Postinfektiöses Reizdarmsyndrom
Englisch: post-infectious irritable bowel syndrome, PI-IBS
Definition
Das postinfektiöse Reizdarmsyndrom, kurz PI-RDS, ist eine Subform des Reizdarmsyndroms (IBS), die nach einer akuten gastrointestinalen Infektion auftritt.
Epidemiologie
Nach einer Episode infektiöser Gastroenteritis entwickeln etwa 10–15 % der Betroffenen ein PI-IBS. Die Prävalenz variiert in Abhängigkeit von Erregertyp, Studiendesign und Beobachtungsdauer. Das Risiko ist insbesondere erhöht nach:
- bakteriellen Infektionen (z. B. mit Campylobacter, Salmonella, enterotoxinbildenden Escherichia coli)
- protozoalen Infektionen (z. B. mit Giardia lamblia)
Virale Gastroenteritiden sind in der Regel mit einem geringeren Risiko für die Entwicklung eines PI-IBS assoziiert, können jedoch ebenfalls zu postinfektiösen funktionellen Darmbeschwerden führen.
Risikofaktoren
Risikofaktoren sind jüngeres Alter, weibliches Geschlecht, schwere initiale Erkrankung, psychische Komorbiditäten wie Angststörungen und Depression sowie bestimmte genetische Prädispositionen.
Pathophysiologie
Pathophysiologisch spielen anhaltende Veränderungen des Darmmikrobioms, eine gestörte Darmbarriere mit erhöhter Permeabilität, chronische low-grade Entzündungen, neuronale und epitheliale Umbauprozesse sowie eine Dysregulation der Immunantwort eine zentrale Rolle.
Klinik
Das PI-IBS äußert sich klinisch durch
Die Symptome können über Monate bis Jahre persistieren.
Diagnose
Die Diagnostik umfasst den Ausschluss anderer organischer Erkrankungen wie Zöliakie, mikroskopische Kolitis oder entzündliche Darmerkrankungen. Die Diagnose basiert auf der Anamnese mit symptomatischem Beginn nach einer Infektion und den Kriterien des Reizdarmsyndroms (z.B. nach Rom-IV-Kriterien).
Therapie
Die Behandlung des PI‑IBS erfolgt überwiegend symptomorientiert nach den Prinzipien der allgemeinen IBS‑Therapie, z.B. mit Antidiarrhoika bei Diarrhö, Antispasmodika bei Krämpfen, ausgewählten Probiotika, niedrig dosierten trizyklischen Antidepressiva bzw. SSRI sowie – bei ausgeprägter Diarrhö – gegebenenfalls 5‑HT3‑Antagonisten.
Neue Therapieansätze zielen auf die Modulation des intestinalen Mikrobioms und die Dämpfung der niedriggradigen Entzündung ab. Erste Daten zu Antibiotika wie Rifaximin sowie zu immunmodulatorischen Strategien sind vielversprechend, gelten beim PI‑IBS jedoch noch nicht als etablierte, kausale Standardtherapie.
Prognose
Die Prognose ist meist besser als bei nicht-postinfektiösem IBS, jedoch können Symptome über Jahre bestehen bleiben.