Ventromedialer präfrontaler Cortex
Definition
Der ventromediale präfrontale Cortex, kurz vmPFC, ist ein funktionell und anatomisch definierter Anteil des präfrontalen Cortex an der medialen und ventralen Oberfläche des Frontallappens. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Integration emotionaler, motivationaler und kognitiver Informationen sowie bei der top-down-Modulation limbischer Aktivität, insbesondere der Amygdala.
Hintergrund
Das Konzept des vmPFC wurde wesentlich durch Läsionsstudien (u. a. durch Phineas Gage) sowie durch moderne funktionelle Bildgebung geprägt. Klinisch relevant wurde der vmPFC in jüngerer Zeit durch seine Bedeutung für emotionsgeleitete Entscheidungsfindung, soziales Verhalten und Affektregulation. Funktionell steht er an der Schnittstelle zwischen präfrontaler Exekutivkontrolle und limbischem System.
Anatomie
Aufgrund der überwiegend funktionellen Definition des vmPFC ist die anatomische Abgrenzung zu umliegenden Systemen häufig fließend. Folgende anatomische Beschreibung fasst die wesentlichen Aspekte zusammen:
- Lokalisation
- ventrale und mediale Anteile des Frontallappens
- inferior des Gyrus cinguli anterior
- medial des orbitofrontalen Cortex
- Brodmann-Areale (variabel)
Die Histologie bzw. Zytologie des vmPFC bildet keine scharf abgrenzbare Einheit. Es handelt sich um einen agranulären bis dysgranulären Cortex.
Verbindungen
Als Integrationszentrum höherer kognitiver und emotionaler Funktionen besitzt der ventromediale präfrontale Cortex zahlreiche Verbindungen, die seine Schlüsselrolle in der Emotions-Autonomie-Kopplung erklären:
Afferenzen
- Amygdala
- Hippocampus/Gyrus parahippocampalis
- Insula (v.a. anteriorer Teil)
- Thalamus (mediodorsaler Kern)
- Hirnstamm (divers; v.a. via monoaminerger Systeme)
Efferenzen
- Amygdala (modulatorisch-inhibitorisch)
- Hypothalamus
- periaquäduktales Grau
- Nucleus accumbens / ventrales Striatum
- diffuse autonome Regulationszentren
Funktion
Es konnte die Mitwirkung an diversen höheren Funktionen nachgewiesen werden. Hierbei sei zu beachten, dass diese selten monozentrisch (d..h. nur im vmPFC), sondern zumeist multizentrisch angesiedelt sind:
- Bewertung emotionaler Reize (sog. "value assignment")
- Emotionsregulation durch kontextabhängige Modulation limbischer Aktivität
- Integration somatischer Marker (sog. "somatic marker hypothesis" nach Damasio)
- Entscheidungsfindung unter Unsicherheit und bei emotional geprägter Ambivalenz
- Soziale Kognition (u. a. Empathie, moralische Urteile, Theory of Mind-Anteile
- Regulation vegetativer Reaktionen (u. a. Herzfrequenz, Stressantwort)
Psychopathologie
Eine eingeschränkte Funktion des vmPFC begünstigt eine Überaktivität limbischer Systeme infolge unzureichender präfrontaler Kontrolle. Klinisch und psychologisch manifestiert sich dies unter anderem durch:
- impulsives, affektgesteuertes Verhalten
- reduzierte Frustrationstoleranz
- inadäquate Angst- und Stressreaktion
- eingeschränkte Emotionsdifferenzierung
- defizitäre soziale Anpassung und moralische Urteile
Damit assoziierte Störungsbilder erstrecken sich u. a. auf:
- affektive Störungen (u. a. Depression)
- Angststörungen und PTSD
- Borderline-Persönlichkeitsstörung
- substanzgebundene Abhängigkeit
Funktionell lassen sich die klinisch-psychologischen Erscheinungen als Versagen der top-down-Inhibition limbischer Strukturen (v. a. der Amygdala) interpretieren.
Literatur
- Bechara A, et al., Deciding advantageously before knowing the advantageous strategy. Science, 1997.
- Saul MA, et al., A Two-Person Neuroscience Approach for Social Anxiety: A Paradigm With Interbrain Synchrony and Neurofeedback. Front. Psychol., 2022.
- Quirk GJ & Beer JS, Prefrontal involvement in the regulation of emotion: convergence of rat and human studies. Curr Opin Neurobiol., 2006.
- Roy M, et al., Ventromedial prefrontal-subcortical systems and the generation of affective meaning. Trends Cogn Sci., 2012.
- Viviani R, Neural correlates of emotion regulation in the ventral prefrontal cortex and the encoding of subjective value and economic utility. Front. Psychol., 2014.