Tendovaginitis stenosans de Quervain
nach dem Schweizer Chirurgen Fritz de Quervain (1868–1940)
Synonyme: Quervain-Krankheit, Quervain-Tendovaginitis, Gamer-Daumen, Hausfrauendaumen
Englisch: De Quervain syndrome
Definition
Unter der Tendovaginitis stenosans de Quervain versteht man eine unspezifische Entzündung im Bereich der Sehnenscheiden des Musculus abductor pollicis longus und des Musculus extensor pollicis brevis im ersten Strecksehnenfach.
Abgrenzung
Die Tendovaginitis stenosans de Quervain ist von der Tendovaginitis stenosans ("schnellender Finger") abzugrenzen. Während beim schnellenden Finger eine stenosierende Veränderung im Bereich der Beugesehnenscheide (meist A1-Ringband) vorliegt, betrifft die Erkrankung nach de Quervain das erste Strecksehnenfach am radialen Handgelenk.
Epidemiologie
Die Tendovaginitis stenosans de Quervain tritt bei Frauen fünfmal häufiger auf als bei Männern. Betroffen sind insbesondere Personen um das 50. Lebensjahr. Gehäuft tritt die Erkrankung auch postpartal bzw. in der Stillzeit ("mommy thumb") sowie bei repetitiver mechanischer Überlastung des Daumens auf.
Ätiologie
Die Ätiologie der Erkrankung ist noch (2026) nicht genau geklärt. Man vermutet, dass eine Überbeanspruchung, eine rheumatoide Arthritis, sowie chronisch degenerative Prozesse bei der Entstehung der Tendovaginitis eine Rolle spielen. Als wesentlicher pathogenetischer Faktor gilt eine mechanische Enge im ersten Strecksehnenfach, häufig begünstigt durch anatomische Varianten.
Pathogenese
Die Entzündung im Bereich der Sehnenscheiden führt zu Vernarbungen und damit auch zur Einengung des Gewebes der Sehnenscheide, was die Gleitfähigkeit der Sehnen beeinträchtigt. Histopathologisch finden sich häufig myxoide Degenerationen und fibroblastische Veränderungen.
Klinik
Patienten, die von der Tendovaginitis stenosans de Quervain betroffen sind, klagen über belastungsabhängige Schmerzen, die im Bereich des Daumens und des Handgelenks auftreten und in den Unterarm ausstrahlen können. Typisch ist ein lokaler Druckschmerz über dem ersten Strecksehnenfach, gelegentlich tastbare Krepitation oder Schwellung.
Diagnostik
Im Rahmen der klinischen Untersuchung zeigt sich die oben beschriebene Symptomatik. Ein positiver Finkelstein-Test oder Eichhoff-Test kann den Verdacht auf eine Quervain-Tendovaginitis erhärten. Ergänzend kann der WHAT-Test ("wrist hyperflexion and abduction of the thumb") hilfreich sein. Die Sonographie ermöglicht den Nachweis von Sehnenverdickung, Flüssigkeitsansammlungen sowie einer möglichen Septierung des ersten Strecksehnenfachs. Sie ist insbesondere vor Injektionstherapie bei Verdacht auf Septierung des Sehnenfachs sinnvoll.
Differenzialdiagnose
Differenzialdiagnostisch sollten eine Styloiditis radii, eine Rhizarthrose sowie eine Handgelenksarthrose in Betracht gezogen werden.
Therapie
Konservativ
Die Therapie erfolgt primär konservativ. Empfohlen wird eine funktionelle Ruhigstellung mittels Orthese über einen begrenzten Zeitraum in Kombination mit Belastungsreduktion und NSAR.
Die lokale Injektion eines Kortikosteroids (ggf. kombiniert mit einem Lokalanästhetikum) in das erste Strecksehnenfach stellt eine Therapieoption mit hoher Erfolgsrate dar und ist der alleinigen Immobilisation häufig überlegen. Wiederholte Kortikoidinjektionen können jedoch degenerative Veränderungen hervorrufen.
Die routinemäßige Gipsruhigstellung ist nicht obligat und sollte nur in ausgewählten Fällen erfolgen.
Operativ
Führt die konservative Therapie nicht zu einer ausreichenden Beschwerdelinderung, wird das erste Strecksehnenfach operativ in Längsrichtung gespalten. Intraoperativ ist auf eine mögliche Septierung des Sehnenfachs zu achten, die vollständig mit adressiert werden sollte, um Rezidive zu vermeiden.
Bei ausgeprägter Synovialproliferation ist die Ergänzung durch eine Synovektomie möglich. Der Eingriff kann in Allgemein- oder Regionalanästhesie (z.B. axilläre Plexusblockade) erfolgen. Mögliche Komplikationen sind Läsionen oder Irritationen des Ramus superficialis nervi radialis, Narbenbildung sowie eine Sehnensubluxation bei insuffizienter Retinakulumführung.
Literatur
- Meier et al., Schmerzen am ersten Strahl der Hand: Differenzialdiagnosen und Therapien, Die Orthopädie, 2025