Stichverletzung
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LoslegenSynonym: Stichwunde
Englisch: stab wound
Definition
Eine Stichverletzung ist ein Trauma, das durch einen spitzen Gegenstand verursacht wird, der unter Krafteinwirkung die Haut durchstößt und die darunterliegenden Gewebeschichten penetriert. Dabei kommt es zur Bildung eines Stichkanals.
Pathologie
Die Blutungsintensität, die Wundtiefe und die Wundränder der Stichwunde sind vom verwendeten Gegenstand und von der betroffenen Körperregion abhängig.
Ist der Stichkanal schmal, ist die resultierende Blutung in der Regel gering und kann über das tatsächliche Ausmaß der Verletzung, z.B. über eine mögliche Beteiligung innerer Organe hinwegtäuschen. Bei perforierenden Stichverletzungen unterscheidet man
- Einstichverletzung und
- Ausstichverletzung
Glattrandige, spitze und scharfe Gegenstände (z.B. Messer) hinterlassen glatte Wundränder, wohingegen stumpfe Gegenstände mit unregelmäßigem Rand (z.B. Äste) den Wundrand oft zerfetzen.
Prädilektionsstellen
Komplikationen
Stichverletzungen können je nach Lokalisation und Tiefe zu folgenden Komplikationen führen, z.B.:
- Wundinfektion und Abszessbildung
- Verletzung von Nerven und Arterien oder Venen
- Durchtrennung von Sehnen oder Muskeln mit resultierender Funktionsminderung
- Verbleib von Fremdkörpern im Stichkanal
- Pneumothorax bei thorakalen Stichverletzungen
- Organperforation bei abdominellen Stichverletzungen
Diagnostik
Die Basisdiagnostik von Stichverletzungen an den Extremitäten umfasst die sorgfältige Überprüfung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität ("DMS"). Die Sensibilität sollte – insbesondere im Bereich der Hand – mithilfe der 2-Punkte-Diskrimination getestet werden. Besteht der Verdacht auf eine Verletzung von Leitungsbahnen oder eine funktionsmindernde Durchtrennung von Muskeln, Gelenken oder Sehnen, ist eine Revision der betroffenen Extremität in Blutleere notwendig.
Je nach Lage und Schwere der Stichverletzung können weitere Maßnahmen erforderlich sein. Bei Verletzungen des Rumpfes ist die eFAST-Untersuchung Bestandteil der primären Traumadiagnostik. Sie dient dem raschen Nachweis eines Pneumothorax, Hämatothorax oder freier intraabdomineller Flüssigkeit. Bei hämodynamisch stabilen Patienten mit Verdacht auf eine Rumpfpenetration ist anschließend eine CT-Diagnostik indiziert. Bei Kreislaufinstabilität erfolgt die sofortige operative Versorgung.[2]Bei bestätigter oder nicht sicher auszuschließender Perforation des Bauchraums wird eine Laparoskopie oder ggf. eine Probelaparotomie durchgeführt.[3]
Therapie
Erstmaßnahmen
Im Rahmen der Erstversorgung wird die Wunde mit einer sterilen Wundauflage abgedeckt. Steckende Gegenstände dürfen nicht entfernt werden, da sie als temporäre Tamponade wirken können und ihre Entfernung das Ausmaß der Verletzung unkontrollierbar verschlimmern kann. Bei lebensbedrohlichen Blutungen an den Extremitäten kann präklinisch die Anlage eines Tourniquets erforderlich sein. Ist eine Blutstillung durch direkte Kompression nicht ausreichend möglich, können hämostatische Wundauflagen (z.B. auf Chitosan- oder Kaolinbasis) eingesetzt werden.
Wundversorgung
Nach gründlicher Reinigung und Spülung der Wunde richtet sich das Vorgehen beim Wundverschluss nach Ausmaß und Kontaminationsgrad der Verletzung.[4] Saubere, unkomplizierte Stichwunden können in der Regel primär verschlossen werden. Bei typischen Stichkanälen ist die vollständige Wundspülung aufgrund der engen Wundgeometrie erschwert. Infektionsrisiko und Wundverschluss sind daher sorgfältig abzuwägen. Bei stark kontaminierten oder devitalisierten Wunden kann ein verzögerter oder sekundärer Wundverschluss indiziert sein. Eine antibiotische Prophylaxe ist bei erhöhtem Infektionsrisiko angezeigt, z.B. bei tiefen, kontaminierten oder tiefe Strukturen einbeziehenden Wunden.[4]
Infektionsprophylaxe
Da Krankheitserreger in den Stichkanal eingetragen werden können, erfordern auch kleinere Stichwunden die Überprüfung des Tetanusschutzes. Stichverletzungen zählen zu den tetanusgefährdeten Wunden. Die Tetanusprophylaxe richtet sich nach dem Impfstatus des Patienten und der Wundkategorie gemäß dem STIKO-Schema des Robert Koch-Instituts.[5]
Eine Sonderform sind Verletzungen mit Nadeln im klinischen Bereich, die gesonderte prophylaktische Maßnahmen erfordern.
siehe auch: Nadelstichverletzung
Chirurgische Therapie
Bei Verletzungen tiefer Strukturen wie Sehnen, Nerven oder Gefäßen ist eine chirurgische Revision mit Rekonstruktion der durchtrennten Strukturen indiziert.
Quellen
- ↑ Keim A, Marinucci J. Making better wound management decisions. JAAPA. 2019;32(4):15-22.
- ↑ Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung. AWMF-Registernummer 187-023. Version 4.0. 2022. Verfügbar unter: AWMF 187-023.
- ↑ Butt MU, Zacharias N, Velmahos GC. Penetrating abdominal injuries: management controversies. Scand J Trauma Resusc Emerg Med. 2009;17:19.
- ↑ 4,0 4,1 Mankowitz SL. Laceration Management. J Emerg Med. 2017;53(3):369-382.
- ↑ Robert Koch-Institut. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Epidemiologisches Bulletin 4/2026. Berlin: RKI; 2026. Verfügbar unter: STIKO-Empfehlungen 2026.