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Taktische Medizin

Synonyme: Einsatzmedizin, taktische Verwundetenversorgung, TVV
Englisch: tactical medicine, Tactical Combat Casualty Care (TCCC), Tactical Emergency Casualty Care (TECC)

1. Definition

Als taktische Medizin bezeichnet man die Anwendung medizinischer Maßnahmen (Diagnostik und Therapie) in einem taktischen Umfeld. Darunter versteht man die Versorgung von Verwundeten unter Gefechtsbedingungen oder in besonderen Einsatzlagen (z.B. Terroranschlag). Die taktische Medizin ist damit am ehesten ein Teil der Notfallmedizin, wobei penetrierende Verletzungen und Verbrennungsverletzungen infolge des Einsatzes von Schuss-, Stich- und Sprengwaffen überproportional häufig vertreten sind.

2. Geschichte

Die taktische Medizin hat sich aus der Feldchirurgie und der Militärmedizin entwickelt. Die englische Bezeichnung "Tactical Combat Casualty Care" (TCCC) existiert seit den 1990er-Jahren. Aus dem TCCC-Konzept, das sich speziell an Einsätze in Gefechtssituationen richtet, wurden die "Tactical Emergency Casualty Care"-Guidelines (TECC) entwickelt. Diese umfassen die strukturierte Versorgung in zivilen taktischen Lagen und richten sich an Kräfte der Polizei, Feuerwehr, Personenschützer und dem zivilen Rettungsdienst.[1]

3. Abgrenzung

Im Gegensatz zur zivilen Notfallmedizin ist in der taktischen Medizin die Versorgung von Verwundeten zum Teil nicht die primäre Aufgabe der eingesetzten Einheiten. Die Versorgung ist in den Kontext der militärischen oder polizeilichen Aufgabenerfüllung eingebunden. Zudem erschöpfen sich medizinische Ressourcen im taktischen Einsatz rasch und es kann zu einem länger anhaltenden Missverhältnis zwischen der Anzahl der medizinischen Helfer und der Anzahl der Verwundeten kommen.[2]

Weiterhin kann die Indikationsstellung medizinischer Maßnahmen durch die akute Lage verändert werden und ein Abweichen von Leitlinien der zivilen Notfallmedizin bedeuten. Erschwerend kommt hinzu, dass während der Versorgung oft suboptimale Bedingungen bestehen, z.B. in Bezug auf Hygiene und Lichtbedingungen. Die Sicherheit der Einsatzstelle kann in der Regel nicht garantiert werden. Ferner sind lange präklinischen Versorgungs- und Transportzeiten möglich.[2]

Die Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld kann darüber hinaus mit einer akuten Bedrohung von Behandlern und Patienten einhergehen.

4. Verletzungsmuster

Es existieren verschiedene typische Verletzungsmuster, die häufig im Rahmen der taktischen Medizin versorgt werden, z.B.:

5. Instrumente

Das Tourniquet ist eines der wichtigsten Instrumente der taktischen Medizin. Seine Erfindung reicht zurück bis ins Mittelalter. Jean-Louis Petit erfand 1718 eine Art Schraubenkompressor, um Blutungen zu stoppen und nannte es "tourniquet". Johann von Esmarch entwickelte das ursprüngliche Konzept des Stauschlauches aus Gummi, das primär im operativen Umfeld eingesetzt wurde. Die moderne Form des Tourniquets, die in der taktischen Medizin verwendet wird, ist als Combat Application Tourniquet bekannt und besteht aus einem eingeschlauften Gurt mit angebrachten Knebelprinzip.

6. Phasen

Die taktische Medizin lässt sich in drei Phasen unterteilen:[2]

  • Care Under Fire (bzw. "rote/heiße Zone") – Versorgung am Ort der Verwundung: Diese Phase findet oft unter unmittelbarer Bedrohung statt. Es erfolgt lediglich eine medizinische Selbstversorgung in der Form der Anlage eines Tourniquets. Einzige Fremdversorgung wäre in dieser Phase den Verwundeten in Deckung zu ziehen. Dort ist dann auch die Fremdversorgung mittels Tourniquet möglich.
  • Tactical Field Care (bzw. "gelbe/warme Zone") – Versorgung der Verwundeten in Deckung (kein wirksames Feindfeuer): In dieser Phase liegt der Fokus auf einer erweiterten medizinischen Versorgung. Eine Untersuchung erfolgt derzeit (2025) nach dem cABCDE-Schema (zivile taktische Medizin) oder dem MARCH-Schema (militärische taktische Medizin). Dabei wird u.a. der gesamte Körper des Verwundeten nach Verletzungen abgesucht ("Body Check"), indem der Körper über und unter der Kleidung mit den Händen abgestrichen wird ("Blood Sweep").
  • Tactical Evacuation Care (bzw. "grüne/kalte Zone") – Vorbereitung und Durchführung des Transports unter Berücksichtigung der "Golden Hour" aus der Gefahrensituation.[3]

In allen Phasen ist zu beachten, dass die taktische Lage immer der medizinischen Lage vorgeht. Die aktuelle Gefahrenlage wird daher kontinuierlich reevaluiert und der Eigenschutz beachtet.

7. Taktische Medizin in der Bundeswehr

7.1. Einsatzersthelfer

Da nicht alle Truppen über Sanitätspersonal verfügen, spielt die Eigen- und Kameradenhilfe eine wichtige Rolle. Bei der Bundeswehr wird die sanitätsdienstliche Grundausbildung für alle Soldaten als Einsatzersthelfer A (Alpha) bezeichnet. Die nächste Stufe sind Einsatzersthelfer B (Bravo). Die Soldaten mit dieser Ausbildung sind in den Bereichen Blutstillung und Atemwegsmanagement ausgebildet. Sie versorgen die Patienten, soweit die taktische Lage dies zulässt, und sichern die schnelle Verwundetenversorgung.

Die sanitätsdienstliche Ausbildung von Spezialkräften bei der Bundeswehr bezeichnet man als "Combat First Responder". Bei der Polizei werden Patienten in Gefahrenlagen durch sanitätsdienstlich ausgebildete Polizisten behandelt.

Aktuell (2025) stellt die Bundeswehr das Sanitätskonzept zur Selbst- und Kameradenhilfe um. Der Einsatzersthelfer A wird künftig nach dem TCCC-Konzept durch den All Service Member (ASM) ersetzt, der Einsatzersthelfer B durch den Combat Livesaver (CLS) und die Combat First Responder werden Combat Medic/Corpsman (CMC). In diesem Rahmen werden auch die bisherigen Ausbildungsinhalte angepasst.

7.2. Versorgungsebenen

Man unterscheidet innerhalb der taktischen Medizin verschiedene Versorgungsebenen:

7.3. ROLE 0

Die erste Stufe der taktischen Verwundetenversorgung erfolgt in der Regel durch Nichtsanitätspersonal (Einsatzersthelfer A, Einsatzersthelfer B).

7.4. ROLE 1 - Rettungsstation

Die Verwundeten werden in dieser Ebene durch Truppenärzte versorgt.

7.5. ROLE 2 - Rettungszentrum

Die dritte Stufe der taktischen Verwundetenversorgung umfasst den gesicherten militärischen Bereich. Hier findet eine mögliche notfallchirurgische Behandlung statt. Zentral ist ebenfalls die Schockraumbehandlung.

7.6. ROLE 3 - Einsatzlazarett

Bei dieser Ebene kommt die Versorgung durch weitere Fachbereiche hinzu. Die Leistungsfähigkeit des Einsatzlazaretts sollte die einer Uniklinik umfassen.

7.7. ROLE 4 - Bundeswehrkrankenhaus

Die letzte Stufe umfasst die definitive operative Versorgung und Rehabilitation.

7.8. Ausrüstung

Die Ausrüstung, die zur Anwendung medizinischer Maßnahmen in einem taktischen Umfeld verwendet werden, umfasst z.B. verschiedene Arten von Tourniquets (z.B. Combat Application Tourniquet, Emergency and Military Tourniquets), Verbandsstoffen (z.B. Gaze) und Hämostypika sowie Mittel für die invasive Atemwegssicherung. Darüber hinaus kommen individuelle Erste-Hilfe-Sets, sogenannte IFAKs (individual first aid kit) zum Einsatz.

8. Weblink

9. Quellen

  1. DBRD Akademie – TECC-Anwenderkurs, abgerufen am 21.01.2025
  2. 2,0 2,1 2,2 Hauer T., Ladehof K., Münzberg M. (2016). Taktische Verwundetenversorgung. In: Präklinisches Traumamanagement: Prehospital Trauma Life Support (PHTLS). National Association of Emergency Medical Technicians (NAEMT). 3.Auflage. München: Urban & Fischer Verlag / Elsevier, S.633, S.636
  3. Bundeswehr – Taktische Verwundetenversorgung: Leben Retten im Gefecht, abgerufen am 21.01.2025

10. Literatur

  • Christian Neitzel, Karsten Ladehof. Taktische Medizin. In: Notfallmedizin und Einsatzmedizin. 2. Auflage Springer Verlag, 2015
  • Bundeswehr – Einsatzersthelfer A, abgerufen am 22.01.2025
Stichworte: Militär, Polizei, Teilgebiet
Fachgebiete: Notfallmedizin

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