PROCAM-Score
Synonyme: PROCAM-Test, PROCAM-Risikorechner
Definition
Der PROCAM-Score ist ein klinisch-epidemiologisches Risikomodell zur Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für ein akutes Koronarsyndrom (ACS), insbesondere den Myokardinfarkt. Er basiert auf Daten der Prospective Cardiovascular Münster Study (PROCAM-Studie) und dient der primärpräventiven kardiovaskulären Risikostratifizierung.
Hintergrund
Die PROCAM-Studie wurde in den 1970er-Jahren in Deutschland initiiert und zählt zu den großen prospektiven kardiovaskulären Kohortenstudien Europas. Untersucht wurden klassische Risikofaktoren für koronare Ereignisse, überwiegend bei männlichen Erwerbstätigen. Auf Grundlage dieser Langzeitdaten wurde der PROCAM-Score entwickelt, der insbesondere im deutschsprachigen Raum breite Anwendung fand.
Zielsetzung
Ziel des PROCAM-Scores ist die Identifikation von Personen mit erhöhtem koronarem Risiko, um präventive Maßnahmen – hauptsächlich Lebensstilinterventionen und gegebenenfalls eine medikamentöse Lipidsenkung – risikoadaptiert einzuleiten. Der Score wurde über viele Jahre in der hausärztlichen und internistischen Praxis eingesetzt und prägte die präventivkardiologische Risikokommunikation.
Eingehende Risikofaktoren
Der klassische PROCAM-Score berücksichtigt folgende Variablen:
- Alter
- LDL-Cholesterin
- HDL-Cholesterin
- Triglyzeride
- systolischer Blutdruck
- Nikotinkonsum
- Diabetes mellitus
- positive Familienanamnese für vorzeitige koronare Herzerkrankung
Aus der gewichteten Kombination dieser Parameter ergibt sich eine Punktzahl, die in ein prozentuales 10-Jahres-Risiko für ein akutes Koronarsyndrom überführt wird.
Varianten und Adaptationen
In der klinischen Praxis existieren mehrere Varianten und Anwendungsformen des PROCAM-Modells. Dabei handelt es sich nicht um eigenständige Scores, sondern um Modifikationen desselben Grundkonzepts:
- Klassischer PROCAM-Score: Abschätzung des 10-Jahres-Risikos für koronare Ereignisse; primär bei Männern mittleren Alters validiert
- PROCAM-Score für Frauen: geschlechtsspezifisch rekalibrierte Variante mit angepasster Gewichtung der Risikofaktoren aufgrund geringerer Ereignisraten
- PROCAM mit "Hard-CHD“-Endpunkten: Variante mit Fokussierung auf harte koronare Endpunkte (Myokardinfarkt, koronarer Tod) unter Ausschluss weicher Ereignisse wie instabile Angina pectoris
- PROCAM-basierte Tests und Ableitungen: Vereinfachte oder abgeleitete Nutzungen des PROCAM-Modells, z. B. öffentlich zugängliche Gesundheits- oder Schnelltests
Interpretation
Je nach Version erfolgt eine Einteilung in Risikokategorien:
| Risikokategorie | 10-Jahres-Risiko |
|---|---|
| Niedriges Risiko | < 10 % |
| Intermediäres Risiko | 10–20 % |
| Hohes Risiko | > 20 % |
Die exakten Grenzwerte können variieren und sind abhängig vom verwendeten Rechner sowie vom klinischen Kontext.
Abgrenzung
Im Gegensatz zu international etablierten Modellen wie dem Framingham Risk Score oder den in aktuellen europäischen Leitlinien empfohlenen SCORE2-Systemen der ESC prognostiziert der PROCAM-Score ausschließlich koronare Ereignisse und nicht die gesamte kardiovaskuläre Mortalität. In modernen Leitlinien wird er daher zunehmend durch neuere Risikomodelle ersetzt.
Limitationen
Zu den wesentlichen Einschränkungen des PROCAM-Scores zählen:
- Eingeschränkte Übertragbarkeit auf Frauen und ältere Personen
- Fokussierung auf koronare Endpunkte
- Fehlende Berücksichtigung moderner Biomarker und bildgebender Verfahren
- Begrenzte Generalisierbarkeit außerhalb der ursprünglichen Studienpopulation
Literatur
- Assmann et al., Simple scoring scheme for calculating the risk of acute coronary events based on the 10‑year follow‑up of the Prospective Cardiovascular Münster (PROCAM) study, Circulation, 2002
- Assmann und Schulte, The Prospective Cardiovascular Münster (PROCAM) study: prevalence of hyperlipidemia in persons with hypertension and/or diabetes mellitus and the relationship to coronary heart disease, Am Heart J, 1988
- Conroy et al., Estimation of ten‑year risk of fatal cardiovascular disease in Europe: the SCORE project, Eur Heart J, 2003