Farbagnosie
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LoslegenEnglisch: color agnosia, colour agnosia
Definition
Die Farbagnosie ist eine seltene Form der visuellen Agnosie, bei der die Farbwahrnehmung erhalten ist, die Zuordnung von Farben zu Objekten (Farbwissen) jedoch gestört ist. Betroffene können Farben sehen, voneinander unterscheiden und meist auch benennen, welche Farbe sie vor sich sehen – sie scheitern jedoch, wenn die typische Farbe eines Objekts aus dem Gedächtnis abgerufen werden soll (z.B. "Welche Farbe hat Gras?").[1][2]
Hintergrund
In der Literatur wird teils auch eine gestörte Benennung gesehener Farben der Farbagnosie zugerechnet; nach Bartolomeo und Miceli handelt es sich dabei jedoch um das gemeinsame Auftreten von Farbagnosie und Farbanomie, die als eigenständige Störung zu werten ist.[2] Bartolomeo und Miceli betonen explizit, dass Betroffene eine vorgelegte Farbe (z.B. eine blaue Karte) meist korrekt zeigen, zuordnen und benennen können – der Ausfall betrifft spezifisch den Abruf der kanonischen, aus dem Gedächtnis erinnerten Objektfarbe.[2]
Abgrenzung
Störungen der Farbverarbeitung betreffen drei dissoziierbare Ebenen: die Farbwahrnehmung, das Farbwissen und die Farbbenennung. Die Farbagnosie ist eine Störung des Farbwissens bei intakter Wahrnehmung, Farbbenennung und Sprache und muss insbesondere von folgenden Krankheitsbildern unterschieden werden:
| Störung | Farbwahrnehmung | Farbwissen | Farbbenennung |
|---|---|---|---|
| Zerebrale Achromatopsie | gestört | meist erhalten | gestört |
| Farbagnosie | intakt | gestört | meist erhalten[2] |
| Farbanomie | intakt | intakt | gestört |
| Optische Aphasie für Farben | intakt | meist erhalten | gestört (nur bei visueller Präsentation) |
Die optische Aphasie für Farben beruht – anders als die Farbagnosie – auf einer visuo-verbalen Diskonnektion: Das Objekt bzw. seine Farbe wird korrekt erkannt, kann aber im visuellen Modus nicht benannt werden, während die Benennung über andere Modalitäten (z.B. Tasten) gelingt.
Abzugrenzen ist außerdem die angeborene Farbenfehlsichtigkeit (z.B. Rot-Grün-Sehschwäche), die auf einer Störung der Zapfen der Netzhaut beruht und keine zerebrale Ursache hat.
Ätiologie
Die Farbagnosie beruht auf einer erworbenen Läsion der okzipitotemporalen Übergangsregion, meist links.[1] Häufige Ursachen sind Schlaganfälle im Versorgungsgebiet der Arteria cerebri posterior, seltener Traumata, Tumoren oder entzündliche Prozesse. Neben der erworbenen ist auch eine seltene angeborene Form beschrieben.
Pathophysiologie
Der Störung liegt eine Läsion im ventralen okzipitotemporalen Kortex zugrunde, meist der linken Hemisphäre.[2] Anders als bei der zerebralen Achromatopsie, bei der bereits die Farbwahrnehmung selbst gestört ist, bleibt bei der Farbagnosie die Wahrnehmung intakt – betroffen ist die Verknüpfung mit dem gespeicherten Objekt-Farb-Wissen.[2]
Symptomatik
Kennzeichnend ist, dass Betroffene Farben normal wahrnehmen und in Sortier- oder Zuordnungsaufgaben korrekt gruppieren, das damit verknüpfte Wissen aber nicht abrufen können. Typische Auffälligkeiten sind:
- Unfähigkeit, die typische Farbe bekannter Objekte anzugeben (z.B. "Welche Farbe hat Gras?")
- Unfähigkeit, Objekte einer bestimmten Farbe aufzuzählen (z.B. "Nenne rote Dinge")
- fehlerhaftes Ausmalen von Objekten aus dem Gedächtnis
Die elementaren Sehleistungen (Sehschärfe, Gesichtsfeld) sowie Sprache und Gedächtnis sind nicht betroffen.
Diagnostik
Die Diagnostik prüft die drei Ebenen der Farbverarbeitung getrennt:
- Farbwahrnehmung: Sortier- und Diskriminationsaufgaben (z.B. Farnsworth-Munsell-100-Hue-Test)
- Farbbenennung: Benennen vorgelegter Farben
- Farbwissen: Objekt-Farb-Zuordnung und Ausmalaufgaben aus dem Gedächtnis
Auszuschließen sind eine angeborene Farbenfehlsichtigkeit (z.B. mittels Ishihara-Test), eine Achromatopsie, eine Aphasie sowie eine optische Aphasie für Farben. Zur Lokalisation der Läsion dient die MRT.
Therapie
Eine kausale Therapie existiert nicht. Die Behandlung richtet sich nach der Grunderkrankung. Im Vordergrund stehen neuropsychologische Rehabilitation und Kompensationsstrategien. Aufgrund der Seltenheit des Krankheitsbildes ist die Datenlage begrenzt.
Quellen
Literatur
- Zeki S. A century of cerebral achromatopsia. Brain. 1990;113(6):1721-1777.
- Goldenberg G. Neuropsychologie. 4. Aufl. Urban & Fischer/Elsevier; 2007.