Blutung|Blutungen]] zu stoppen. Johann von Esmarch entwickelte das ursprünglich entwickelte Tourniquet weiter, sodass keine Einzelteile mehr abfallen konnten.
 
==Abgrenzung==
==Abgrenzung==
Im Gegensatz zur zivilen [[Notfallmedizin]] ist in der taktischen Medizin die Versorgung von Verwundeten oft nicht die primäre Aufgabe der eingesetzten Einheiten. Die Versorgung ist in den Kontext der militärischen oder polizeilichen Aufgabenerfüllung eingebunden. Während zivil verhältnismäßig schnell Kräfte nachgefordert werden können, erschöpfen sich medizinische Ressourcen im taktischen Einsatz rasch und es kann zu einem länger anhaltenden Missverhältnis zwischen der Anzahl der medizinischen Helfer und der Anzahl der Verwundeten kommen.<ref name="eins">Hauer T., Ladehof K., Münzberg M. (2016). Taktische Verwundetenversorgung. In: Präklinisches Traumamanagement: Prehospital Trauma Life Support (PHTLS). National Association of Emergency Medical Technicians (NAEMT). 3.Auflage. München: Urban & Fischer Verlag / Elsevier, S.633, S.636</ref>
Im Gegensatz zur zivilen [[Notfallmedizin]] ist in der taktischen Medizin die Versorgung von Verwundeten zum Teil nicht die primäre Aufgabe der eingesetzten Einheiten. Die Versorgung ist in den Kontext der militärischen oder polizeilichen Aufgabenerfüllung eingebunden. Zudem erschöpfen sich medizinische Ressourcen im taktischen Einsatz rasch und es kann zu einem länger anhaltenden Missverhältnis zwischen der Anzahl der medizinischen Helfer und der Anzahl der Verwundeten kommen.<ref name="eins">Hauer T., Ladehof K., Münzberg M. (2016). Taktische Verwundetenversorgung. In: Präklinisches Traumamanagement: Prehospital Trauma Life Support (PHTLS). National Association of Emergency Medical Technicians (NAEMT). 3.Auflage. München: Urban & Fischer Verlag / Elsevier, S.633, S.636</ref>


Weiterhin kann die [[Indikation]]sstellung medizinischer Maßnahmen durch die akute Lage verändert werden und ein Abweichen von Leitlinien der zivilen [[Notfallmedizin]] bedeuten. Erschwerend kommt hinzu, dass während der Versorgung oft suboptimale Bedingungen bestehen (z.B. in Bezug auf Hygiene und Lichtbedingungen), die Sicherheit der Einsatzstelle in der Regel nicht garantiert werden kann und es zu langen [[Präklinisch|präklinischen]] Versorgungs- und Transportzeiten kommen kann.<ref name="eins" />
Weiterhin kann die [[Indikation]]sstellung medizinischer Maßnahmen durch die akute Lage verändert werden und ein Abweichen von [[Leitlinie|Leitlinien]] der zivilen [[Notfallmedizin]] bedeuten. Erschwerend kommt hinzu, dass während der Versorgung oft suboptimale Bedingungen bestehen, z.B. in Bezug auf [[Hygiene]] und Lichtbedingungen. Die Sicherheit der Einsatzstelle kann in der Regel nicht garantiert werden. Ferner sind lange [[Präklinisch|präklinischen]] Versorgungs- und Transportzeiten möglich.<ref name="eins" />


Die Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld kann darüber hinaus mit einer akuten Bedrohung von Behandlern und Patienten einhergehen.  
Die Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld kann darüber hinaus mit einer akuten Bedrohung von Behandlern und Patienten einhergehen.  


== Einsatzhelfer ==
==Verletzungsmuster==
Da nicht alle Truppen über [[Sanitätspersonal]] verfügen, spielt die Eigen- und Kameradenhilfe eine wichtige Rolle  ("Einsatzhelfer A"). Die nächste Stufe sind "Einsatzhelfer B". Die Soldaten mit dieser Ausbildung werden auch "Medics" genannt und sind in den Bereichen [[Blutstillung]], [[Atemwegsmanagement]] und [[Analgesie]] ausgebildet. Sie versorgen die Patienten unter Beschuss und sichern die schnelle Verwundetenversorgung.
Es existieren verschiedene typische Verletzungsmuster, die häufig im Rahmen der taktischen Medizin versorgt werden, z.B.:
 
* Penetrierende Verletzungen und [[Verbrennung|Verbrennungen]] infolge von Schuss-, Stich- und Sprengverletzungen
*[[Bissverletzung|Bissverletzungen]]
*[[Augennotfall|Augennotfälle]]
*[[Akustisches Trauma|Akustische Traumata]]
*[[Schädel-Hirn-Trauma|Schädel-Hirn-Traumata]]
*[[Hängetrauma|Hängetraumata]]


Die sanitätsdienstliche Ausbildung von Spezialkräften bei der Bundeswehr bezeichnet man als "Combat First Responder". Bei der Polizei werden Patienten in Gefahrenlagen durch sanitätsdienstlich ausgebildete Polizisten behandelt.
== Instrumente ==
Das [[Tourniquet]] ist eines der wichtigsten Instrumente der taktischen Medizin. Seine Erfindung reicht zurück bis ins Mittelalter. Jean-Louis Petit erfand 1718 eine Art Schraubenkompressor, um [[Blutung|Blutungen]] zu stoppen und nannte es "tourniquet". Johann von Esmarch entwickelte das ursprüngliche Konzept des [[Stauschlauch|Stauschlauches]] aus Gummi, das primär im [[Operativ|operativen]] Umfeld eingesetzt wurde. Die moderne Form des Tourniquets, die in der taktischen Medizin verwendet wird, ist als [[Tourniquet#Combat Application Tourniquet|Combat Application Tourniquet]] bekannt und besteht aus einem eingeschlauften Gurt mit angebrachten Knebelprinzip.  


==Phasen==
==Phasen==
Die taktische Medizin lässt sich in drei Phasen unterteilen:<ref name="eins" />
Die taktische Medizin lässt sich in drei Phasen unterteilen:<ref name="eins" />
* Care Under Fire (bzw. "rote/heiße Zone") - Versorgung am Ort der Verwundung: Diese Phase findet oft unter unmittelbarer Bedrohung statt. Es erfolgt lediglich eine minimale medizinische Versorgung wie beispielsweise die Anlage eines Tourniquets.
* Care Under Fire (bzw. "rote/heiße Zone") Versorgung am Ort der Verwundung: Diese Phase findet oft unter unmittelbarer Bedrohung statt. Es erfolgt lediglich eine medizinische Selbstversorgung in der Form der Anlage eines Tourniquets. Einzige Fremdversorgung wäre in dieser Phase den Verwundeten in Deckung zu ziehen. Dort ist dann auch die Fremdversorgung mittels Tourniquet möglich.
*Tactical Field Care (bzw. "warme Zone") - Versorgung des Verwundeten in Deckung: In dieser Phase erfolgt eine erweiterte medizinische Versorgung nach dem [[cABCDE-Schema]]. Dabei wird unter anderem der gesamte Körper des Verwundeten abgesucht und abgestrichen. Sämtliche noch nicht erkannte Blutungen werden gestoppt ("Blood Sweep").
*Tactical Field Care (bzw. "gelbe/warme Zone") Versorgung der Verwundeten in Deckung (kein wirksames Feindfeuer): In dieser Phase liegt der Fokus auf einer erweiterten medizinischen Versorgung. Eine Untersuchung erfolgt derzeit (2025) nach dem [[cABCDE-Schema]] (zivile taktische Medizin) oder dem [[MARCH-Schema]] (militärische taktische Medizin). Dabei wird u.a. der gesamte Körper des Verwundeten nach Verletzungen abgesucht ("Body Check"), indem der Körper über und unter der Kleidung mit den Händen abgestrichen wird ("Blood Sweep").
*Tactical Evacuation Care (bzw. "kalte Zone") - Versorgung während der Evakuierung des Verwundeten
*Tactical Evacuation Care (bzw. "grüne/kalte Zone") – Vorbereitung und Durchführung des Transports unter Berücksichtigung der "[[Golden Hour]]" aus der Gefahrensituation.<ref>Bundeswehr – [https://www.bundeswehr.de/de/organisation/sanitaetsdienst/aktuelles-im-sanitaetsdienst/taktische-verwundetenversorgung-leben-retten-im-gefecht-5366610 Taktische Verwundetenversorgung: Leben Retten im Gefecht], abgerufen am 21.01.2025</ref>
Die aktuelle Gefahrenlage muss kontinuierlich reevaluiert und der Eigenschutz beachtet werden. Für das taktische Vorgehen ist das sogenannte [[SERVA-Schema]] ([[Akronym]] für Sicherung, Erkundung, Rettung Verwundeter, Verwundetensammelstelle, Aufnahme Verstärkungskräfte) relevant.
In allen Phasen ist zu beachten, dass die taktische Lage immer der medizinischen Lage vorgeht.
Die aktuelle Gefahrenlage wird daher kontinuierlich reevaluiert und der Eigenschutz beachtet.  
==Taktische Medizin in der Bundeswehr==
=== Einsatzersthelfer ===
Da nicht alle Truppen über [[Sanitätspersonal]] verfügen, spielt die Eigen- und Kameradenhilfe eine wichtige Rolle. Bei der Bundeswehr wird die sanitätsdienstliche Grundausbildung für alle Soldaten als Einsatzersthelfer A (Alpha) bezeichnet. Die nächste Stufe sind Einsatzersthelfer B (Bravo). Die Soldaten mit dieser Ausbildung sind in den Bereichen [[Blutstillung]] und [[Atemwegsmanagement]] ausgebildet. Sie versorgen die Patienten, soweit die taktische Lage dies zulässt, und sichern die schnelle Verwundetenversorgung.  


==Versorgungsebenen==
Die sanitätsdienstliche Ausbildung von Spezialkräften bei der Bundeswehr bezeichnet man als "Combat First Responder". Bei der Polizei werden Patienten in Gefahrenlagen durch sanitätsdienstlich ausgebildete Polizisten behandelt. 
 
Aktuell (2025) stellt die Bundeswehr das Sanitätskonzept zur Selbst- und Kameradenhilfe um. Der Einsatzersthelfer A wird künftig nach dem TCCC-Konzept durch den All Service Member (ASM) ersetzt, der Einsatzersthelfer B durch den Combat Livesaver (CLS) und die Combat First Responder werden Combat Medic/Corpsman (CMC). In diesem Rahmen werden auch die bisherigen Ausbildungsinhalte angepasst.   
 
=== Versorgungsebenen ===
Man unterscheidet innerhalb der taktischen Medizin verschiedene Versorgungsebenen:
Man unterscheidet innerhalb der taktischen Medizin verschiedene Versorgungsebenen:


===ROLE 0===
===ROLE 0===
Die erste Stufe der taktischen Verwundetenversorgung erfolgt in der Regel durch Nichtsanitätspersonal (Einsatzhelfer A, Einsatzhelfer B).
Die erste Stufe der taktischen Verwundetenversorgung erfolgt in der Regel durch Nichtsanitätspersonal (Einsatzersthelfer A, Einsatzersthelfer B).


===ROLE 1 - Rettungsstation===
===ROLE 1 - Rettungsstation===
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===ROLE 3 - Einsatzlazarett===
===ROLE 3 - Einsatzlazarett===
Bei dieser Ebene kommt die Versorgung durch weitere Fachbereiche hinzu. Die Leistungsfähigkeit des Einsatzlazaretts sollte die einer Uniklinik umfassen.
Bei dieser Ebene kommt die Versorgung durch weitere Fachbereiche hinzu. Die Leistungsfähigkeit des [[Lazarett|Einsatzlazaretts]] sollte die einer [[Uniklinik]] umfassen.


===ROLE 4 - Bundeswehrkrankenhaus===
===ROLE 4 - Bundeswehrkrankenhaus===
Die letzte Stufe umfasst die definitive operative Versorgung und [[Rehabilitation]].  
Die letzte Stufe umfasst die definitive operative Versorgung und [[Rehabilitation]].  


==Ausrüstung==
=== Ausrüstung ===
Die Ausrüstung, die zur Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld verwendet werden, umfasst z.B. verschiedene Arten von Tourniquets (z.B. Combat Application Tourniquet, Emergency & Military Tourniquet), [[Verband|Verbandsstoffen]] (z.B. [[Gaze]]) und [[Hämostyptikum|Hämostypika]]. Darüber hinaus kommen individuelle [[Erste Hilfe|Erste-Hilfe-Sets]], sogenannte [[IFAK|IFAKs]] zum Einsatz.
Die Ausrüstung, die zur Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld verwendet werden, umfasst z.B. verschiedene Arten von Tourniquets (z.B. Combat Application Tourniquet, Emergency and Military Tourniquets), [[Verband|Verbandsstoffen]] (z.B. [[Gaze]]) und [[Hämostyptikum|Hämostypika]] sowie Mittel für die invasive [[Atemwegssicherung]]. Darüber hinaus kommen individuelle [[Erste Hilfe|Erste-Hilfe-Sets]], sogenannte [[IFAK|IFAKs]] (individual first aid kit) zum Einsatz.
 
==Verletzungsmuster==
Es existieren verschiedene typische Verletzungsmuster, die häufig im Rahmen der taktischen Medizin versorgt werden, z.B.:
 
* Penetrierende Verletzungen und Verbrennungsverletzungen infolge von [[Schussverletzung|Schuss-]], [[Stichverletzung|Stich-]], und [[Sprengverletzung|Sprengverletzungen]]
*[[Bissverletzung|Bissverletzungen]]
*[[Augennotfall|Augennotfälle]]
*[[Akustisches Trauma|Akustische Traumata]]
*[[Schädel-Hirn-Trauma|Schädel-Hirn-Traumata]]
*[[Hängetrauma|Hängetraumata]]


==Weblinks==
==Weblink==
*[https://www.bayzbe.de Bayerisches Zentrum für besondere Einsatzlagen]
*[https://www.bayzbe.de Bayerisches Zentrum für besondere Einsatzlagen]


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*Christian Neitzel, Karsten Ladehof. Taktische Medizin. In: Notfallmedizin und Einsatzmedizin. 2. Auflage Springer Verlag, 2015
*Christian Neitzel, Karsten Ladehof. Taktische Medizin. In: Notfallmedizin und Einsatzmedizin. 2. Auflage Springer Verlag, 2015
*Bundeswehr – [https://www.bundeswehr.de/resource/blob/5339668/3e4ad6fc6378df4bba08265ed51a0fec/5-fmbtl-610-modul-eeh-a-1-data.pdf Einsatzersthelfer A], abgerufen am 22.01.2025


[[Fachgebiet:Notfallmedizin]]
[[Fachgebiet:Notfallmedizin]]

Aktuelle Version vom 22. Januar 2025, 18:14 Uhr

Synonyme: Einsatzmedizin, taktische Verwundetenversorgung, TVV
Englisch: tactical medicine, Tactical Combat Casualty Care (TCCC), Tactical Emergency Casualty Care (TECC)

Definition

Als taktische Medizin bezeichnet man die Anwendung medizinischer Maßnahmen (Diagnostik und Therapie) in einem taktischen Umfeld. Darunter versteht man die Versorgung von Verwundeten unter Gefechtsbedingungen oder in besonderen Einsatzlagen (z.B. Terroranschlag). Die taktische Medizin ist damit am ehesten ein Teil der Notfallmedizin, wobei penetrierende Verletzungen und Verbrennungsverletzungen infolge des Einsatzes von Schuss-, Stich- und Sprengwaffen überproportional häufig vertreten sind.

Geschichte

Die taktische Medizin hat sich aus der Feldchirurgie und der Militärmedizin entwickelt. Die englische Bezeichnung "Tactical Combat Casualty Care" (TCCC) existiert seit den 1990er-Jahren. Aus dem TCCC-Konzept, das sich speziell an Einsätze in Gefechtssituationen richtet, wurden die "Tactical Emergency Casualty Care"-Guidelines (TECC) entwickelt. Diese umfassen die strukturierte Versorgung in zivilen taktischen Lagen und richten sich an Kräfte der Polizei, Feuerwehr, Personenschützer und dem zivilen Rettungsdienst.[1]

Abgrenzung

Im Gegensatz zur zivilen Notfallmedizin ist in der taktischen Medizin die Versorgung von Verwundeten zum Teil nicht die primäre Aufgabe der eingesetzten Einheiten. Die Versorgung ist in den Kontext der militärischen oder polizeilichen Aufgabenerfüllung eingebunden. Zudem erschöpfen sich medizinische Ressourcen im taktischen Einsatz rasch und es kann zu einem länger anhaltenden Missverhältnis zwischen der Anzahl der medizinischen Helfer und der Anzahl der Verwundeten kommen.[2]

Weiterhin kann die Indikationsstellung medizinischer Maßnahmen durch die akute Lage verändert werden und ein Abweichen von Leitlinien der zivilen Notfallmedizin bedeuten. Erschwerend kommt hinzu, dass während der Versorgung oft suboptimale Bedingungen bestehen, z.B. in Bezug auf Hygiene und Lichtbedingungen. Die Sicherheit der Einsatzstelle kann in der Regel nicht garantiert werden. Ferner sind lange präklinischen Versorgungs- und Transportzeiten möglich.[2]

Die Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld kann darüber hinaus mit einer akuten Bedrohung von Behandlern und Patienten einhergehen.

Verletzungsmuster

Es existieren verschiedene typische Verletzungsmuster, die häufig im Rahmen der taktischen Medizin versorgt werden, z.B.:

Instrumente

Das Tourniquet ist eines der wichtigsten Instrumente der taktischen Medizin. Seine Erfindung reicht zurück bis ins Mittelalter. Jean-Louis Petit erfand 1718 eine Art Schraubenkompressor, um Blutungen zu stoppen und nannte es "tourniquet". Johann von Esmarch entwickelte das ursprüngliche Konzept des Stauschlauches aus Gummi, das primär im operativen Umfeld eingesetzt wurde. Die moderne Form des Tourniquets, die in der taktischen Medizin verwendet wird, ist als Combat Application Tourniquet bekannt und besteht aus einem eingeschlauften Gurt mit angebrachten Knebelprinzip.

Phasen

Die taktische Medizin lässt sich in drei Phasen unterteilen:[2]

  • Care Under Fire (bzw. "rote/heiße Zone") – Versorgung am Ort der Verwundung: Diese Phase findet oft unter unmittelbarer Bedrohung statt. Es erfolgt lediglich eine medizinische Selbstversorgung in der Form der Anlage eines Tourniquets. Einzige Fremdversorgung wäre in dieser Phase den Verwundeten in Deckung zu ziehen. Dort ist dann auch die Fremdversorgung mittels Tourniquet möglich.
  • Tactical Field Care (bzw. "gelbe/warme Zone") – Versorgung der Verwundeten in Deckung (kein wirksames Feindfeuer): In dieser Phase liegt der Fokus auf einer erweiterten medizinischen Versorgung. Eine Untersuchung erfolgt derzeit (2025) nach dem cABCDE-Schema (zivile taktische Medizin) oder dem MARCH-Schema (militärische taktische Medizin). Dabei wird u.a. der gesamte Körper des Verwundeten nach Verletzungen abgesucht ("Body Check"), indem der Körper über und unter der Kleidung mit den Händen abgestrichen wird ("Blood Sweep").
  • Tactical Evacuation Care (bzw. "grüne/kalte Zone") – Vorbereitung und Durchführung des Transports unter Berücksichtigung der "Golden Hour" aus der Gefahrensituation.[3]

In allen Phasen ist zu beachten, dass die taktische Lage immer der medizinischen Lage vorgeht. Die aktuelle Gefahrenlage wird daher kontinuierlich reevaluiert und der Eigenschutz beachtet.

Taktische Medizin in der Bundeswehr

Einsatzersthelfer

Da nicht alle Truppen über Sanitätspersonal verfügen, spielt die Eigen- und Kameradenhilfe eine wichtige Rolle. Bei der Bundeswehr wird die sanitätsdienstliche Grundausbildung für alle Soldaten als Einsatzersthelfer A (Alpha) bezeichnet. Die nächste Stufe sind Einsatzersthelfer B (Bravo). Die Soldaten mit dieser Ausbildung sind in den Bereichen Blutstillung und Atemwegsmanagement ausgebildet. Sie versorgen die Patienten, soweit die taktische Lage dies zulässt, und sichern die schnelle Verwundetenversorgung.

Die sanitätsdienstliche Ausbildung von Spezialkräften bei der Bundeswehr bezeichnet man als "Combat First Responder". Bei der Polizei werden Patienten in Gefahrenlagen durch sanitätsdienstlich ausgebildete Polizisten behandelt.

Aktuell (2025) stellt die Bundeswehr das Sanitätskonzept zur Selbst- und Kameradenhilfe um. Der Einsatzersthelfer A wird künftig nach dem TCCC-Konzept durch den All Service Member (ASM) ersetzt, der Einsatzersthelfer B durch den Combat Livesaver (CLS) und die Combat First Responder werden Combat Medic/Corpsman (CMC). In diesem Rahmen werden auch die bisherigen Ausbildungsinhalte angepasst.

Versorgungsebenen

Man unterscheidet innerhalb der taktischen Medizin verschiedene Versorgungsebenen:

ROLE 0

Die erste Stufe der taktischen Verwundetenversorgung erfolgt in der Regel durch Nichtsanitätspersonal (Einsatzersthelfer A, Einsatzersthelfer B).

ROLE 1 - Rettungsstation

Die Verwundeten werden in dieser Ebene durch Truppenärzte versorgt.

ROLE 2 - Rettungszentrum

Die dritte Stufe der taktischen Verwundetenversorgung umfasst den gesicherten militärischen Bereich. Hier findet eine mögliche notfallchirurgische Behandlung statt. Zentral ist ebenfalls die Schockraumbehandlung.

ROLE 3 - Einsatzlazarett

Bei dieser Ebene kommt die Versorgung durch weitere Fachbereiche hinzu. Die Leistungsfähigkeit des Einsatzlazaretts sollte die einer Uniklinik umfassen.

ROLE 4 - Bundeswehrkrankenhaus

Die letzte Stufe umfasst die definitive operative Versorgung und Rehabilitation.

Ausrüstung

Die Ausrüstung, die zur Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld verwendet werden, umfasst z.B. verschiedene Arten von Tourniquets (z.B. Combat Application Tourniquet, Emergency and Military Tourniquets), Verbandsstoffen (z.B. Gaze) und Hämostypika sowie Mittel für die invasive Atemwegssicherung. Darüber hinaus kommen individuelle Erste-Hilfe-Sets, sogenannte IFAKs (individual first aid kit) zum Einsatz.

Weblink

Quellen

  1. DBRD Akademie – TECC-Anwenderkurs, abgerufen am 21.01.2025
  2. Hochspringen nach: 2,0 2,1 2,2 Hauer T., Ladehof K., Münzberg M. (2016). Taktische Verwundetenversorgung. In: Präklinisches Traumamanagement: Prehospital Trauma Life Support (PHTLS). National Association of Emergency Medical Technicians (NAEMT). 3.Auflage. München: Urban & Fischer Verlag / Elsevier, S.633, S.636
  3. Bundeswehr – Taktische Verwundetenversorgung: Leben Retten im Gefecht, abgerufen am 21.01.2025

Literatur

  • Christian Neitzel, Karsten Ladehof. Taktische Medizin. In: Notfallmedizin und Einsatzmedizin. 2. Auflage Springer Verlag, 2015
  • Bundeswehr – Einsatzersthelfer A, abgerufen am 22.01.2025