SCORE2-Rechner
Synonyme: SCORE2, SCORE2-Risikorechner
Englisch: SCORE2 calculator
Definition
Der SCORE2-Rechner ist ein kardiovaskulärer Risikorechner zur Abschätzung des individuellen 10-Jahres-Risikos für tödliche und nicht-tödliche atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen (ASCVD). Er wurde von der European Society of Cardiology (ESC) als Weiterentwicklung des klassischen SCORE-Systems eingeführt und stellt das empfohlene Instrument zur Risikostratifizierung in der primären kardiovaskulären Prävention in Europa dar.
Hintergrund
Das ursprüngliche SCORE-Modell basierte ausschließlich auf der Vorhersage kardiovaskulärer Mortalität. Vor dem Hintergrund sinkender Sterblichkeitsraten, verbesserter Präventionsstrategien und neuer epidemiologischer Daten erwies sich dieser Ansatz zunehmend als unzureichend. SCORE2 wurde entwickelt, um neben tödlichen auch nicht-tödliche kardiovaskuläre Ereignisse abzubilden und so eine realistischere Risikoabschätzung zu ermöglichen, insbesondere bei jüngeren Personen.
Berechnungsgrundlage
Der SCORE2-Rechner nutzt wenige, im klinischen Alltag leicht verfügbare Parameter. In die Risikoberechnung fließen folgende Faktoren ein:
Die zugrunde liegenden Modelle wurden aus großen europäischen Kohorten abgeleitet und regional kalibriert, da die Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse innerhalb Europas erheblich variiert. Entsprechend unterscheidet SCORE2 zwischen Ländern mit niedrigem, moderatem, hohem und sehr hohem kardiovaskulärem Risiko.
Varianten
SCORE2 ist für Personen im Alter von 40 bis 69 Jahren konzipiert. Für ältere Patientinnen und Patienten ab 70 Jahren steht mit SCORE2-OP (Older Persons) ein angepasstes Modell zur Verfügung, das konkurrierende Mortalitätsrisiken berücksichtigt und dadurch eine Überschätzung des kardiovaskulären Risikos im höheren Lebensalter vermeidet.
Risikoendpunkte
Im Unterschied zum früheren SCORE-System erfasst SCORE2 das kombinierte 10-Jahres-Risiko für nicht-tödlichen Myokardinfarkt, nicht-tödlichen Schlaganfall sowie kardiovaskulären Tod. Dadurch wird die klinische Relevanz des Modells für präventive Therapieentscheidungen deutlich erhöht.
Risikokategorien
Die anhand von SCORE2 ermittelten Risiken werden altersabhängig in definierte Risikokategorien eingeteilt. Diese Einteilung bildet die Grundlage für die Festlegung präventiver Maßnahmen, insbesondere hinsichtlich Lebensstilinterventionen sowie der Indikation und Zielwertdefinition lipidsenkender Therapien gemäß ESC-Leitlinien.
Klinische Bedeutung
Der SCORE2-Rechner ist ein zentrales Instrument der leitlinienbasierten primären kardiovaskulären Prävention. Er unterstützt die strukturierte Risikokommunikation und die individualisierte Therapieplanung. SCORE2 sollte bei Patientinnen und Patienten mit bereits manifester kardiovaskulärer Erkrankung, Diabetes mellitus mit Endorganschäden, schwerer chronischer Nierenerkrankung oder sehr hohem Einzelrisiko nicht angewendet werden, da diese Personengruppen definitionsgemäß Hoch- oder Sehr-Hoch-Risikokollektive sind.
Limitationen
SCORE2 berücksichtigt weder familiäre Vorbelastung noch psychosoziale, inflammatorische oder genetische Risikofaktoren. Zudem ist die Aussagekraft bei extrem ausgeprägten Einzelrisikofaktoren eingeschränkt. Der Rechner ersetzt daher nicht die ärztliche Gesamtbeurteilung, sondern dient als ergänzendes Entscheidungsinstrument.
Literatur
- SCORE2 working group and ESC Cardiovascular risk collaboration, SCORE2 risk prediction algorithms: new models to estimate 10‑year risk of cardiovascular disease in Europe, Eur Heart J, 2021
- Visseren et al., 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice, Eur Heart J, 2021