Visuelle Agnosie
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LoslegenSynonym: "Seelenblindheit"
Englisch: visual agnosia
Definition
Unter visueller Agnosie versteht man eine Störung der Verarbeitung visueller Reize durch das Gehirn bei intakter Sehfunktion. Die Betroffenen nehmen visuelle Reize mit ihrem Sehorgan normal wahr – Sehschärfe, Gesichtsfeld und Farbwahrnehmung sind erhalten –, können Objekte oder Gesichter aber nicht mehr erkennen bzw. benennen. Visuelle Agnosien sind insgesamt seltene Störungsbilder.[1]
Einteilung
Nach Lissauer (1890) werden zwei Grundformen unterschieden:[1]
- Apperzeptive Agnosie: Störung der Gegenstandserkennung durch Unfähigkeit, die verschiedenen Elemente der visuellen Wahrnehmung zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen. Betroffene können Objekte nicht abzeichnen.
- Assoziative Agnosie: Unfähigkeit der Identifizierung eines Gegenstands, auch wenn dieser wahrgenommen wird und bekannt ist. Objekte können kopiert oder verglichen, aber nicht benannt werden.
Daneben existieren umschriebene Sonderformen, bei denen selektiv einzelne Kategorien betroffen sind:
- Prosopagnosie: gestörtes Erkennen von Gesichtern
- Reine Alexie: gestörtes Erkennen von Wörtern und Buchstaben
- Farbagnosie: gestörte Zuordnung von Farben
- Simultanagnosie: Unfähigkeit, mehrere Objekte gleichzeitig zu erfassen (meist im Rahmen des Bálint-Syndroms)
Ätiologie
Visuelle Agnosien entstehen durch Läsionen des ventralen visuellen Verarbeitungsstroms im okzipitotemporalen Cortex. Betroffen sind der sekundäre visuelle Cortex (Areae 18/19) sowie nachgeschaltete Assoziationsareale wie der Gyrus fusiformis. Die Lokalisation variiert mit der Form:
- apperzeptive Agnosie: meist ausgedehnte, häufig bilaterale okzipitale bzw. okzipitoparietale Schädigung, oft nach Hypoxie oder Kohlenmonoxidvergiftung
- assoziative Agnosie: meist bilaterale okzipitotemporale Läsionen des ventralen Stroms
Häufige Ursachen sind der Schlaganfall (v.a. im Versorgungsgebiet der Arteria cerebri posterior), Hypoxie bzw. CO-Intoxikation, Schädel-Hirn-Traumata, Hirntumoren, Enzephalitiden sowie neurodegenerative Erkrankungen wie die posteriore kortikale Atrophie.
Klinik
Die genauen Symptome hängen von Ort und Ursache der Läsion ab. Gemeinsam ist allen Formen, dass die elementare Sehleistung erhalten ist und die Betroffenen sich visuell orientieren können, das Erkennen bzw. Benennen von Objekten aber gestört ist. Die Unterscheidung, ob ein Objekt abgezeichnet werden kann, erlaubt die klinische Abgrenzung der apperzeptiven (Abzeichnen gestört) von der assoziativen Form (Abzeichnen möglich).
Diagnostik
Die Diagnose erfolgt klinisch-neuropsychologisch. Geprüft werden Objekt- und Gesichtererkennung sowie Kopier- und Zuordnungsaufgaben (z.B. mit standardisierten Testbatterien). Voraussetzung ist der Ausschluss einer primären Sehstörung durch Prüfung von Sehschärfe, Gesichtsfeld und Farbsehen. Wichtig ist außerdem die Abgrenzung von einer Aphasie mit Benennungsstörung. Zur Darstellung der Läsion dient die MRT; ergänzend kann die funktionelle MRT die Zuordnung der Störung zu den betroffenen Arealen des ventralen Verarbeitungsstroms unterstützen.
Differentialdiagnosen
- anomische Aphasie (Benennungsstörung bei erhaltenem Erkennen)
- optische Aphasie (Objekt wird visuell zwar erkannt, kann aber nur auf visuellem Weg nicht benannt werden – Benennung über Tasten oder Hören gelingt)
- Demenz
- primäre Sehstörungen
- Neglect
Therapie
Die kausale Behandlung – sofern möglich – richtet sich nach der Grunderkrankung. Therapeutisch stehen neuropsychologische Rehabilitation und Kompensationsstrategien im Vordergrund, insbesondere die Nutzung anderer Sinnesmodalitäten (Tasten, Hören) und kontextueller Hinweise. Die Prognose ist von Ursache und Ausmaß der Läsion abhängig.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Álvarez und Masjuan, Visual agnosia, Rev Clin Esp (Barc), 2016
Literatur
- Masuhr und Neumann, Duale Reihe Neurologie, 8. Auflage, Thieme, 2021
- Karnath und Thier, Kognitive Neurowissenschaften, 3. Auflage, Springer, 2012